Annette Rabert (alltours Reisecenter) über die aktuelle Situation in der Reisebranche
„Viel Arbeit, aber keine Einnahmen“

Coesfeld. Nichts geht mehr in der Corona-Krise – neben vielen anderen Wirtschaftszweigen trifft es die Reisebranche zurzeit besonders hart. Einen Haufen Arbeit haben die Reisebüros angesichts vieler Stornierungen zu erledigen, ohne damit jedoch Geld verdienen zu können. Über die aktuelle Situation und die Prognosen für die Zukunft sprach unser Redaktionsmitglied Frank Wittenberg mit Annette Rabert, Inhaberin des alltours Reisecenter in Coesfeld.

Dienstag, 21.04.2020, 14:32 Uhr
Annette Rabert (alltours Reisecenter) über die aktuelle Situation in der Reisebranche: „Viel Arbeit, aber keine Einnahmen“
Annette Rabert (alltours Reisecenter) im Homeoffice. Foto: az

Frau Rabert, wie sieht der Tag aktuell aus? Homeoffice, Büro oder teils, teils?

Annette Rabert: Ich habe zwei Home-Arbeitsplätze eingerichtet, über die ich auf alle Buchungen und Vorgänge von zu Hause aus zugreifen kann. Das ist das Tolle an den Buchungstechniken unserer Branche. Als ich im vergangenen Jahr gesundheitsbedingt mehrere Wochen ausgefallen bin, konnte ich dank der modernen Technik sogar aus dem Krankenhaus heraus Urlaubsanfragen bearbeiten. Zweimal in der Woche arbeiten wir im Geschäft, weil es trotz allem nicht papierlos zugeht, und um zum Beispiel Zusatzleistungen, die nicht über die Reservierungssysteme getätigt werden können, zu bearbeiten.

Das fühlt sich dennoch anders an, oder?

Annette Rabert: Ja, uns fehlen die Kunden und die Gespräche, die Begegnungen und der Gedankenaustausch – und gerade in dieser Zeit merkt man deutlich, wie es sein wird, wenn kein Einzelhandel vor Ort mehr funktioniert. Die Menschen werden einsam, glaube ich.

Sind Sie ausschließlich mit Stornierungen beschäftigt? Und wie viele sind das über den Daumen in den vergangenen Wochen gewesen?

Annette Rabert: Für die Monate März und April habe ich vier stramm gefüllte Aktenordner an Stornierungen. Dadurch, dass die Osterferien auch betroffen sind, ist das schon eine Wahnsinnsmenge. Neben der Stornoabwicklung habe ich noch Kunden auf mehreren Kontinenten, die auf ihre Rückreise warten – wir haben da engen Kontakt, haben die Meldungen beim Auswärtigen Amt für die Rückholung gemanagt und hoffen mit den Angehörigen, dass die Gäste bald zuhause sind.

Wie sieht es mit Umbuchungen aus?

Annette Rabert: Soweit möglich, haben wir einige Gäste noch umbuchen können – gerade die Kreuzfahrtveranstalter haben schnell reagiert und die Umbuchungen bis 2021 möglich gemacht. Da viele allerdings auf die Ferientermine angewiesen und die Sommer- und Herbstferien schon gut gebucht und auch viel teurer sind, ist das mit den aktuellen Umbuchungen nicht so einfach.

Wie reagieren die Kunden . . . – verständnisvoll, aufgeregt?

Annette Rabert: Die meisten Kunden reagieren sehr verständnisvoll und wünschen uns viel Glück. Es erreichen uns auch in dieser Situation noch Mails von Kunden, die nicht bei uns gebucht haben und mit der Situation überfordert sind. Für die kann ich verständlicherweise nichts tun. Und ich habe für diese ehrlicherweise wenig Verständnis – ich bin kein kostenloses Auskunftsbüro.

Sind aktuell überhaupt Buchungen für einen späteren Zeitpunkt möglich?

Annette Rabert: Aktuell empfehle ich allen Kunden, die im Mai reisen, zu überlegen, ob sie die Reise nicht auf den Sommer oder Herbst verschieben können. Die Reiseveranstalter bieten im Moment einfache Lösungen für eine Umbuchung auf einen anderen Termin an. Sofern es sich um eine klassische Pauschalreise handelt, geht das prima. Allerdings sind die Preise in fast allen Fällen höher als jetzt im Frühjahr.

