„Mut-Tour“-Teilnehmerin Anika berichtet von ihrer Depression
„Ich hatte nie wirklich eine Zukunft geplant“

Coesfeld. Es ist eine unsichtbare Erkrankung, die jeden treffen kann – und über die immer noch viel zu wenig gesprochen wird: Depression. Anika aus Coesfeld hat deshalb bei der Mut-Tour mitgemacht, bei der Betroffene auf einer Tandem-Fahrradtour von ihrer Erkrankung berichten. Im Interview stellte sich die 38-Jährige auch den Fragen von Redakteur Florian Schütte.

Sonntag, 19.07.2020, 16:40 Uhr aktualisiert: 20.07.2020, 14:35 Uhr
„Mut-Tour“-Teilnehmerin Anika berichtet von ihrer Depression: „Ich hatte nie wirklich eine Zukunft geplant“
Schon als Kind, erzählt Anika, sei sie eher verschlossen gewesen. „Je älter ich wurde, umso mehr Ängste und negative Gedanken bekam ich“, sagt die 38-Jährige. Foto: Anemone123/Pixabay

Wie hat sich die Depression bei Ihnen bemerkbar gemacht?

Anika: Als kleines Kind war ich schon immer sehr in mich gekehrt, ruhig und konnte schlecht über Probleme sprechen. Deshalb habe ich sie mit mir selbst ausgemacht. Ich hatte große Probleme, auf andere Kinder zuzugehen, da sie mir regelrecht Angst gemacht haben. Je älter ich wurde, umso mehr Ängste und negative Gedanken bekam ich. In der Schulzeit war ich extrem überfordert, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen, da ich für mich eigentlich nie wirklich eine Zukunft geplant hatte. 

Heute geht es Anika wieder gut. Ihr Mann, ihre Freunde und ihre Tiere sind dabei wichtige Pfeiler, betont sie.

Heute geht es Anika wieder gut. Ihr Mann, ihre Freunde und ihre Tiere sind dabei wichtige Pfeiler, betont sie. Foto: privat

Wann war Ihnen klar, dass Sie Hilfe brauchen?

Anika: Mit 18 war ich das erste Mal bei einem Therapeuten. Dass ich Hilfe brauche, war mir aber schon viel eher klar. Meine Eltern hatten es nicht so gesehen, da sie auch nicht wirklich wussten, wie es mir tatsächlich ging. Ich wollte niemandem zur Last fallen und habe daher allen immer das Gefühl gegeben, dass alles gut ist.

Haben Sie zunächst versucht, die Krankheit zu verbergen?

Anika: Am Anfang ja, ich wollte nicht, dass ich anders gesehen werde oder als die Kranke gelte. Und dass man mir deswegen weniger zutraut. Ich habe meine Schule abgeschlossen, eine Ausbildung gemacht und bis zum „Zusammenbruch“ 2008 gearbeitet. Da wussten meine Familie und auch Freunde schon, dass ich psychische Probleme habe, jedoch wussten sie nicht, in welchem Ausmaß.

Wie haben Ihre Familie und Freunde reagiert, als sie davon erfahren haben?

Anika: Meine Freunde waren sehr entspannt, für sie ist die Erkrankung kein Problem. Auch mein Partner kann damit gut umgehen. Er wusste aber auch, dass ich Probleme habe, da ich es ihm ziemlich am Anfang der Beziehung erzählt habe. Meine Eltern und mein Bruder hatten mehr Probleme damit. Sie haben nicht verstanden, warum ich nicht immer so „funktioniere“, wie sie es sich damals gewünscht hätten. Wir hatten deswegen auch oft Streit, inklusive Kontaktabbruch. Mittlerweile verstehen sie es. Wir haben darüber einige Gespräche geführt und konnten die Probleme klären. Heute sind sie stolz auf mich, weil sie erkennen, was ich alles trotz oder wegen der Erkrankung geschafft habe.

