Ein Besuch im Hilfskrankenhaus in der Pictorius-Turnhalle, das hoffentlich nie in Betrieb genommen werden muss
Glückliche gähnende Leere

Coesfeld. In einer der Nischen, in der sonst Barren, Böcke und andere Sportgeräte lagern, könnte es einmal schlagen, das Herz des Hilfskrankenhauses in der Pictorius-Turnhalle. „Vier Arbeitsplätze sind hier eingerichtet“, berichtet Dr. Volker Günnewig bei einem Rundgang. Der 62-jährige Nottulner, seit drei Monaten pensionierter Chefarzt der Christophorus-Kliniken, wäre im Falle eines Falles Leiter der Einrichtung.

Montag, 04.05.2020, 17:18 Uhr
Ein Besuch im Hilfskrankenhaus in der Pictorius-Turnhalle, das hoffentlich nie in Betrieb genommen werden muss: Glückliche gähnende Leere
Medizinische Hilfsmittel wie Rollstühle und Rollatoren lagern an einem Hallenende. Die Patienten sollen nach überstandener Lungenentzündung so schnell wie möglich wieder mobilisiert werden. Foto: az

Ein großer Schrank mit Schubfächern steht in der provisorischen „Stationszentrale“, von wo aus einmal bis zu 100 Covid-19-Patienten betreut werden könnten. Mit „Papageien/Sittiche“ ist eines beschildert. „Das kommt wohl vom Veterinäramt“, lächelt Günnewig. Die Einrichtung des Hilfskrankenhauses hat die Kreisverwaltung teils aus eigenen Beständen zusammengestellt. Weiteres Material kam vom DRK und anderen Trägern. Der Papageien-Schrank ist noch leer, er soll als Zwischenlager für Medikamente dienen, die über ein elektronisches Bestellsystem von der Apotheke der Christophorus-Kliniken passgenau dort hin geschickt werden.

Eine Messebaufirma hat vor etwas mehr als sechs Wochen die provisorischen „Krankenzimmer“ errichtet. Teils stehen zwei, teils auch nur ein Bett darin. Türen gibt es nicht. „Da könnte man gegebenenfalls noch Tücher vorhängen“, erklärt Günnewig. Klar ist: Viel Privatsphäre wird es nicht geben im Hilfskrankenhaus – allerdings kommt außer Personal auch niemand hinein.

In der Halle ist es still. Der Schall der Besucherschritte wird auf den Fluren durch einen Filzboden gedämpft. Dieser stammt noch aus dem Jahr 2015, als in der Halle Flüchtlinge untergebracht waren.

Jedes Zimmer, das mit einem PVC-Boden ausgelegt ist, um es besser reinigen zu können, verfügt über einen kleinen Schrank. Dazu ein Tischchen. Und Klemmbretter über den Betten. Da sollen dann Informationen über die Patienten zu lesen sein, so dass auch bei Schichtwechsel alle Pflegekräfte schnell im Bilde sind. Covid-19-Patienten seien häufig im Delir, die könnten sich nicht selber äußern, so Günnewig. Manche würden zur palliativen Behandlung hierher verlegt. Die Behelfszimmer reichen für 50 Patienten. Noch 50 weitere Betten stehen an einer Hallenwand aufgereiht. Sie könnten zusätzlich belegt werden. Man mag sich nicht vorstellen, was in dem Fall aber im Land los wäre. Beinahe italienische Verhältnisse?

Zum Glück herrscht aktuell eine gähnende Leere in der Halle. Eine glückliche Leere. Vorne sitzen zwei Sicherheitsleute und überwachen den Eingang. Es handelt sich um Mitarbeiter der Zentralen Ausländerbehörde. Das Pflegepersonal ist noch nicht da. Aber es steht auf Abruf bereit, versichert Günnewig. „Wir könnten von jetzt auf gleich starten.“ Über 150 Helfer seien registriert, rund 35 könnten sofort kommen. „Das ist unsere Starttruppe, die steht fest.“

Rechnet Günnewig noch damit, dass das Hilfskrankenhaus tatsächlich in Betrieb geht? Die Fallzahlen im Kreis Coesfeld gehen ja zurück. Aktuell werden nur noch acht Corona-Erkrankte im Krankenhaus behandelt, keiner davon mehr auf der Intensivstation. Und je nach Belegung aufgrund von anderen Erkrankungen stehen kreisweit mindestens 200 Spezialbetten in den regulären Krankenhäusern zur Verfügung. „Noch vor Ostern hatte ich Riesensorgen, dass wir starten müssen“, berichtet Günnewig, während er die umgebauten Dusch- und Umkleideräume zeigt. In einer Ecke steht eine Spülmaschine für Bettpfannen – an alles ist gedacht.

Aber auch jetzt sei die Gefahr noch nicht gebannt, warnt der Facharzt für Geriatrie und Innere Medizin, der in seiner aktiven Zeit auch die Hygienekommission der Christophorus-Kliniken leitete. Bislang, erklärt er, hätten sich erst ein bis zwei Prozent der Bevölkerung angesteckt. „98 Prozent können also noch krank werden.“ Und da reiche „ein Zündfunke“ aus, um die Krankenhäuser an die Belastungsgrenze zu bringen. Er hoffe sehr, dass Lockerungsmaßnahmen vorsichtig angegangen werden. „Ausbrüche können immer noch kommen. Da sind wir noch nicht über den Berg.“

Bis Ende der Sommerferien, so die Planung, soll das Hilfskrankenhaus deshalb noch betriebsbereit gehalten werden. Eventuell länger.

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