Interview mit Bürgermeisterin Marion Dirks zur Verschiebung der Lockerungen
„Ich bin natürlich enttäuscht“

Billerbeck. Die landesweit geplanten Lockerungen der Corona-Auflagen werden im Kreis Coesfeld um eine Woche verschoben. Das gilt damit auch für die Stadt Billerbeck. Unser Redaktionsmitglied Stephanie Sieme hat dazu Bürgermeisterin Marion Dirks interviewt.

Montag, 11.05.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 11.05.2020, 06:02 Uhr
Interview mit Bürgermeisterin Marion Dirks zur Verschiebung der Lockerungen: „Ich bin natürlich enttäuscht“
Bürgermeisterin Marion Dirks. Foto: Chiara Dirks Foto: az

Die ab dem heutigen Montag in NRW geltenden Lockerungen sind im Kreis Coesfeld nun um eine Woche verschoben worden. Was denken Sie persönlich über die Aufschiebung der Lockerungen?

Marion Dirks: Ich bin natürlich enttäuscht und hätte mir vor allem für unsere Betriebe gewünscht, dass es weiter geht. Auf der anderen Seite ist es nachvollziehbar, nun regionaler zu denken und als Maßstab für Lockerungen oder Verschärfungen vor Ort Infektionszahlen heranzuziehen. Dass wir allerdings der erste Kreis sind, der von dieser Vorgehensweise betroffen wird, habe ich nicht erwartet. Natürlich haben wir auch immer mit Sorge auf Pflegeeinrichtungen oder auch auf unsere Flüchtlingsunterkünfte geschaut, weil uns klar ist, dass ein Ausbruch in solch besonderen Situationen besonders gefährlich ist. Die Pflegeeinrichtungen sind hervorragend aufgestellt. Wir haben in unseren Flüchtlingsunterkünften Informationen in mehreren Sprachen verteilt und auch die Menschen direkt angesprochen.

Was bedeutet das nun für die Menschen in der Stadt Billerbeck?

Marion Dirks: Gerade unsere Gastronomie ist darauf angewiesen, endlich öffnen zu können. Zwei Billerbecker Händler müssen auf die Öffnung der gesamten Fläche warten. Auch unsere Anbieter in den Bereichen Fitness, Massage, Kosmetik und Maniküre warten dringend auf grünes Licht. Es geht hier um Existenzen. Die Kontaktsperre wird ja auch nicht gelockert. Eine große Herausforderung für unsere Familien. Die Akzeptanz wird nicht bei allen da sein, da der Ausbruch ja von einem Unternehmen ausgeht. Wir müssen da achtsam sein. Die infizierten Mitarbeiter haben übrigens nicht nur Werkverträge. Einige von ihnen arbeiten und wohnen seit Jahren in Billerbeck, sind hier sogar aufgewachsen. Ich möchte vor allem an alle appellieren, besonnen zu bleiben und nicht ihre Nachbarn, gleich welcher Nationalität, für die jetzige Lage verantwortlich zu machen, nur weil sie bei Westfleisch arbeiten.

Wie haben Sie den Umgang mit den Vorfällen bei Westfleisch wahrgenommen?

Marion Dirks: Nach meiner Information hat das Gesundheitsamt des Kreises Coesfeld nach Auftreten der ersten Fälle im Unternehmen konsequent nachgeforscht und die Tests sofort massiv ausgeweitet. Da wurde quasi in ein Wespennest gestochen und prompt stiegen die Zahlen. Sie werden auch weiter steigen, wenn alle Testergebnisse vorliegen. Sie würden aber auch steigen, wenn alle Billerbeckerinnen und Biller-becker getestet würden. Niemand kennt den tatsächlichen Stand der Ausbreitung, weil ja viele Menschen gar keine Symptome ausbilden. Es gab einen stetigen Austausch des Kreisgesundheitsamtes mit den übergeordneten Behörden. Ob das Unternehmen früher hätte geschlossen werden müssen, kann ich nicht beurteilen. Wir leben in einem Rechtsstaat und da muss alles, auch eine Betriebsschließung, gut überlegt sein. Auch über das Unternehmen Westfleisch kann ich nichts sagen, da wir keine Kontakte hatten. Kontakte mit den Subunternehmern, die für die Werkvertragsmitarbeiter zuständig sind, haben wir sehr wohl. Sie zeigen sich kooperativ und übernehmen Verantwortung. Teile der Politik haben sich offenbar auf Kreisebene in den Wahlkampfmodus begeben. Natürlich brauchen wir eine vollständige Aufklärung, wie es soweit kommen konnte. Und auch Veränderungen. Jeder sollte sich aber gegenüber den Verantwortlichen mit Vorwürfen zurückhalten, solange nicht alle Fakten bekannt sind.

Lange sind die Zahlen der nachgewiesenen Corona-Fälle in Billerbeck relativ konstant geblieben. Von Donnerstag auf Freitag gab es dann auf Mal neun neue Fälle. Ist dieser Anstieg der Infektionszahlen in Billerbeck auf Geschehnisse um Westfleisch ganz oder teilweise zurückzuführen?

Marion Dirks: Wir haben Stand heute 44 gemeldete Infektionen, von denen 13 dem Bereich Westfleisch zuzuordnen sind. Damit ist der komplette Anstieg Westfleisch zuzuordnen.

In die Kritik geraten sind unter anderem die Sammelunterkünfte von Mitarbeitern der Fleischindustrie. Gibt es auch in Billerbeck solche Unterkünfte? Und wenn ja, werden daraus Konsequenzen gezogen?

Marion Dirks: In Billerbeck wohnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Werkverträgen auf neun Adressen verteilt. Darunter auch Familienverbände mit Kindern, die in ganz normalen Wohnungen oder im Reihenhaus leben. Es gibt ein größeres Haus mit mehreren Wohnungen, in dem insgesamt 30 Personen gemeldet sind. Bislang gehen wir davon aus, dass es die in die Kritik geratenen Sammelunterkünfte in dieser Art in unserer Stadt nicht gibt. Wir schauen uns Flächen und Belegung aber noch einmal an. Allerdings ist es Realität, dass Menschen mit geringeren Einkünften weniger Wohnraum zur Verfügung haben und beengter leben. Das Wohnungsaufsichtsgesetz gibt die Möglichkeit des behördlichen Einschreitens, wenn für einen Erwachsenen weniger als neun Quadratmeter zur Verfügung stehen, wobei die gesamte Wohnfläche zugrunde gelegt wird. Das ist schon wenig. Daher müssen die Konsequenzen vom Unternehmen Westfleisch und seinen Subunternehmern gezogen werden, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die aus Osteuropa anreisen, mehr Wohnfläche zur Verfügung stellen.

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