Reisebuch erzählt von der Via Francigena
„Kurvengeflüster“ im Kloster vollendet

Billerbeck. Das Kloster Gerleve als Ort der Ruhe, der Besinnung und der Orientierung wissen viele zu schätzen. So auch Professor André Niedostadek. Regelmäßig, meistens zu Beginn eines neuen Jahres, nimmt er sich in Gerleve eine bewusste Auszeit, um seine Jahresplanung zu machen. Der Rechtswissenschaftler, der an der Hochschule Harz lehrt, und darüber hinaus als Autor und Business Speaker tätig ist, muss Prioritäten setzen, zu groß ist die Zahl der reizvollen Projekte, die er gerne in Angriff nehmen würde. Anfang 2020 war Niedostadek wieder in Gerleve, dieses Mal allerdings um ein Projekt abzuschließen: sein Reisebuch „Kurvengeflüster“, in dem er von seinem Motorrad-Trip entlang der Via Francigena von Canterbury nach Rom erzählt. „Das Manuskript war fast fertig. In Gerleve habe ich mir eine Woche Zeit genommen, die letzten Kapitel zu schreiben. Die Zurückgezogenheit und der Rhythmus des Klosterlebens haben mir sehr dabei geholfen, mich ganz auf diese Arbeit zu konzentrieren“, sagt der 50-Jährige, der in Telgte zu Hause ist.

Sonntag, 22.11.2020, 11:08 Uhr
Reisebuch erzählt von der Via Francigena: „Kurvengeflüster“ im Kloster vollendet
Prof. André Niedostadek war mit dem Motorrad auf der Via Francigena von Canterbury nach Rom unterwegs. Seine Erlebnisse, Gedanken und Gefühle hat er in dem Reisebuch „Kurvengeflüster“ festgehalten, dessen Manuskript er im Kloster Gerleve fertiggestellt hat. Foto: Christine Tibroni

Inzwischen ist das Buch im Thurm-Verlag erschienen. Kein klassischer Reiseführer, eher ein Reisetagebuch, das Gedanken und Gefühlen des Reisenden ebenso Raum gibt wie den kleinen Begegnungen und Erlebnissen jenseits der touristischen Hotspots, von denen es entlang der Via Francigena reichlich gibt. Im Ton so leicht und heiter, dass man kaum glauben kann, dass da ein Juraprofessor am Werk war, der zudem im Plauderton zahlreiche Verbindungen zur Kulturgeschichte Europas knüpft.

Drei Wochen war André Niedostadek im Juli/August 2017 auf dem uralten, etwa 1800 Kilometer langen Pilgerweg unterwegs. „Allerdings nicht als klassischer Pilger. Dazu hätte ich zu Fuß, mit dem Fahrrad oder zu Pferde reisen müssen, aber so viel Zeit hatte ich nicht“, erzählt Niedostadek und lacht. Stattdessen nahm er seine Honda Deauville NT 700, die er „die Dicke“ nennt und die ihn schon auf zahlreichen Motorradtouren zuverlässig ans Ziel gebracht hat. Nun also von Canterbury nach Rom.

Warum gerade diese Tour? „Vor Jahren bin ich auf ein Buch über die Via Francigena gestoßen und fand schon damals die Verbindung England-Italien reizvoll, weil ich mich beiden Ländern sehr verbunden fühle“, so Niedostadek, der in Münster und Großbritannien studierte und in Italien nicht nur die Urlaube seiner Kindheit verbrachte, sondern auch seine Frau kennen lernte. Mit dem Buch keimte die Idee, die Frankenstraße zu bereisen. „Und da ich mir vorgenommen habe, niemals in meinem Leben rückblickend sagen zu müssen, ach, hättest du das doch gemacht, habe ich mich am 18. Juli 2017 auf den Weg gemacht.“ Allein, nur mit dem nötigsten Gepäck, ohne ausgefeilte Reiseplanung. Einsam habe er sich nie gefühlt. Verlassen auch nicht. Selbst dann nicht, als „die Dicke“ im französischen Arras streikte oder in einer engen Sackgasse im italienischen Capranica nicht mehr vor und zurück kam. „Irgendwie habe ich immer Hilfe bekommen. Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis dieser Reise: Alles fügt sich, man darf vertrauen“, sagt Niedostadek.

Welche Orte ihn auf seiner Tour besonders beeindruckt haben? Da muss er nicht lange überlegen. „Die Ruine der Abtei Vauclaire mitten im Nirgendwo hat mich sehr beeindruckt, weil sie so eine ursprüngliche Ruhe ausstrahlt. Und die Stelle, an der Bischof Sigerich, prominentester Pilger auf der Via Francigena, 990 den Fluss Po überquert haben soll. Wunderbar gelegen, keine Menschenseele dort. Da habe ich viel Zeit verbracht.“ Im Buch schreibt Niedostadek: „Wie lange ich bleibe, weiß ich nicht. Ich schaue gar nicht auf die Uhr. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Genau hier und jetzt stimmt das.“

Ja, das Glück, auch darüber hat er auf seiner Reise viel nachgedacht und viel gelernt. Und glücklich habe ihn anschließend auch das Schreiben gemacht. Da wundert es nicht, dass der Textanteil im Buch wesentlich größer als der Bildanteil ist, ungewöhnlich für Reisebücher, aber „Kurvengeflüster“ ist eben auch kein gewöhnliches Reisebuch.

7 André Niedostadek: Kurvengeflüster. Entlang der Via Francigena von Canterbury nach Rom. Thurm-Verlag 2020, 19,80 Euro. ISBN 978-3-945216-39-2

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