„Der Morgen kann warten“ thematisiert zauberhaft Sehnsüchte und Ängste alter Menschen
Poetische Reise durch die Nacht

Coesfeld. „Was, noch ne Schicht?“, erbost telefonierend stapft Altenpflegerin Edith durchs Publikum und tritt völlig überlastet ihre dritte Schicht im „Haus zur untergehenden Sonne“ an. Kaum hat sie ihren Platz eingenommen, schlurft in Filzpantoffeln, Bademantel und mit wirrem Haarschopf der zerbrechlich und leicht verwirrt wirkende Herr Petermann durchs Haus und bringt mit seiner Weigerung, sich an die rigiden Schlafenszeiten zu halten, die arme Edith an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Der alte Mann ist sich sicher, „wenn ich morgen aufwache, bin ich tot, meine Seele wird meinen Körper verlassen in dem Moment, in dem ich die Augen schließe“. Was also ist zu tun?

Dienstag, 25.02.2020, 10:44 Uhr
„Der Morgen kann warten“ thematisiert zauberhaft Sehnsüchte und Ängste alter Menschen: Poetische Reise durch die Nacht
Am Ende der Vorstellung dürfen die Zuschauer einen Blick hinter die Kulissen werfen und machen Bekanntschaft mit der Puppe, die die Schattenrissfigur von Schauspieler Peter Müller verkörpert. Foto: Ursula Hoffmann

Susi Claus (Edith) und Peter Müller (Herr Petermann) vom Berliner Theater Handgemenge, das bekannt ist durch seine fantasievolle Vermischung von Figurentheater, Schauspiel und Musik, kreieren in der wunderbaren Produktion „Der Morgen kann warten“ eine ebenso witzige wie anrührende poetische Reise durch die Nacht, ein kleines Juwel, das um Verständnis für die Ängste und Sehnsüchte alter Menschen wirbt. Die einstündige Inszenierung, perfekt geeignet für die gemütliche Atmosphäre der Studiobühne des Konzert Theaters, besticht durch die Verbindung von zwei Handlungsebenen.

Pointierte Schauspielszenen bilden den Rahmen, die nächtliche Reise entfaltet sich in zauberhaft filigranem Schattenspiel auf einer kleinen Guckkastenbühne. Im Spiel von Licht und Schatten, das die Szenerie in magische Schwarz-, Weiß- und Blautöne taucht, macht sich der Alte in seinem mit einem Propeller ausgerüsteten Bett auf eine Reise in die Vergangenheit. Dabei weist ihm der leuchtende Vollmond den Weg. Schwester Edith schlüpft in die Rolle der „Frau Mond“, ist hilfreich zur Stelle bei der Kollision mit einer Straßenlaterne oder steuert bei einem Totalcrash das passende Werkzeug bei. Petermann fliegt mit seinem Bett vorbei an den Türmen seiner Heimatstadt, wo er sich mit einem rostig knarrenden Wetterhahn unterhält, er gleitet durch den Wald, heult dort mit seinem lange verstorbenen Hund Filou um die Wette und trifft Ehefrau Gesine, die er fragt, „Aber es war doch Liebe?“.

Am Ende der Vorstellung dürfen die faszinierten Zuschauer einen Blick hinter die Kulissen werfen und den beiden Schauspielern Fragen stellen zu dieser ein wenig an Storms „Kleinen Häwelmann“ erinnernden hinreißenden Abenteuer-Utopie.

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