Coesfeld
„Alle Bilder gehören ausgestellt“

Coesfeld. Der Streit gärte schon seit den Sommerferien. Am Ende ging es jetzt sehr schnell – durch ein Machtwort des Bürgermeisters. Zuvor hatte der Coesfelder Ratsherr Thomas Michels, dem die „Zensur bei der VHS“ gehörig gegen den Strich ging, Geschäftsleute angesprochen, ob sie das Bild von Burlesque-Tänzerin Dita von Teese nicht im Schaufenster zeigen könnten, um das Original doch noch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. „Die waren gerne bereit“, berichtete er. Fünf spontane Zusagen von Inhabern von Geschäften in der City erhielt er. Künstlerin Arianna Sanna konnte auswählen. Sie entschied sich für das Reisecenter Alltours am Markt, wohin die Ahauserin das Portrait, das auf den VHS-Fluren nicht hängen durfte, gestern schon kurz nach Mittag brachte. „Ich freue mich, dass es Menschen gibt, die es wertschätzen“, sagte sie, während sie es im Eingangsbereich des Reisebüros auf einer Staffelei drapierte.

Freitag, 04.10.2019, 10:58 Uhr aktualisiert: 04.10.2019, 11:04 Uhr
Coesfeld: „Alle Bilder gehören ausgestellt“
Auf Vermittlung von Ratsherr Thomas Michels kann Künstlerin Arianna Sanna ihr Bild im Reisebüro von Annette Rabert (l.) zeigen. Foto: Detlef Scherle

Für Inhaberin Annette Rabert war es „eine Selbstverständlichkeit“, das Bild zu präsentieren. Sie hatte sich vor rund drei Jahrzehnten auch schon in Gescher für die Kunstfreiheit eingesetzt, als pikante Szenen von Corrado Simeonis Gemälde im Rathaus von Gescher übermalt werden sollten. Auch das Bild von Arianna Sanna, meinte sie, „sollte Opfer einer einseitigen Betrachtungsweise werden.“ Sie habe dabei besonders verstört, dass es nicht gezeigt werden sollte, weil angeblich Männer und Frauen aus anderen Kulturkreisen daran hätten Anstoß nehmen können. Nach ihrer Überzeugung funktioniert Integration besonders gut, „wenn alle Beteiligten sich gegenseitig respektieren und neugierig auf die gesellschaftlichen und kulturellen Ansichten des anderen sind.“ Und als Weltreisende und Reisebüroinhaberin habe sie sowieso verinnerlicht, die Gepflogenheiten des Heimat- und Gastlandes zu akzeptieren.

Die AZ hatte die Stadt am Morgen um eine Stellungnahme zur Ausstellung des Bildes in Geschäftsräumen gebeten. Noch während des Termins im Reisebüro, zu dem auch ein Team des Fernsehsenders SAT1 anrückte, traf diese um 13.16 Uhr per E-Mail ein. Darin rudert Bürgermeister Heinz Öhmann, was die bisherige Haltung der Stadt angeht, komplett zurück: „Nach abschließender Sachverhaltsklärung kommen wir zu der Einschätzung, dass es sich nicht, wie zunächst angenommen, um ein reines Aufhängen der Bilder zu Dekorationszwecken gehandelt hat, sondern tatsächlich um eine Werksschau mit Eröffnungsveranstaltung und damit um eine Ausstellung. Damit ist klar: Alle Bilder gehören ausgestellt und zwar ohne, dass vorab eine Auswahl getroffen wird.“ Klare Worte, allenfalls etwas spät, über die sich nicht zuletzt Arianna Sanna freute: „Das ist eine sehr gute Nachricht.“

„Jede/r Kursteilnehmende soll die Möglichkeit haben, eines der Werke aus den Kursen zu präsentieren, es gilt die Freiheit der Kunst“, stellt Öhmann in dem Papier klar. Und er macht den Künstlern ein versöhnliches Angebot: „Wir möchten (...) allen KursteilnehmerInnen der letzten Kurse die Möglichkeit geben, ihre Werke in den Fluren der VHS auszustellen. Die organisatorischen Einzelheiten, der Zeitraum und die Dauer, werden bis zum Ende der Herbstferien geklärt.“ In den nächsten Wochen, sind sich Sanna und Rabert einig, soll das Dita-von-Teese-Portrait aber nun zunächst im Reisebüro hängen bleiben. „Es passt perfekt hierher“, so die Hobby-Künstlerin. Verkaufen will sie es übrigens nicht: „Damit habe ich ja jetzt meine eigene Geschichte.“ Außerdem habe sie noch nie eines ihrer Werke veräußert...

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