Gibt es denn aktuell Buchungsanfragen?

Annette Rabert: Es erreichen uns tatsächlich auch Mails mit klassischen Buchungsanfragen von Kunden, die bislang noch nichts gebucht haben, aber nur noch sehr vereinzelt. Die meisten sind jetzt verunsichert, obwohl sie es nicht sein müssen. Eine Umbuchung, sollte der Corona- Virus uns auch im Spätsommer noch in Atem halten, ist immer möglich.

Was muss ich als Kunde tun, wenn ich für die nächsten Wochen eine Reise gebucht habe?

Annette Rabert: Möglichkeit 1: Umbuchungsmöglichkeit für Reisen im April und Mai nutzen. Möglichkeit 2: Abwarten, wie sich die Lage entwickelt – in der nächsten Zeit wird die Entscheidung kommen, was mit den gebuchten Reisen im Mai passiert. Möglichkeit 3: Wer nicht abwarten möchte, kann bis zu 30 Tage vor Abreise auch auf eigene Kosten stornieren – die Stornokosten werden auch nicht erlassen, wenn später für den Zeitraum die Reisen abgesagt werden.

Warum ist es für mich als Kunde gerade jetzt ein Vorteil, das in einem Reisebüro und nicht im Internet erledigt zu haben?

Annette Rabert: In den Online-Reservierungsstellen werden die Kunden im Moment keine telefonischen Kontakte herstellen. Mails haben bis zu zwei Wochen Bearbeitungsdauer, wenn sie überhaupt derzeit bearbeitet werden. Alle Veranstalter haben Kurzarbeit; das heißt, es sind nur die Arbeitsplätze besetzt, die die aktuelle Situation bearbeiten. Schickt der Kunde aber an sein Reisebüro eine Mail, bekommt er schon mal innerhalb eines Tages eine Antwort, und wir haben unsere Möglichkeiten, schneller eine Lösung zu finden, weil wir unsere Vertriebsbetreuungen immer noch im Hintergrund haben. Eine Reise im Reisebüro zu buchen, kostet im Normalfall keinen Cent mehr. Bei Nur-Flug-Preisen kann es mal zu Abweichungen kommen, aber ansonsten muss der Kunde nichts Böses fürchten: Im Reisebüro findet er fachlich geschulte Kräfte – nicht umsonst müssen die Auszubildenden drei Jahre auf die Schulbank. Meistens finden wir immer eine Lösung für das Kundenproblem.

Wie lange ist diese Situation nach Ihrer Einschätzung für die Reisebranche durchzuhalten?

Annette Rabert: Meine Einschätzung ist, dass ab Mai vielleicht wieder innerhalb Deutschlands gereist werden darf. Da haben die Reisebüros auch tolle Programme zu bieten. Das wird nicht viel Geld in unsere Kassen bringen, aber immerhin: Die Lust auf Reisen kann wieder geweckt werden. Die meisten Reisebüros haben bereits im vergangenen Jahr durch die Thomas Cook und die Germania-Insolvenz sehr viel verloren. Die Bundesregierung hat sich damals nicht dafür interessiert, wie wir die Verluste auffangen. Jetzt aber ist die gesamte Branche mit 100 Sachen vor eine Wand gefahren. Finanziell schaffen das die meisten Büros nur mit staatlichen Hilfen, die nicht als Einmallösungen, sondern als Hilfsschirm über Monate konstruiert werden müssen.

Was bedeutet das konkret?

Annette Rabert: Die Reisebüros haben von jetzt auf gleich 0 Euro Einnahmen und müssen Provisionsvorauszahlungen, die sie teilweise bei Buchung erhalten haben, auch wieder abgeben. Die Arbeit wird nicht nur nicht bezahlt, sie muss aktuell doppelt geleistet werden. Mit einem Reisebüro wird man nicht reich – viele Kunden glauben, die Büros bekommen 20 Prozent und mehr Provisionen. An dieser Stelle darf man vielleicht mal erwähnen, dass der Großteil an Provisionen sich im Rahmen von neun bis zehn Prozent maximal bewegt und von Kunden so gern geforderte Reiserabatte völlig an der Realität vorbeigehen. Im Juni wissen die meisten Unternehmer mehr, ob es überhaupt noch Sinn macht, ihre Geschäfte wieder zu öffnen.

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