Kaufleute reagieren mit Unverständnis auf neue Bon-Pflicht
Eine Zettelflut für den Restmüll

Lette. „Brauchen Sie den Kassenbon?“ „Nein“, antworten die meisten Kunden in der Bäckerei Böckmann, im Salon Melchers und in der Blumenbinderei. Trotzdem müssen die Händler ab diesem Jahr jedem Kunden einen Bon ausdrucken, ganz egal, ob dieser ihn möchte und unabhängig von der Höhe des Betrags.

Freitag, 03.01.2020, 10:02 Uhr aktualisiert: 03.01.2020, 19:49 Uhr
Kaufleute reagieren mit Unverständnis auf neue Bon-Pflicht: Eine Zettelflut für den Restmüll
Nur ein müdes Lächeln haben diese Letteraner Geschäftsleute für das Argument über, die neue Bon-Pflicht würde Steuerhinterziehung bekämpfen. Manipulationen an ihren Kassen seien jetzt ohnehin schon nicht möglich. Stattdessen ärgert sie die Zettelflut der Kassenbons: (v.l.) Andreas Böckmann, Denise Holiet, Karen Pohlmann und Yvonne Wiechert. Foto: Marek Walde

„Jeder Kunde, der einen Bon möchte, bekommt diesen selbstverständlich“, betont Yvonne Wiechert vom Salon Melchers. Doch das kommt nie vor: „Niemand fragt beim Friseur nach einem Bon“, erklärt sie ohne Verständnis für die neue Vorgabe. Gegen diese regt sich nicht nur bei ihr Widerstand. Andreas Böckmann muss in seinen Bäckereifilialen nun für ein einzelnes Brötchen den Bon ausdrucken und hat bereits getestet, wie viele zusätzliche Kassenzettel er drucken muss. Dies hat er auf das Jahr hochgerechnet und kommt für beide Filialen auf circa 30 zusätzliche Kilometer Bon. „Ich habe mich gar nicht getraut auszurechnen, welcher finanzielle Mehraufwand da auf uns zukommt“, ärgert er sich.

Karen Pohlmann und Denise Holiet von der Blumenbinderei haben ebenfalls einen Tag lang probehalber alle Kassenstreifen, die die Kunden nicht mitgenommen haben, in einer großen Tüte gesammelt und festgestellt, dass circa 95 Prozent im Laden bleiben oder anschließend im Müll landen. Pohlmann erklärt: „Vielen ist nicht bewusst, dass das Thermopapier, auf dem die Bons gedruckt sind, nicht in den Papiermüll darf, weil es eine spezielle Beschichtung hat.“ Damit stellen unzählige zusätzliche Bons, die nicht korrekt entsorgt werden, eine zusätzliche Umweltbelastung dar.

Für das Argument der Politik, es gehe um die Bekämpfung von Steuerhinterziehung, haben die Fachhändler nur ein müdes Lächeln über. Alle vier Geschäftsführer erklären, dass sie bereits jetzt keinerlei Möglichkeit haben, an ihren Kassen etwas zu manipulieren, da diese jede Aktion aufzeichnen. Dies ist seit einigen Jahren auch verpflichtend. „Bei denjenigen, die ihre Geschäfte ordentlich führen,“ so Böckmann, „wird weiter nachgesetzt, während offene Ladenkassen weiter erlaubt sind.“ Bei solchen Systemen werden alle Einnahmen lediglich handschriftlich dokumentiert und die Einnahmen in einer Kassenschublade gesammelt. Die Fachhändler sehen hier eine viel höhere Anfälligkeit für Manipulationen. Für Karen Pohlmann stellt die korrekte Dokumentation auch einen Selbstschutz dar: „So kann einfach auch nichts schiefgehen und wir behalten den Überblick.“

Alle drei Geschäfte haben den Grundsatz, dass Kinder, die allein kommen, immer einen Bon bekommen. Andreas Böckmann erläutert: „Dann können die Eltern nachhalten, wofür das Geld ausgegeben wurde.“ Denise Holiet ergänzt: „Ansonsten ist jeder Kunde mündig genug, um zu entscheiden, ob er einen Bon haben möchte oder nicht.“

Kiki Brocks gibt im gleichnamigen Sportgeschäft seit Jahren jedem Kunden einen Kassenbon aus. Im Gegensatz zu den kleineren Beträgen oder nicht umtauschbaren Waren der anderen Händler, finden sich bei ihm viele höherpreisige Produkte mit Garantie. „Fast jeder nimmt den Bon erstmal mit, da dieser auch für den Umtausch notwendig ist.“ Der Rollenverbrauch halte sich bei ihm jedoch auch in Grenzen, da viele beratungsintensive Gespräche geführt werden und weniger Kunden pro Tag bedient würden.

Die verschiedenen Händler überlegen nun, ihre Kassen auf Ökopapier umzustellen, doch hier spielt wieder der Kostenfaktor eine Rolle.

Karen Pohlmann und Denise Holiet wollen nun die Kassenstreifen sammeln und dann für Karneval als Girlande nutzen.

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