Streifzug durchs Revier: Hinter der Weißenburg wird der Waldbestand erneuert
Frischzellenkur für den kranken Forst

Billerbeck. Winzige kreisrunde Bohrlöcher im Stamm sind das erste Indiz. Und obwohl der Baum noch steht wie eine Eins, bestätigt ein Blick in die nadellose Krone, die sich wie ein dürres Gerippe im Wind wiegt, den traurigen Verdacht: Die Fichte ist tot. Die Ursache pult Martin Kleining unter der Rinde hervor: ein Borkenkäfer, nur wenige Millimeter groß. „Mit dem Käfer ist es fast wie mit Corona“, zieht der Leiter des Forstbetriebsbezirks Coesfeld einen Vergleich. „Auf kleiner Fläche ist die Plage noch zu händeln, aber irgendwann gerät sie außer Kontrolle.“ Aus der Schadensbegrenzung wird die Schadensbeseitigung. Daher verabschieden sich die Waldbauern mehr und mehr von der Monokultur und stellen sich für die Zukunft breiter auf, wie ein Streifzug durchs Revier hinter der Weißenburg zeigt.

Montag, 01.03.2021, 07:00 Uhr
Streifzug durchs Revier: Hinter der Weißenburg wird der Waldbestand erneuert: Frischzellenkur für den kranken Forst
Nur wenige Millimeter groß und doch Feind Nummer 1 für jede Fichte: der Borkenkäfer. Foto: az

Dem Wald geht es deutschlandweit so schlecht wie noch nie, wie der jetzt von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) vorgestellte Zustandsbericht für 2020 zeigt. Simon Buschhaus ist beim Regionalforstamt Münsterland als Mitarbeiter in der Bewältigung von Käfer- und Trockenschäden tätig. Sicher zurzeit viel zu tun? Ein müdes Lächeln als Antwort sagt alles. Das frühlingshafte Wetter spielt dem Borkenkäfer in die Karten. „Ab 16 Grad schwärmt er aus“, weiß Buschhaus. 13 000 Kubikmeter Fichtenholz sind in Kleinings Forstbetriebsbezirk, zu dem neben Coesfeld und Rosendahl auch der westliche Teil von Billerbeck gehört, in 2019 dem Schädling zum Opfer gefallen – rund 430 Lkw voll. Doch glücklicherweise gehört zum Beruf des Försters nicht nur die Mängelverwaltung. Gemeinsam mit den Waldbesitzern gestalten sie das neue Bild des Forsts.

Schon nach wenigen Metern steht eine Reihe Lärchen, deren Kronen sich bereits ineinander verhaken. „Die behindern sich gegenseitig im Wuchs“, erklärt Kleining. Rote Striche an den Stämmen zeigen, welche Lärchen zugunsten der wenigen guten Exemplare entnommen werden müssen, um die Qualität des Bestands zu steigern. „Das nennt man durchforsten“, sagt der Mitarbeiter des Landesbetriebs Wald und Holz NRW.

Wie das idealerweise aussieht, zeigt sich im nächsten Abschnitt, als es plötzlich unter den Sohlen knackt und kratzt: Bucheckern. Während die Mittagssonne durch die Kronen der Buchen das Waldstück flutet, fällt der Blick über die angrenzenden Wiesen hinunter bis auf die Türme des Doms in der Ferne. „Locker bis lückig, ganz in Ordnung“, urteilt Kleining und lässt seinen Blick umherschweifen. „Die Buche erzeugt super Kaminholz“, sagt der Gescheraner, während er über den Stamm eines Exemplars steigt, das nach einem Sturmschaden gefällt werden musste. Nach seinem Lieblingsbaum gefragt, muss Martin Kleining nicht lange überlegen: „Die Eiche. Die ist einfach so urwüchsig und ein Sinnbild für Dauerhaftigkeit.“ Eichenholz eigne sich auch besser zum Bau von Möbeln oder sogar Fachwerkhäusern.

Durch niedrige Brombeerbüsche führt der Waldspaziergang zu einer Fläche, die auf den ersten Blick nach Kahlschlag aussieht. „2018 ging hier der Borkenkäfer wie ein Flächenbrand durch“, schildert Kleining. Doch aus dem mulchbedeckten Boden ragen bereits die ersten Sprösslinge von Stieleiche, Wildkirsche und Rotbuche hervor. „Das setzt natürlich eine intensive Bejagung voraus“, zeigt der Förster auf den Hochsitz am Rande dieser aufgeforsteten Fläche, die wie eine Frischzellenkur für den durch Borkenkäfer und Dürre gebeutelten Forst wirkt. „Vor Wildschäden sollen auch diese Fegeschutzspiralen vorbeugen“, erläutert Kleining, während er mit Simon Buschhaus die mitwachsenden Plastikummantelungen um die zweigdünnen Stämme der Wildkirschbäume begutachtet. „In vielen Flächen werden wir in Zukunft auch mit wärmeliebenden Bäumen wie Esskastanien oder Douglasien arbeiten“, erläutert Buschhaus mit Blick auf den Klimawandel.

Martin Kleining marschiert über den weichen, lockeren Boden und rückt hier und da einen jungen Baum gerade. „Man trifft beim Anpflanzen eine Entscheidung für die nächsten 150 Jahre“, gibt der Förster zu bedenken. „Man kann es nur aus heutiger Sicht beurteilen. Den Rest zeigt die Zeit.“ Eine Borkenkäferplage und drei Dürreperioden in Folge, die nach 40 Jahren Wachstum eines Fichtenbestands den Erlös auf null reduzieren – damit konnten die Waldbauern damals wohl nicht rechnen. Plötzlich hämmert ein Specht mit dem Schnabel in den Wipfeln gegen das Totholz. „Der holt sich die Borkenkäferlarven da raus“, weiß Kleining und schaut nach oben. „Aber auch der kommt gegen die Plage nicht an.“

Am Wegesrand liegt noch der letzte Schnee. Dass der Waldboden das übrige Schmelzwasser gierig aufgesogen und nicht eine Spur von Morast offenbart hat, spricht Bände. „Wir hoffen jetzt auf viel Regen im Frühjahr“, sagt Martin Kleining. Damit die Vielfalt im Forst nun auch gedeiht und die Frischzellenkur Früchte trägt.

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