Richter nicht von der Schuld des Angeklagten überzeugt – aber auch nicht von seiner Unschuld
Freispruch in Vergewaltigungs-Prozess

Coesfeld. Aussage gegen Aussage: Das war die klassische Situation, als gestern vor dem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Coesfeld über einen Vergewaltigungsvorwurf gegen einen 20-jährigen Coesfelder verhandelt wurde. Das dreiköpfige Richterkollegium sprach den jungen Mann, der mit der Belastungszeugin, dem mutmaßlichen Opfer, bis ein Jahr vorher eine sogenannte „Freundschaft plus“-Beziehung (Hauptinteresse: Sextreffen) geführt hatte, am Ende frei – allerdings nicht, weil es von seiner Unschuld überzeugt war, sondern „weil wir nicht von seiner Schuld überzeugt sind“, wie es der Vorsitzende Richter ausdrückte. „Wir gehen nicht davon aus, dass Sie hier die Unwahrheit gesagt haben“, sagte er der 20-jährigen Billerbeckerin, die im Zeugenstand immer wieder unter Tränen bekundet hatte, dass der Sex am fraglichen Tag, dem 15. September 2019, in einem Privatgarten und auf einem Spielplatz in Coesfeld nicht einvernehmlich gewesen sei. „Sie haben doch mehrere Male die Möglichkeit gehabt, aus der Situation auszusteigen“, hielt ihr der Richter vor. Sie habe aber nicht nachvollziehbar erklären können, warum sie das nicht getan habe. Ihr Verhalten und ihre Aussagen passten da nicht zusammen. Daher habe es „nicht für eine Verurteilung gereicht“.

Donnerstag, 07.05.2020, 17:48 Uhr

Was war geschehen? Ein Jahr, nachdem die beiden ihre lockere Beziehung mit gelegentlichen Sex-Dates beendet hatten, trafen sie sich auf dem Schützenfest auf dem Hohen Feld wieder. Die Frau begleitete den Mann zum Haus eines Freundes, um eine dort von ihm vergessene Jacke abzuholen. Im Garten kam es, ausgehend vom Mann, zum Geschlechtsverkehr. Danach ging sie auch noch mit zu einem Spielplatz, wo er sie nach ihrer Darstellung noch einmal vergewaltigte. „Ich habe geweint und gesagt, dass ich das nicht will“, sagte die Zeugin – doch er habe das ignoriert, immer weitergemacht. Sie habe „Angst gehabt, dass er mir wehtut“.

Der Angeklagte schilderte das anders: „Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie da etwas gegen hatte.“ Von Weinen oder Nein-Sagen wollte er nichts mitbekommen haben: „Wenn Sie das nicht gewollt hätte, hätte sie mir das doch einfach sagen können.“ Das sei „ein Treffen wie früher“ gewesen. Ein paar Unterschiede, räumte er auf Befragen des Gerichts ein, habe es schon gegeben: Sie sei beim Sex „anders“ gewesen, „so still“, habe „nicht gestöhnt“. Und als sie fertig gewesen seien, sei sie weggelaufen. Später habe sie ihm per WhatsApp mitgeteilt: „Wir sind keine Freunde mehr.“ Er habe geantwortet: Okay. Und etwas später: „Fandest du es nicht nice?“

Der Staatsanwalt ließ den Vergewaltigungsvorwurf in seinem Plädoyer fallen. Er „glaube“ zwar, dass der Coesfelder die psychisch labile Frau zur Befriedigung seines Sextriebes ausgenutzt habe. Er sei wohl kein Unschuldslamm. Aber: „Es kommt nicht darauf an, was ich glaube.“ Es blieben Zweifel, ob sie ihren entgegenstehenden Willen geäußert habe. „Sie hat schlicht und ergreifend beim Sex mitgemacht“, sah der Verteidiger keine Schuld bei seinem Mandanten. Dem widersprach nur der Nebenklage-Vertreter: Sie habe mehrfach kundgetan, dass sie nicht wolle: „Das reicht für eine Verurteilung aus.“ Er behält sich vor, Rechtsmittel einzulegen.

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