12:1-Votum gegen den langjährigen Orts- und Fraktionsvorsitzenden
FDP-„Rebellen“ stürzen Kraska

Coesfeld. „Schönen Abend noch!“ Um 20.47 Uhr ist für Wolfgang Kraska die Versammlung zur Kandidatenaufstellung für die Kommunalwahl gelaufen, als Wahlleiter Gregor Schäfer aus Lüdinghausen das vernichtende Ergebnis bekannt gibt: 12 zu 1 gegen Kraska. Der wahrt die Contenance, gratuliert noch eben scheinbar lässig per Ellbogen-Kick seinem siegreichen Kontrahenten Michael Fabry, der nun die Liste der Liberalen für die Stadtratswahl anführt. Dann verlässt er schnellen Schrittes den Saal des Goxeler Heidekrugs – so wie bereits vor der Abstimmung Elisabeth Borgert, seine FDP-Fraktionskollegin, die ebenfalls nicht mehr auf einem aussichtsreichen Platz berücksichtigt wurde. Für beide ist dieser Abend ein Waterloo. Die langjährigen „Aushängeschilder“ der Orts-FDP werden von der Basis eiskalt abserviert.

Mittwoch, 20.05.2020, 06:28 Uhr
12:1-Votum gegen den langjährigen Orts- und Fraktionsvorsitzenden: FDP-„Rebellen“ stürzen Kraska
Stimmauszählung mit Mundschutz und Latexhandschuhen: Wolfgang Kraska (im Hintergrund) wartet allein am Vorstandstisch das Votum der Basis über sein politisches Schicksal ab. Es fällt mit 12:1 sehr klar aus. Fotos: ds Foto: az

Was war geschehen? Man sei sich im Vorfeld nicht einig geworden über die künftige strategische Ausrichtung, heißt es auf AZ-Nachfrage aus dem Lager der „Rebellen“, das neben dem 55-jährigen Immobilienverwalter Michael Fabry vor allem aus mehreren Männern im besten Jungliberalen-Alter besteht. „Die haben den Ortsverein gekapert. Das ist die Krankheit der FDP“, klagt später Kraska darüber. Er sei nicht der Erste, dem das passiert. Den Dissens in der Ausrichtung kann er bestätigen. „Die wollen den CDU-Kandidaten Gerrit Tranel unterstützen“, berichtet er. Er sei für ein eigenständiges Auftreten gewesen – „wir können uns doch nicht an die CDU hängen“. „Kraska wollte selbst Bürgermeister-Kandidat werden“, erzählt Fabry seine Version der Geschichte. Zur eventuellen Tranel-Unterstützung will er sich nicht äußern, verweist auf den 8. Juni. Da soll ein neuer Ortsvereinsvorstand gewählt und auch die Bürgermeister-Marschroute festgelegt werden. Einen eigenen Bürgermeister-Kandidaten solle es, das steht jedenfalls schon fest, nicht geben.

Es ist ein schwieriger Abend – nicht nur wegen der einzuhaltenden Corona-Abstände im Saal und der Stimmauszählung mit Mundschutz und Latexhandschuhen. Wege trennen sich. Zehn Jahre lang war Fabry Stellvertreter von Kraska im Ortsvereinsvorstand. Man sieht ihm an, dass ihm der „Königsmord“ nicht leicht von der Hand geht. Der hiesige Landtagsabgeordnete Henning Höne, der bei der Palastrevolution einer der Strippenzieher gewesen sein soll, versucht sich noch in der Versammlung an einer Reinwaschung: „Es gab unterschiedliche Meinungen“, hebt er hervor. „Die Mehrheit hat entschieden.“ Das schmälere aber nicht die vorherigen Erfolge und Verdienste Kraskas. Jetzt gebe es „die Chance, sich neu aufzustellen“.

Die ersten fünf Bewerber der für die FDP bei der Wahl entscheidenden Liste werden einzeln gewählt. Nach der Kampfabstimmung um Platz eins erfolgen die übrigen Wahlen jeweils einstimmig. Kraska und Borgert, die übrigens wegen zu vieler unbedachter Facebook-Posts in Misskredit geraten sein soll, sind ja nicht mehr da. Neben dem langjährigen Mitglied Anne Nawrocki auf Rang zwei werden drei junge Newcomer auf die Plätze drei bis fünf gesetzt. „Wir fünf wollen auch bei der Vorstandswahl gemeinsam antreten“, kündigt Fabry bereits den zweiten Teil der Entmachtung von Kraska an. Wie es mit Kraska nun weitergeht, der 15 Jahre die Farben der FDP im Rat vertrat, weiß er selbst noch nicht. Wahlkampf machen will er nicht mehr, obwohl er – vor der Niederlage – sogar noch einen Wahlkreis übernommen hatte: „Ich werde diese Gruppierung nicht unterstützen. Die Coesfelder FDP ist nicht vertrauenswürdig“, sagt er mit Bitternis in der Stimme. Die „Neuen“ haben schon einkalkuliert, dass Kraska als Direktkandidat das Handtuch werfen könnte. Für seinen Bezirk, den von Borgert und einen in Lette wurden sicherheitshalber Ersatz-Kandidaten bestimmt.

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