Austritte haben in allen Gemeinden auch 2019 zugenommen
„Die Zeit der Volkskirche ist vorbei“

Coesfeld. Es klingt schon beinahe paradox. „Oft ist es so, dass die Menschen mit der Seelsorge-Arbeit in der Gemeinde zufrieden sind, mit der Kirche als solches aber nicht“, sagt Pfarrer Johannes Hammans. Die Kirchenaustritts-Welle trifft auch seine Anna-Katharina-Gemeinde mit voller Wucht. Wurden im Jahr 2018 noch 31 Austritte verzeichnet, kehrten im vergangenen Jahr 85 Mitglieder der Kirche und damit auch Anna Katharina den Rücken. Doch auch an den anderen Kirchengemeinden in Coesfeld ging die fortschreitende Entfremdung von der Kirche nicht spurlos vorbei.

Mittwoch, 08.07.2020, 06:31 Uhr
Austritte haben in allen Gemeinden auch 2019 zugenommen: „Die Zeit der Volkskirche ist vorbei“
Foto: az

„In der Regel ist der Kirchenaustritt ein schleichender Prozess“, sagt Pfarrer Stephan Wolf. Von den 24 Austritten, die seine Gemeinde St. Johannes Lette 2019 verzeichnet hat (2018: 17), „ist die große Mehrheit zwar in Lette getauft, wohnt aber gar nicht mehr hier“. Dass die Austritte auf die Missbrauchskandale der vergangenen Jahre zurückzuführen seien, leuchte ein. „Was viele jedoch nicht wissen, ist, dass die katholische Kirche in Deutschland mittlerweile weltweit führend im präventiven Bereich ist“, weist Wolf auf spezielle Schulungen für Mitarbeiter der Kirche hin. Finanzielle Gründe spielten weniger eine Rolle – und doch gebe es auch Fälle, in denen Menschen nach überstandenen finanziellen Schwierigkeiten sogar wieder eingetreten seien.

Vor einigen Jahren sei der Kirchenaustritt noch ein „großer Schritt gewesen“, meint Johannes Arntz. „Die Zeit der Volkskirche ist vorbei“, analysiert der Pfarrdechant von St. Lamberti mit Bedauern, dass der Kirchenaustritt mittlerweile „selbstverständlich geworden“ ist. In St. Lamberti halten sich die Zahlen der Austritte von 2018 (89) und 2019 (93) noch annähernd die Waage. Nach Tebartz-van-Elst und den Missbrauchskandalen sei „sehr viel Vertrauen flöten gegangen“, sagt Arntz. Dieses Vertrauen müsse nun wieder neu aufgebaut werden – über die persönliche Seelsorge, aber auch über neue (digitale) Kanäle. So werde weiterhin der Gottesdienst ins Krankenhaus gestreamt und auch die Audioimpulse zum Wochenende werden fortgeführt. „Damit erreichen wir rund 400 Leute“, freut sich Arntz.

Neue Formen der Ansprache und neue Medien zu nutzen – das hat die Corona-Krise auch Johannes Hammans gelehrt. „In Coronazeiten war die Kirche von allen gesellschaftlichen Gruppen die am meisten vertretene“, erklärt Hammans. Vielleicht eine Erklärung, warum sich die Zahlen im laufenden Jahr mit bislang 23 Austritten in Anna Katharina wieder etwas erholen.

Der Kirchenaustritt ist aber längst keine Frage der Konfession, wie der Blick auf die Zahlen der Evangelischen Kirchengemeinde zeigt. Auch dort gab es einen Anstieg von 40 (2018) auf 56 Austritte im vergangenen Jahr. Pfarrerin Birgit Henke-Ostermann sieht eine „zunehmende innere Distanz, weltanschauliches Patchwork ist der Trend.“ Die Lust auf „Kirche erleben“ werde immer weniger – weil immer weniger „im grünen Bereich des alltäglichen Lebens“ von Kirche erwartet werde. „Im ,roten Bereich’, in Krisen schon, da wird Kirche in Anspruch genommen – gerne auch von Menschen, die längst ausgetreten sind“, sagt Henke-Ostermann. Religiöse Fragen würden nicht weniger, „Menschen suchen die Antworten aber nicht mehr unbedingt bei uns. Das ist eine Tatsache und eine Herausforderung“, resümiert Henke-Ostermann.

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