Händler hadern wegen des großen Aufwands mit der heute in Kraft tretenden Mehrwertsteuersenkung
Bohrer billiger – Brötchenpreis bleibt

Coesfeld. Eigentlich sollten sie frohlocken. Denn die heute in Kraft tretende Mehrwertsteuersenkung von 7 auf 5 beziehungsweise von 19 auf 16 Prozent hat ja zum Ziel, die coronabedingt eingebrochene Konjunktur wieder anzukurbeln. Die Coesfelder Händler, die von der AZ dazu befragt wurden, wie sie die Vorgabe der Politik umsetzen wollen, sind aber eher skeptisch, ob es erreicht werden kann. „Das ist für uns ein Riesenaufwand“, meint Ralf Leifkes vom Toyota-Autohaus an der Dülmener Straße. Er und seine Mitarbeiter haben gestern Abend noch fleißig umetikettiert, damit die Preise an den Autos heute stimmen. Mit einem Schub für die Branche rechnet er dadurch nicht: „Wer jetzt in Kurzarbeit ist oder Angst um seinen Job hat, kauft kein neues Auto“, ist er sich sicher.

Mittwoch, 01.07.2020, 06:38 Uhr
Händler hadern wegen des großen Aufwands mit der heute in Kraft tretenden Mehrwertsteuersenkung: Bohrer billiger – Brötchenpreis bleibt
Die Coesfelder Fußgängerzone in Corona-Zeiten: Nicht alle Händler werden ab heute die Mehrwertsteuersenkung eins zu eins an ihre Kunden weitergeben. Der Aufwand sei zu hoch, hieß es. Foto: Detlef Scherle

Auch beim Hagebau-Markt an der Dülmener Straße sorgt die Umstellung für die Dauer eines halben Jahres für erhebliche Mehrarbeit. „Wir lassen zwar die alten Preise an der Ware“, erklärt Marian Lüdiger von der Frieling-Gruppe – „das wäre sonst überhaupt nicht vertretbar gewesen“. Aber die Abrechnungssysteme hätten entsprechend umgerüstet werden müssen. „Die Kunden erhalten den Rabatt bei uns an der Kasse.“ Hagebau wolle die Mehrwertsteuersenkung eins zu eins an die Kunden weitergeben, betont er. Bohrmaschinen und Co. werden also billiger...

Bei den örtlichen Bäckereien sieht es anders aus. Da werden die Kunden in den meisten Fällen heute das Gleiche wie gestern für Brot, Brötchen und Kuchen zahlen müssen. „Der Aufwand wäre zu groß“, nennt Willi Ebbing von der gleichnamigen Bäckerei den Grund. Zwei Prozent weniger bei einem Brötchen, das 30 Cent kostet – das würde sich im Portmonee der Kunden mit 0,6 Cent kaum auswirken. Er hält es für „einen ziemlichen Blödsinn“, den die Politik sich da habe einfallen lassen. Denn auch wenn er keine neuen Preise mache, müsse er die Computerprogramme zur Berechnung der abzuführenden Steuer umstellen.

Auch bei der Bio-Bäckerei Cibaria, die auf dem Coesfelder Wochenmarkt präsent ist, werden sich die Preise am Freitag nicht ändern, wie die Verkäuferin am Dienstag auf Nachfrage berichtet. Stattdessen habe sich ihr Arbeitgeber aber überlegt, dass am Ende des Jahres alle Mitarbeiter Lohnaufschläge in Höhe der eingesparten Beträge erhalten sollen.

Bisweilen ist die Mehrwertsteuersenkung auch kompliziert und fällt zum Nachteil von Unternehmen aus, wie Ralf Boer vom gleichnamigen Interliving-Möbelhaus erläutert. So seien auch schon in den vergangenen Monaten Kunden zu ihm gekommen und wollten die von der Politik angekündigten „Rabatte“ haben. Sonst hätten sie erst im Juli gekauft.

Ja – und in seiner Branche gebe es teilweise auch längere Lieferzeiten. Ist die Auslieferung erst im nächsten Jahr, falle dann eigentlich wieder die erhöhte Mehrwertsteuer an – aber die Kunden wollten natürlich die reduzierte. In solchen Fällen gehe die Differenz zu seinen Lasten.

Und es gibt Sonderfälle. Zum Beispiel den von Werner Bracht, der das Geschäft „Men’s fashion“ in der Kupferpassage betreibt und es zum Jahresende aus Altersgründen aufgeben wird. Er gewährt bereits Ausverkauf-Rabatte von bis zu 40 Prozent. Wie er das am Ende dann abrechnen werde, das lasse er sich Mittwoch vom Steuerberater erklären...

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