Coesfeld
Ein (Lebens-)Geschichtenbuch

Coesfeld/Gescher. Menschen interessieren ihn. Menschen und ihre Geschichten. „Lebensgeschichten sind immer reizvoll. Jedes ganz gewöhnliche Leben ist unglaublich interessant, weil immer auch Zeitgeschichte hineinspielt“, sagt Michel Hülskemper, der in seinem aktuellen Buch „Vater hat nie geschossen“ in die Lebensgeschichten seiner Eltern, seiner Onkel und Tanten und seiner Großeltern eintaucht vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit.

Samstag, 28.09.2019, 16:16 Uhr
Coesfeld: Ein (Lebens-)Geschichtenbuch
Michel Hülskemper, vielen bekannt als Moderator des Coesfelder Erzählsalons, hat ein Buch über die Kriegs- und Nachkriegserlebnisse seines Vaters und weiterer Familienmitglieder geschrieben. Foto: Christine Tibroni

„Ein Thema, das meine Generation, also die Generation jenseits der 60, beschäftigt, verbunden oftmals mit dem Bedauern, nicht gefragt zu haben, als man noch fragen konnte“, so der 62-Jährige, der wie viele andere der Nachkriegsgeneration die Erfahrung machte, dass seine Eltern nur sehr wenig vom Krieg erzählten. „Mein Vater war schon über 80 Jahre alt, als er mit mir über seine Kriegserlebnisse sprach, die über Anekdoten hinausgingen“, schreibt Hülskemper im Nachwort zu seinem Buch, dessen Entstehung und Veröffentlichung sein Vater nicht mehr erlebt hat.

Diese Gespräche zwischen Vater und Sohn waren indes nicht der Anlass für das Buch. Den bildeten vielmehr Recherchen zu einer Biografie, die Michel Hülskemper über seinen Großvater väterlicherseits geschrieben hat. „In den Gesprächen, die ich damals mit den Angehörigen meiner großen Familie geführt habe, kam immer wieder der Zweite Weltkrieg vor, eine für alle Beteiligten weichenstellende Zeit. Hinzu kamen viele Dokumente, die mir meine Verwandten zur Verfügung stellten: ein letzter Brief, ein Parteiausweis, Orden, Abzeichen, Zeitungsausschnitte und Fotos. Irgendwann dachte ich, dass ich ein zweites Buch schreiben kann, das den Fokus auf die Männer und Frauen meiner Familie legt, die den Krieg miterlebt haben.“ Entstanden ist kein Geschichtsbuch, sondern ein Geschichtenbuch, das sich laut Hülskemper „behutsam und beschreibend den Dingen nähert.“ Hülskemper, der in Gescher lebt und vielen Coesfeldern als Moderator des Erzählsalons bekannt ist, möchte nicht interpretieren oder psychologisieren, und er beschäftigt sich auch nicht mit der Frage nach Verantwortung oder gar Schuld. Das sei nicht sein Thema, betont er und fügt hinzu: „Es steht mir auch nicht zu, Schuld zuzusprechen.“

Als junger Mann habe er natürlich all die Fragen gestellt, die junge Leute damals und heute bewegten und bewegen: Warum habt ihr mitgemacht? Warum habt ihr keinen Widerstand geleistet? Und er machte die Erfahrung, dass „die Rollläden heruntergefahren wurden.“ Es wurde dicht gemacht, geschwiegen. Heute sei er zurückhaltender und besonnener in seinem Urteil über andere, und das öffne den Blick auf eine in vielen Kriegsteilnehmern tief eingekapselte Scham. Beschämung darüber, einem der größten Verbrecher der Menschheit gedient zu haben. In den meisten Fällen nicht als hochrangiger Funktionär oder Offizier, sondern als Rädchen im großen Räderwerk des Regimes. So wie Hülskempers Vater, der als Bordfunker bei der Luftwaffe war.

„Vater hat nie geschossen.“ Dieser Satz geistert durch viele Familien. Er drückt auch Beschämung aus, vor allem aber das Bedürfnis, die Diskrepanz abzumildern zwischen dem liebenden Vater einerseits und dem kriegführenden Soldat andererseits. Hülskemper will indes weniger abmildern als annehmen: „Ja, es gab auch diesen Abschnitt in seinem Leben. Und: Ja, es bleibt mein Vater, der mich liebte und den ich geliebt habe.“ 7 Sein Buch „Vater hat nie geschossen“ (ISBN-13: 9783748163275) stellt Michel Hülskemper in zwei Lesungen in der Region vor: Am 8. 10. um 19.30 Uhr in der Familienbildungsstätte Coesfeld und am 9. 10. um 20 Uhr in der Evangelischen Gnadenkirche in Gescher.

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