Karin Kleine Jäger hat wissenschaftliches Fachbuch zum Instrumentalspiel veröffentlicht
Ein Plädoyer für Bauchmusik

Coesfeld. „Kopfmusik“ hat Karin Kleine Jäger als Titel für ihr Buch gewählt, das streng genommen ein Plädoyer für Bauchmusik ist und nicht weniger fordert als eine Neuorientierung der Instrumentalpädagogik. Ein Blick in die Musikschulen landauf, landab macht deutlich, worum es der Coesfelderin geht. Die Schüler lernen ein Instrument kennen und es zu handhaben. Und sie lernen, das, was auf dem Notenblatt steht, möglichst genau wiederzugeben. Sie musizieren mit dem Kopf, aber nicht mit dem Bauch oder besser noch mit der Gesamtheit ihres Seins.

Sonntag, 08.12.2019, 11:18 Uhr
Karin Kleine Jäger hat wissenschaftliches Fachbuch zum Instrumentalspiel veröffentlicht: Ein Plädoyer für Bauchmusik
Karin Kleine Jäger Foto: Pixabay.com

Damit tatsächlich Musik erklingt und als Sprache wirksam wird, braucht es aber genau das: den ganzen Menschen mit seinen Erfahrungen, seinen Empfindungen, seinem subjektiven Erleben. Erst dann teilt sich der Musizierende mit, fühlt sich der Zuhörende angesprochen, wird auf beiden Seiten etwas zum Klingen gebracht, entsteht ein Dialog.

„Musik darf, muss mit uns zu tun haben“, sagt Karin Kleine Jäger, die selbst seit vielen Jahren musiziert und dabei ihrerseits Erfahrung mit der „Kopfmusik“, der verkopften Musik, gemacht hat. „Als ich angefangen habe, Cello zu spielen, hatte ich das unbestimmte Gefühl, keinen richtigen Zugang zu dem neuen Instrument zu finden. Bei einer Musikfreizeit sprach ich einen Dozenten, Cellist bei den Berliner Philharmonikern, darauf an. Und er riet mir, die Noten beiseite zu legen und kleine Melodien frei zu spielen. Das war sehr hilfreich.“

Und es war ein Schlüsselerlebnis, das in der heute 53-Jährigen Neugier und Forschergeist weckte. Im Wintersemester 2014 nahm sie ihr Masterstudium „Musik und Vermittlung“ an der Musikhochschule Münster auf, wo sie der Frage nachging, „welchen Einfluss der Instrumentalunterricht auf den Prozess des musikalischen Verstummens hat?“ Antworten fand sie weniger in den Musikwissenschaften als in der Philosophie. Zunächst bei René Descartes, der als Begründer des frühneuzeitlichen Rationalismus gilt, weil er als einer der ersten das rationale Denken in den Vordergrund stellte, was jedoch gleichzeitig zu einer Abwertung anderer Erkenntnisquellen wie etwa den Sinneserfahrungen führte. Karin Kleine Jäger schreibt: „Die Abwertung sinnlicher Qualitäten gegenüber den geistigen Aspekten der Musik hat eine lange Tradition. Sie führt bis heute dazu, dass im Instrumentalunterricht Form und Struktur der Musik selbstverständliche Ausgangspunkte der Unterrichtspraxis sind.“ Lösungswege fand sie in einer Strömung der Philosophie, der Phänomenologie, die den subjektiven Erfahrungen Raum und Stellenwert geben will. In dieser Vorstellung müsse Musik nicht mehr nur als rationale Ordnung von Tönen aufgefasst werden, sondern könne darüber hinaus zu einem Phänomen des eigenen Erlebens werden, schreibt Kleine Jäger, die ihre Forschungsergebnisse zunächst in ihrer Masterarbeit und anschließend in dem wissenschaftlichen Fachbuch „Kopfmusik“ zusammengefasst hat.

Bei der Theorie will Karin Kleine Jäger es indes nicht belassen: „Ich bin zurzeit dabei, neue Lehr- und Lernkonzepte für den Instrumentalunterricht zu entwickeln.“ Mehr mag sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht verraten. Finanzielle Unterstützung erfährt sie vom NRW-Wirtschaftsministerium, das die Coesfelderin für das Gründerstipendium NRW ausgewählt hat.

7 Karin Kleine Jäger: Kopfmusik. Eine philosophische Reflexion zum instrumentalen Musizieren. ISBN 978-3-7504-1408-2, 18,60 Euro.

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