Coesfeld
„In keinem Drama so ein mieses Karma“

Coesfeld. „Genial“ hört man immer wieder beim Verlassen des Konzert Theaters und darunter schwingt eine leise Verwunderung mit über das an diesem Abend Erlebte. Bodo Wartke, bekannt als humorvoller Klavierkabarettist virtuos gereimter Liebeslieder, beschäftigt sich mit einer der größten Tragödien der Antike, nämlich „König Ödipus“ von Sophokles und bringt sie als originelles, mit gewitzten Einlagen gespicktes Einpersonenstück auf die Bühne. Eine Inszenierung, in die ganze Familien pilgern und die der Zwölfjährigen genauso viel Spaß macht wie dem pensionierten Philologen.

Freitag, 01.11.2019, 16:18 Uhr
Coesfeld: „In keinem Drama so ein mieses Karma“
Ödipus (Bodo Wartke) trifft auf die Sphinx (Carl der Plüschlöwe), die die Stadt Theben in Angst und Schrecken versetzt. Foto: Ursula Hoffmann

Natürlich ist es ein gewagter Spagat, ein so komplexes Drama wie die Geschichte von Ödipus, Sohn des Thebanischen Königs Laios, dem das Orakel prophezeit, seinen eigenen Vater zu töten und seine Mutter Iokaste zu heiraten, mit Humor, Musik und verständlich gereimter Sprache zeitgemäß zu präsentieren. Dass es Wartke gelingt, sein Publikum nicht nur zwei Stunden bei der Stange zu halten, sondern auch die Moral und die Dramatik der Vorlage zu erhalten, ist große Kunst. Er schlüpft mit grandioser Leichtigkeit in vierzehn verschiedene Rollen, braucht dafür nur eine Käppi und einige wenige Requisiten.

Mal zeigt der Schirm der Käppi nach vorne, mal nach hinten, eine leicht veränderte Körperhaltung, ein paar Schritte nach rechts oder nach links und sofort ist klar, wer wo auf wen trifft. Klasse dargestellt das Orakel („Oh Rakel“), bei dem Wartke mit einem ihm ins Gesicht strahlenden Scheinwerfer eine mystische Stimmung erzeugt. Klasse auch Ödipus als rappender Monarch oder der blinde Seher Teiresias, der mit einer Ray Ban auf der Nase an Ray Charles erinnert.

Für große Erheiterung sorgt Plüschlöwe Carl, der die Sphinx („Wie Pfingsten mit S“) verkörpert, die nach Laios Tod die Stadt Theben bedroht. Köstliche Reimspiele, eingestreute Lieder und Zitate von Goethe und Schiller über Rumpelstilzchen bis Star Wars („also alles was geil ist“) sorgen für hintersinnigen Humor.

Entscheidende Zitate entnimmt Wartke dem Originaltext – als Zeichen dafür holt er das Reclam-Heft aus seiner Hosentasche. Ein im Original endloses Streitgespräch zwischen Kreon und Ödipus dagegen wird zum Hip-Hop-Battle auf einem Cajon – Spitze!

Nun gibt es, wie Wartke betont, „in keinem anderen Drama ein derart mieses Karma“, so nimmt spätestens ab dem Auftritt des Teiresias die Tragik zu und Wartke verdeutlicht die Ironie des Schicksals – alle Versuche, der Prophezeiung zu entgehen, führen geradewegs ins Verderben. Am Ende irrt Ödipus als Blinder durchs Land und als Cliffhanger sind da natürlich noch seine vier Kinder. Also demnächst in diesem Theater: „Antigone“!

Mit stehenden Ovationen bedankt sich das Publikum für diese kongeniale Nachdichtung der klassischen Tragödie.

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