Coesfelder lässt seinem ungewöhnlichen Hobby an der Drei-Linden-Höhe freien Lauf
Drachenmann Peter und die Krake

Coesfeld. Mit einem bösen Blick erhebt sich die 20 Meter lange Krake in die Luft. Ihre Tentakeln schweben bedrohlich über dem Boden, rascheln im Wind. Ein Campingstuhl steht verwaist am Wegesrand darunter. Wenn Spaziergänger stehen bleiben, in die Sonne blinzeln, um das Ungetüm genauer zu betrachten und Kinder aufgeregt gen Himmel zeigen, dann kann er nicht weit sein: Peter, der Drachenmann. „Irgendwie habe ich diesen Spitznamen in den letzten Wochen häufiger gehört“, sagt er mit einem Lachen. Peter, der Drachenmann, heißt eigentlich Peter Klavon. Und die bedrohliche Krake am Himmel ist quasi nur die Spitze des Eisberges. Denn in seinem Besitz schlummern mehr als 150 Drachen und Windspiele. „Es ist einfach eine Leidenschaft von mir. Ich bin schon als Jugendlicher vor mehr als 40 Jahren angefangen und dabei geblieben. Es wurde immer mehr, ich bin schon ein Extremflieger.“

Sonntag, 31.05.2020, 16:10 Uhr
Coesfelder lässt seinem ungewöhnlichen Hobby an der Drei-Linden-Höhe freien Lauf: Drachenmann Peter und die Krake
Peter hat seine Drachen, von denen viele auch mal gleichzeitig am Himmel schweben, immer gut im Blick. Sie dürfen die Passanten auf keinen Fall gefährden. Foto: az

Denn wenn der 57-Jährige vom Drachenfliegen spricht, meint er keine Drachen zum selber steuern mit zwei Leinen. „Da ist man viel zu schnell ausgepowert.“ Seine Exemplare haben nur eine Leine und werden im Boden verankert. Sicher ist sicher. Denn die Zugkraft sei teilweise für einen Mann allein zu enorm. „Diese Krake kann bei Windstufe 5 schnell 600 Kilo entwickeln.“ Und wenn es hart auf hart kommt, dient auch schon mal sein Nissan Micra als Anker. „Bei richtig großen Drachen muss ich selbst mein Auto im Boden verankern, sonst könnte es eng werden“, sagt der Coesfelder mit einem Grinsen. „Aber das macht man nur, wenn man noch einen anderen, erfahrenen Piloten an der Seite hat.“

Seit Wochen steht er auf dem Coesfelder Berg sobald die Sonne scheint, von mittags bis abends. Die Betonung liegt auf Stehen, denn der Campingstuhl ist eigentlich nur eine Attrappe. „Auf dem sitze ich gar nicht wirklich. Ich bin ständig in Bewegung.“ Gerade jetzt hat er die große Krake vom Himmel geholt – übrigens eine echte Rarität, denn sie gibt es nur drei Mal in Europa – und zaubert aus seinem Auto viele kleine und vor allem bunte Kraken. Klein ist da übrigens relativ bei immerhin noch acht Metern Länge. „Die sind aber etwas kinderfreundlicher“, zwinkert der Coesfelder. Kurze Zeit später fliegen fünf Drachen an einem Seil in die Höhe. Eine kleine Drachenparade. Und wenn die sich jetzt verknoten? „Tja, dann habe ich erstmal zu tun.“

Die Kunst sei es übrigens, den Drachen langsam aus der Hand starten zu lassen. „Ich sehe hier immer wieder Besucher, die rennen wie verrückt über den Weg. Wenn sie ihre Kinder abends müde sehen wollen, dann macht das Sinn. Ansonsten geht das auch entspannter“, gibt er allen Nachwuchs-Drachenfliegern einen Ratschlag. So wie zum Beispiel dem achtjährigen Marvin. „Ich habe ihn und seine Familie in den vergangenen Wochen hier oben kennengelernt. Er ist schon ein richtig guter Drachenflieger-Azubi“, freut sich Peter.

Dieses außergewöhnliche Hobby verfolge er vor allem aus einem Grund: „Ich möchte den Menschen einfach eine Freude machen.“ Und das funktioniert. „Immer wieder ergeben sich schöne Gespräche. Ich lerne ganz viele Leute kennen.“ Ein Erlebnis ist ihm noch besonders im Gedächtnis geblieben. „Zu Beginn der Corona-Krise, als ich hier oben stand, kam eine Frau zu mir und hat mir eine Schachtel Pralinen geschenkt. Als Dank für die Ablenkung, vermute ich. Da musste ich wirklich schlucken.“

Eigentlich wäre Peter in diesem Jahr auf Drachenfestivals in ganz Deutschland unterwegs. „Man kennt sich in der Szene, wir sind eine große Familie. Doch die Veranstaltungen sind alle wegen Corona ausgefallen.“ Dann eben die Alternative auf dem Coesfelder Berg. Von seinen Drachen macht er Bilder, stellt sie ins Netz. „So tausche ich mich mit anderen Piloten online aus.“ Ein besonderes Foto fehlt ihm aber noch: „In all den Wochen habe ich es noch nicht geschafft, meine Krake vor der untergehenden Sonne über Coesfeld zu fotografieren. Der Wind stand nie so günstig.“ Vielleicht wird er das noch. Denn Peter wird weiterhin am Coesfelder Berg seine Drachen steigen lassen.

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