Die ersten zehn Stolpersteine erinnern an jüdische Mitbürger
Gedenken auf den alltäglichen Wegen

Coesfeld. Mit der Spitzhacke holt ein Mitarbeiter des Städtischen Bauhofs ein paar Pflastersteine aus dem Gehweg an der Mühlenstraße. Dann kann Künstler Gunter Demnig mit seiner Arbeit beginnen. Die rund 100 Coesfelder, die die Verlegung der ersten zehn Stolpersteine zur Erinnerung an ehemalige jüdische Mitbürger begleiten, sind ganz still. Dann ertönt die Stimme von Christa Tasler vom Initiativkreis Stolpersteine: „Wir erinnern an Ida und Albert Cohen“, beginnt sie die Biografie von zwei der vier Familienmitglieder, die hier gelebt haben. Klagend erklingt das Saxophon von Jochen Schwenken. Tina Vennes vom Initiativkreis legt weiße Rosen ab. Dann geht’s weiter. Insgesamt drei Stationen steuert die Gruppe an – zum Teil im strömenden Regen.

Mittwoch, 29.01.2020, 11:00 Uhr aktualisiert: 29.01.2020, 11:02 Uhr
Die ersten zehn Stolpersteine erinnern an jüdische Mitbürger: Gedenken auf den alltäglichen Wegen
Künstler Gunter Demnig präpariert in Höhe des Hauses 5 in der Mühlenstraße den Untergrund für vier Stolpersteine, die er hier verlegt. Insgesamt rund 100 Coesfelder begleiten ihn zu den drei Stationen. Fotos: ude Foto: az

„Wir freuen uns über die riesige Anteilnahme“, sagt Wolfgang Jung, ebenfalls Vertreter des Initiativkreises, bei der anschließenden Gedenkfeier in der überfüllten Synagoge. Porträts jüdischer Mitbürger hängen in den Fenstern, ein Beamer wirft das bekannte Bild all derer an die Wand, die sich im Dezember 1941 zum Transport nach Riga im Schlosspark sammeln mussten. Für fünf von ihnen sind gerade Stolpersteine verlegt worden. Claudia Haßkamp vom Initaitivkreis zeigt auf die Gesichter. „Wir sind froh und dankbar, dass heute der Anfang gemacht ist und die ersten zehn Stolpersteine für jüdische Coesfelderinnen und Coesfelder verlegt worden sind“, sagt sie in ihrer Ansprache. Sie dankt den Ratsvertretern, die sich Mitte 2019 einstimmig dafür ausgesprochen hatten, das Projekt, durch das in 24 Ländern der Welt bereits 75 000 Steine verlegt worden sind, auch in Coesfeld umzusetzen. Und sie dankt der Bürgerstiftung für die finanzielle Unterstützung. „Stolpersteine sind ein ergänzender wichtiger Mosaikstein im Rahmen einer gesamtstädtischen Erinnerungskultur“, so Haßkamp. Sie seien auf den alltäglichen Wegen heutiger Stadtbewohner immer sichtbar. „Wir holen die Menschen, die tatsächlich einmal gelebt haben, ihre Namen und Lebensgeschichten ins alltägliche Bewusstsein der heutigen Coesfelder zurück.“

„Heute ist ein denkwürdiger Tag für die Stadt Coesfeld“, kommentiert Stellvertretender Bürgermeister Gerrit Tranel den Auftakt zum Stolpersteinprojekt, das er „eine Gegenbewegung zum Vergessen“ nennt. Die Erinnerungskultur in Coesfeld sei vielfältig. Aber „ein Zuviel an Gedenken gibt es nicht.“ Er dankt den Initiatoren, denen, anders als bis dahin befürchtet, „natürlich keine Kosten“ für den Einsatz des Bauhofs entstünden, und appelliert an die Zuhörer heute gegenüber neuerlichem Antisemitismus und Rassismus wachsam zu sein.

„Alle Menschen sind von Geburt an gleich und frei“, lassen die Theo-Singers der Heuss-Realschule eine Vertonung der Menschenrechtsartikel hören. Schülerinnen aus der AG Kreatives Schreiben des St.-Pius-Gymnasiums lesen eigene lyrische Texte zum Thema – und haben Tränen in den Augen.

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