Gibt es etwas, das Sie als Ursache für Ihre Depression ausmachen können?

Anika: Nicht so direkt, es ist einfach viel zusammengekommen. Einen wirklichen Auslöser wie ein Trauma, einen Unfall oder so gibt es für mich nicht. Ich kenne mein Leben nur mit dieser Gefühlswelt.

Was war der Tiefpunkt Ihrer Erkrankung?

Anika: Mein persönlicher Tiefpunkt war, als ich gemerkt habe, dass ich erstmal nicht mehr so arbeiten und weitermachen kann wie bisher. Meine Fassade, die ich nach außen hin aufgebaut hatte, ist komplett zusammengebrochen. Das war 2008. An dem Tag habe ich auch das erste Mal mit einer Klinik telefoniert. Aber es gab vorher auch schon einige Einbrüche und Situationen, die brenzlig waren. Das Schlimmste war allerdings der Moment, in dem eine sehr alte Nachbarin zu mir sagte „sowas wie dich hätte es 1943 nicht mehr gegeben“ und dass sie nun Angst vor mir hätte. Sie hatte einen Zeitungsartikel gelesen, in dem ich über die Gründung meiner Selbsthilfegruppe berichtet habe und auch von meiner Erkrankung erzählt habe. Das war ein Tiefpunkt, der mir auch heute noch tief in der Seele schmerzt.

Wie geht es Ihnen heute?

Anika: Heute geht es mir gut. Ich arbeite in dem Job, in den ich tatsächlich als Jugendliche schon wollte. Ich bin zufrieden und glücklich, mein Wissen weitergeben zu können. Ich habe ein Leben, das sicher nicht für jeden etwas ist, aber mich macht es glücklich. Mein Mann, Freunde, meine Tiere und auch meine Arbeit sind dabei wichtige Pfeiler. Ich habe eine gute Therapeutin und klar, auch mal schlechte Tage, aber ich kann damit heute ganz anders umgehen. Mir geht es psychisch gut, es ist aber auch viel Arbeit, das zu erhalten und es gibt oft Situationen, die mich an Grenzen bringen.

Warum ist es so wichtig, über die Erkrankung offen zu sprechen?

Anika: Sich zu verstecken, macht es nur noch schlimmer, und es ist absolut nichts, wofür man sich schämen muss. Eine psychische Erkrankung ist wie jede andere Krankheit auch, nichts was man sich ausgesucht hat. Keiner ist davor geschützt, und sie muss genauso ernst genommen werden, auch wenn man sie nicht direkt sieht. Bei einigen Erkrankten ist sie immer da und beeinträchtigt das Leben mal mehr, mal weniger. Die Stigmatisierung einer psychischen Erkrankung ist ein Problem unserer Zeit. Leider werden betroffene Menschen als schwach und verweichlicht hingestellt. Das ist absolut falsch und dagegen muss man etwas tun. Darum ist es mir so wichtig, auch die Mut-Tour zu unterstützen. Damit alle Menschen begreifen, dass man mehr ist als nur eine ICD-Nummer oder eine Diagnose. Jeder Mensch ist individuell, auch darin, wie die Krankheit einen prägt. Es gibt nicht den typischen depressionserfahrenen Menschen. Alle sind unterschiedlich und sollten aus meiner Sicht auch so gesehen und behandelt werden.

Sie erwähnen die Mut-Tour. Was macht Ihnen denn persönlich Mut?

Anika: Zu sehen, was ich aufgrund meiner Geschichte erreicht habe und dass es viele Menschen gibt, die auch mutig sind und offen und mit Stärke über sich und die Krankheit sprechen.

Welche Botschaft haben Sie für andere Betroffene?

Anika: Ihr müsst euch niemals für eine Erkrankung rechtfertigen. Ihr seid stärker, als ihr denkt und als andere denken. Wer euch wegen einer Diagnose vorverurteilt, der ist es auch nicht wert, euch kennenzulernen.

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