Diplom-Psychologe Valentin Merschhemke gibt Eltern Tipps in der Corona-Krise
„Sicherheit und Zuversicht vermitteln“

Coesfeld. Die Corona-Pandemie hat auch den Alltag der Kinder fest im Griff. Homeschooling. Keine Freunde mehr treffen. Auch nicht Opa und Oma. Abstand halten. Angst kann es ihnen machen, wenn sie die Eltern, sonst Fels in der Brandung, selbst in großer Sorge erleben. Unser Redaktionsmitglied Detlef Scherle sprach mit dem Diplom-Psychologen und Psychotherapeuten Valentin Merschhemke vom Sozialpädiatrischen Zentrum der Christophorus-Kliniken darüber, wie Eltern ihren Kindern helfen können, gut durch die Krise zu kommen.

Freitag, 10.04.2020, 06:50 Uhr
Diplom-Psychologe Valentin Merschhemke gibt Eltern Tipps in der Corona-Krise: „Sicherheit und Zuversicht vermitteln“
Valentin Merschhemke ist Diplom-Psychologe und Psychotherapeut am Sozialpädiatrischen Zentrum der Christophorus-Kliniken. Foto: az

Herr Merschhemke, wie kann das gehen, das ohne Zweifel Bedrohliche zu erklären, ohne den Kindern Angst zu machen?

Merschhemke: Die täglichen Nachrichten im Fernsehen sollten für Kinder mindestens bis zum Schulalter tabu sein. Kinder benötigen Informationen, die zu ihrem Alter, ihrem individuellen Entwicklungsstand und ihren aktuell verfügbaren psychischen Ressourcen passen. Jüngere Kinder brauchen nur wenige klare und beruhigende Worte.

Und Schulkinder?

Merschhemke: Die können mehr Details und mehr Informationen verkraften. Anders als die jüngeren Kinder entwickeln sie etwa ab der 2. oder 3. Klasse eine Vorstellung vom Tod und Sterben und können mit mehr Ernsthaftigkeit und der Bedeutung des Infektionsrisikos konfrontiert werden. Besondere Rücksicht und Fürsorge brauchen Kinder, die von psychischen Vorerkrankungen betroffen sind.

Was können Eltern konkret tun?

Merschhemke: Eine Frage, die immer hilft, ist: „Was weißt du denn schon darüber?“ So gewinnen sie Zeit und erfahren mehr darüber, welche Sorgen das Kind eigentlich beschäftigen. Vielleicht verstecken sich bestimmte Gedanken in der Frage des Kindes, die dem Kind selbst noch nicht bewusst sind. Auch entgehen Eltern durch Rückfragen dem Risiko, Fragen zu beantworten, die das Kind gar nicht gestellt hat, oder Details zu erklären, die das Kind überfordern könnten. Die wichtigste Information ist, dass die Eltern gut auf sich selbst und die Kinder aufpassen, damit alle gesund bleiben. Dazu ist es dann auch manchmal nötig, Entscheidungen zu treffen, die niemandem wirklich gefallen.

Zum Beispiel: Opa und Oma nicht zu besuchen. Wie sollen Eltern das erklären?

Merschhemke: Erklären Sie unter Berücksichtigung des Alters das Infektionsrisiko und dass es total schade ist, dass ein Treffen mit Oma und Opa zurzeit nicht möglich ist. Schuld ist der Virus, der für ältere Menschen und solche, die schon vorher krank waren, besonders gefährlich ist. Deswegen haben die Erwachsenen beschlossen, dass man zurzeit besonders vorsichtig und vernünftig sein sollte.

Viele Kinder vermissen auch ihre Freunde aus Kita und Schule. ...

Merschhemke: Die Vorgaben zum „social distancing“ sind für Kinder schwer zu verstehen und die Auswirkungen schwer zu ertragen. Es ist wichtig, dem Kind zu erklären, dass das einzige, das zurzeit hilft, ist, vernünftig zu bleiben und einen kühlen Kopf zu bewahren. Videochat und Telefonanrufe können natürlich für eine begrenzte Zeit am Tag auch Spaß machen und ein kleiner Ersatz sein. Eltern sollten sich aber klar machen, dass es das Wichtigste für das Kind ist, dass die Eltern selbst da sind und alles tun, um gesund zu bleiben.

Oft entwickeln Kinder dann aber doch Frust und nörgeln herum...

Merschhemke: Eltern müssen leider aushalten, dass Kinder eine Weile nörgelig sind. Kinder haben nach Ansicht von Fachleuten ein Recht darauf, sich zu langweilen und miesmuschelig gelaunt zu sein. Wenn diese Phase intensiv durchlebt wurde, dann sollten für Kinder ab dem Schulkindalter Bausteine, Zeichenpapiere, Stifte, und Kartons oder Stoffreste zum Basteln als Material für viele Stunden intensiver und kreativer Beschäftigung ohne die Eltern ausreichen.

Die Fallzahlen nehmen immer noch zu. Da kann es auch vorkommen, dass Freunde der Kinder in Quarantäne müssen. Quelle weiterer Ängste...

Merschhemke: Die Aufgabe von Eltern ist vor allem, dem Kind Sicherheit und Zuversicht zu vermitteln. Auch eine schwere Krankheit kann häufig geheilt werden. Ärzte und Fachleute geben ihr Bestes, um erkrankte Kinder und Erwachsene wieder gesund zu machen. Eltern und Kinder können gemeinsam überlegen, was den erkrankten Freund aufheitert. Man könnte ein fröhliches Gesund-mach-Lied singen, es mit dem Smartphone aufnehmen und verschicken. Für Kinder, die sich hilflos und ohnmächtig fühlen, ist es wichtig, dass Eltern mit ihnen gemeinsam Wege finden, um aktiv zu sein, um das Mögliche und Naheliegende zu tun. Und sicherlich gibt es Ereignisse im Leben, bei denen Kinder und Eltern auch hilflos sind und Ohnmacht erleben. Gerade dann ist es entscheidend, dass die Familie zusammenhält und sich gegenseitig stützt.

Was ist die größte Herausforderung dieser Krise?

Merschhemke: Wir sind aktuell im Besonderen herausgefordert, unser inneres Wertesystem zu überprüfen: Welchen Stellenwert haben Vertrauen, Zusammenhalt, Vernunft, Solidarität und gegenseitiges Verständnis? Kinder orientieren sich an ihren Eltern. Gelingt es den Eltern auch in schwierigen Zeiten, vernünftig und besonnen, mitfühlend und solidarisch zu handeln, erleben die Kleinen dieses Verhalten und übernehmen es als wertvolle Ressource und Modell für künftige Herausforderungen. Irgendwann werden wir zu unseren Kindern sagen können, wir haben es geschafft.

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