Aufbau der neuen Ausstellung in der Kolvenburg
Heimat mit Grünkohl und Scherenschnitt

Billerbeck. Es ist das größte Bild der Ausstellung. „Es wird an Stahlseilen befestigt“, sagt Stephan Meinke, der schätzt, dass es wohl um die 20 Kilo auf die Waage bringt. Zusammen mit Hendrik Renner befestigt er das idyllische Gemälde, ein Blick auf Billerbeck von Alstätte aus, vorsichtig an einer Wand in der Kolvenburg und bringt es in die richtige Position. Swenja Janning, Kulturreferentin des Kreises Coesfeld, hilft den beiden, befestigt die Stahlseile an den Bildhaken. Dabei tragen sie alle weiße Handschuhe, um nichts zu beschmutzen oder zu beschädigen.

Donnerstag, 01.04.2021, 07:14 Uhr
Aufbau der neuen Ausstellung in der Kolvenburg: Heimat mit Grünkohl und Scherenschnitt
Ein Leiterwagen steht in diesem Gemälde von Bernhard Bröker, das aus dem Jahr 1914 stammt und vom französischen Impressionismus inspiriert ist, im Fokus. Es ist eines von rund 80 Ausstellungsstücken, die Swenja Janning (Kulturreferentin des Kreises Coesfeld) zeigt. Foto: Stephanie Sieme

Das Gemälde von Eberhard Viegener aus dem Jahr 1957, ist eines von rund 80 Kunstwerken, die im Rahmen der Ausstellung „Heimat – Jetzt?!“ ab dem 10. April (Samstag) in der Kolvenburg zu sehen sind. Dabei wird ein Blick auf die sich in den vergangenen 150 Jahren geänderten Heimatgefühle des Westfalen und insbesondere des Münsterländers geworfen. „Wir gehen der Frage nach, was Heimat ausmacht und zeigen, wie sie vor 20, 50 und vor 150 Jahren gesehen wurde“, informiert Swenja Janning. „Während dieser Pandemie müssen wir uns auch gezwungener Maßen mit der Heimat auseinandersetzen, sie aushalten, entdecken sie aber auch neu.“ Ansichten von Landschaften, Städten, Gruppenbildnisse, Stilleben, kunsthandwerkliche Objekte und Fotografien gibt es zu sehen. Mit ihnen werden beispielhaft die gesellschaftlichen, sozialen und politischen Aspekte, die Heimatgefühle beeinflussen, beleuchtet. Auch eine kritische Betrachtung des Begriffs Heimat bleibe nicht aus, so die Kulturreferentin. „Wir wollen nichts ausklammern.“

Ältestes Ausstellungsstück ist ein Scherenschnitt von der berühmten Heimatdichterin Annette von Droste zu Hülshoff aus dem Jahr 1830 – eine Leihgabe der Hülshoff-Stiftung. Der Scherenschnitt zeigt eine indische Landschaft. „Auf Haus Rüschhaus zog sich Annette von Droste zu Hülshoff zurück und träumte sich nach Indien. Als Frau war es zu ihrer Zeit verpönt, in ferne Länder zu reisen, trotzdem hatte sie diese Sehnsucht. Die haben wir alle ja momentan auch“, sagt Swenja Janning. Nur ein paar Meter vom Scherenschnitt entfernt, steht der Lyrikomat von Marion Lohoff-Börger. Die freie Texterin und Autorin aus Münster schreibt Lyrik auf nostalgischen Schreibmaschinen. Schreibmaschinen-Lyrik nennt sie es liebevoll. Es sind Gedichte, die Menschen emotional berühren und von verschiedenen Personen in 20 Sprachen übersetzt wurden.

Fotografien von Schrebergärten mit Gartenzwerg-Idylle, Stillleben mit Grünkohl und Pinkel. Bilder, die Vereinsleben zeigen und auch die Religion und politische Ereignisse thematisieren, Kunstwerke mit Portraits von Handwerksfamilien, auf Leinwand festgehaltenes Landleben und die Arbeiterbewegung zur Zeit der Industrialisierung, Ansichten von Schlössern und Burgen, aber auch eine Bootsskulptur mit Flüchtlingen werden in der Ausstellung gezeigt. „Heimat in der Fremde ist auch ein Thema“, so die Kulturreferentin.

Auf einer großen Plane können Besucher selber ihre Heimat darstellen. Zudem gibt es eine Kooperation mit dem Westfälischen Literaturbüro Unna. Eine Fotografin und ein Autor werden sich vom 14. bis 29. Mai mit der Region auseinandersetzen. Auch der Heimatpreis des Kreises soll am 14. Mai in der Kolvenburg verliehen werden. Zudem wird ein Schulprojekt angeboten, bei dem die Schüler ihren Schulweg nach subjektiver Kalligrafie malen und dann an die Kolvenburg schicken können. „Wir würden die Bilder gerne ausstellen“, sagt Norma Sukup, Leitung der kulturellen Bildung des Kreises Coesfeld. Infos dazu soll es in Kürze auf der Kolvenburg-Homepage geben.

Der Begriff Heimat sei vielfältig. „Jeder sieht Heimat anders. Es ist etwas, was ich selbst konstruiere. Man muss sich verorten, sonst ist man verloren“, erklärt Swenja Janning. Heimat könne etwas Tragisches haben, gleichzeitig aber auch Sehnsucht, Nostalgie, etwas Schönes bedeuten.

In der Vergangenheit sei der Begriff Heimat allerdings auch von politischen Strömungen wie den Nationalsozialisten missbraucht worden. Swenja Janning: „Diesen Missbrauch gibt es auch heute noch von verschiedenen Bewegungen.“

Bis zur Eröffnung der Heimat-Ausstellung gibt es noch alle Hände voll zu tun. Kunstwerke müssen an ihren Platz gebracht, begleitende Informationstexte gedruckt und das Licht richtig eingestellt werden. „Ich denke, dass wir Mitte nächster Woche fertig sind“, so Swenja Janning.

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