Propst Hans-Bernd Serries ist gelernter Buchhändler
„Jedes Buch ist eine ganz neue Welt“

Billerbeck. Schwungvoll sind die Buchstaben zu Papier gebracht. Mit einem schwarzen Stift. Die Signatur dieses weltberühmten Schriftstellers ist gut zu lesen. „Michael Ende“ steht auf der ersten Seite des Buches. Unter dem Titel „Momo“. Es ist die Geschichte über die grauen Herren, die den Menschen die Zeit stehlen wollen und das Mädchen „Momo“, das den Zeitdieben noch Einhalt gebieten kann. „Ich habe diese signierte Ausgabe von meinen damaligen Kollegen zum 18. Geburtstag geschenkt bekommen“, erzählt Propst Hans-Bernd Serries. Denn bevor er sein Leben Gott gewidmet hat und Priester wurde, hat er eine Ausbildung zum Buchhändler gemacht. In der damaligen Regensbergschen Buchhandlung in Münster. „Eine alteingesessene und renommierte Buchhandlung“, so der Propst.

Freitag, 05.02.2021, 08:14 Uhr
Propst Hans-Bernd Serries ist gelernter Buchhändler: „Jedes Buch ist eine ganz neue Welt“
Propst Hans-Bernd Serries besitzt ein umfangreiches Buchsortiment. Darunter ist auch ein winzig kleines Taschenbuch, das 5,5 mal 4,5 Zentimeter groß ist. Foto: Stephanie Sieme

Die Regensbergsche Buchhandlung hatte ihren Sitz im Schatten der Lambertikirche am Alten Steinweg 1. Sie hat sich über 400 Jahre lang in Münster im Familienbesitz gehalten. „Ich bedaure, dass die Buchhandlung aus innerbetrieblichen Gründen nicht weiter existieren konnte“, sagt er. „Ich habe dort für mich wichtige Lebenserfahrungen gemacht.“ Mit spannenden Begegnungen. Denn so unterschiedlich die Menschen auch sind, so vielschichtig sind auch ihre Interessen in der Literatur. „Morgens war die erste Aufgabe immer, die Bestellungen auszupacken. Das war schon interessant, was die Leute so bestellt haben. Darunter waren auch Kuriositäten. Ich erinnere mich noch an das erste offizielle Katzenhasser-Buch“, erzählt er.

Von 1980 bis 1983 hat Serries seine Ausbildung zum Buchhändler absolviert. Nach seinem Abschluss an der Handelsschule hat sich der gebürtige Everswinkler bei der Regensbergschen Buchhandlung um einen Ausbildungsplatz beworben – daneben unter anderem auch beim bischöflichen Generalvikariat in Münster. 17 Jahr alt war er damals. Als Serries die Zusage von der Buchhandlung erhalten hat, kam fast gleichzeitig die Einladung des Generalvikariats für ein Bewerbungsgespräch. „Ich habe mich dort gemeldet und gesagt, dass ich schon einen Ausbildungsplatz habe. Die waren echt geplättet. Aber sie haben mich ja später doch noch bekommen“, sagt Serries und lächelt.

„Ich fand den Buchhandel interessant und spannend. Auch der Kontakt mit Kunden hat mich gereizt. Und Bücher fand ich auch schon immer interessant“, so der Billerbecker. Es war eine große Buchhandlung mit vielen Abteilungen wie unter anderem Theologie, Medizin, Philosophie, Kunst, Geschichte und auch einem großen Kinderbuchbereich. „Dort habe ich angefangen. Momo war damals der Renner. Das haben wir in solchen Mengen verkauft“, erzählt Serries. „Michael Ende war für eine Lesung eingeladen und hat Exemplare signiert. Davon habe ich eines von meinen Kollegen geschenkt bekommen.“ Und es steht auch heute noch in einem seiner Bücherregale. Wie viele Schmöker der Propst zu Hause hat? Das weiß er nicht. Serries: „Da kommt einiges zusammen. Ich kann schlecht Bücher abgeben, weil für mich jedes einzelne irgendwann eine Zeit lang bedeutend war.“ Biografien, Autobiografien, historisch verankerte Romane und auch Tagebücher interessieren ihn vor allem. „Ein historischer Fantasyroman reizt mich nicht. Einen gut gemachten historischen Roman, der mit tatsächlichen Ereignissen verankert ist, finde ich spannend“, sagt Serries. „Ich habe Bücher aber auch als schöne Objekte immer mehr schätzen gelernt.“ Kunstbildbände oder auch Werke mit Sprachwitz begeistern ihn wie Texte von Hanns Dieter Hüsch oder Loriot.

Natürlich nimmt auch die theologische Literatur einen großen Platz in seinem Leben ein. Gearbeitet hat er auch immer gerne in der Theologie-Abteilung der Buchhandlung. „Das zeigt auch ein bisschen meinen späteren Werdegang“, sagt er. Geprägt haben ihn Werke des Mailänder Kardinals Carlo Martini.

Das tägliche Hauptarbeitswerk vom Propst ist die Bibel. „Das Buch der Bücher“, so Serries. „Damit gehe ich ständig um und entdecke immer wieder noch etwas Neues. Es ist ein Buch, das vor langer Zeit geschrieben wurde und Lebens- und Glaubensweisheiten erhält, die in der heutigen Zeit immer noch aktuell sind.“ Bei der Langen Lesenacht, die im November coronabedingt ausfallen musste, hätte er auch den Anfang aus dem Markus-Evangelium vorgelesen sowie ein Stück aus der aktuellen.

In seinem privaten Buchsortiment hat Serries ein winzig kleines in Leder gebundenes Taschenbuch, das seinem Namen alle Ehre macht. „Das kann man wirklich noch in die Hosentasche stecken. Heute spricht man von Taschenbüchern und die sind viel zu groß“, merkt er an. 5,5 mal 4,5 Zentimeter groß ist dieses Mini-Format und hat über 5oo Seiten. Eines der ältesten Bücher, die der Propst besitzt, ist ein großes, „völlig unhandliches“ aus dem Jahr 1698 mit über 1000 Seiten. Der Inhalt: Geschichten aus dem neuen Testament. „Bücher überliefern Vergangenheit. Sie transportieren die Vergangenheit in die Gegenwart und informieren für die Zukunft“, so der Propst. „Sie sind wichtige Informationsbringer. Jedes Buch ist eine ganz neue Welt.“ Auf die Abschlussprüfung der Buchhändler Ausbildung hat sich Serries übrigens im Kloster Gerleve vorbereitet.

 In der Serie „Lange Lesenacht@home“ unserer Zeitung in Kooperation mit der Stadt Billerbeck und der Bücherschmiede stellen wir die Protagonisten der Lesenacht und ihre Büchertipps vor. Ende der Serie

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