Wohngruppe „Kompass“ der Evangelischen Jugendhilfe Münsterland feiert im September Jubiläum
Freudensprünge zum Zehnjährigen

Coesfeld. Die Schraube, die Semino in der Luft vollführt, sieht halsbrecherisch aus. Gekonnt dreht er sich um die eigene Achse. Der 14-Jährige verbringt fast jeden Tag Zeit auf dem Trampolin im Garten. Trainiert, um besser zu werden. „Er schaut sich Youtube-Videos an – und versucht das dann nachzumachen“, erzählt Sozialpädagogin Iris Ebbing, während Semino immer höher und höher springt. Dann kommt noch ein Salto. Die Umstehenden staunen. Er strahlt. Das Sportgerät ist neu – gespendet von der VR-Bank Westmünsterland. Deren Sprecher Thomas Borgert, der heute auch da ist, hat angesichts dieser Freudensprünge keinen Zweifel daran, dass das Geld dafür gut angelegt ist.

Sonntag, 26.07.2020, 10:56 Uhr
Wohngruppe „Kompass“ der Evangelischen Jugendhilfe Münsterland feiert im September Jubiläum: Freudensprünge zum Zehnjährigen
Thomas Borgert von der VR-Bank und Gruppenleiterin Iris Ebbing freuen sich, dass das vom Kreditinstitut gesponserte Trampolin so gut ankommt. Hier vollführt Semino (14) gerade einen Salto. Foto: Detlef Scherle

Es kommt insgesamt acht Kindern und Jugendlichen im Alter von 12 bis 18 Jahren zugute. Ihre Namen stehen alle unter- und nebeneinander auf dem Klingelschild der Villa an der Karlstraße 1. Die acht gehören nicht zu einer Großfamilie, wie man vielleicht annehmen könnte. Es handelt sich um eine Wohngruppe der Evangelischen Jugendhilfe Münsterland. „Die Kids leben hier aber wie in einer Familie“, erklärt Projektleiterin Iris Ebbing. Betreut werden sie in 24-Stunden-Schichten von einem fünfköpfigen Betreuerteam aus Sozialpädagogen und Erziehern sowie einer Hauswirtschaftskraft.

Im September feiert die Wohngruppe ihr zehnjähriges Bestehen. Semino zeigt den Besuchern nicht ohne Stolz sein für einen Jungen sehr aufgeräumtes Zimmer. „Ich möchte Pluspunkte verdienen“, verrät der Teenager das Geheimnis hinter der Ordnung in seinem mit dem Schalke-Emblem geschmückten Reich. „Die Kids brauchen klare Strukturen“, berichtet Ebbing. Dazu gehöre auch das Punkte-System, mit dem sie sich zusätzliches Taschengeld verdienen können. Es gebe aber auch Negativ-Punkte, wenn etwas nicht so läuft, wie es soll. Zum Beispiel bei Beleidigungen – „oder wenn sich jemand gegenüber einem anderen nicht respektvoll verhält“, grinst Semino. Dann drohen „Asozial-Stunden“, wie er es nennt. Eigentlich heißen sie Sozialstunden – da muss beispielsweise mal zusätzlich zum normalen Haushaltsdienst aufgeräumt, geputzt oder Rasen gemäht werden.

Der Tag ist streng durchgetaktet – selbst in Ferien- und Corona-Zeiten. „Nach der Zeit des Homeschoolings haben wir von den Schulen, die unsere Kids besuchen, viel Lob bekommen“, erzählt Ebbing. Sie hätten ihre Hausaufgaben oft besser erledigt als Kinder aus „normalen“ Coesfelder Familien.

Aber was ist schon normal? Die Kinder und Jugendlichen, die in diesem Haus in der Karlstraße leben, wurden vom Jugendamt vermittelt, als es aus unterschiedlichsten Gründen zu Hause nicht mehr ging. „Unser Ziel ist es, ihnen einen Ort der Sicherheit zu geben“, erklärt Ebbing. Wohl wissend, dass die Wohngruppe „nur die beste Alternative zur Familie“ ist. Im geschützten Rahmen erhielten sie Orientierung für ihr Leben. Deshalb heißt die Gruppe auch „Kompass“.

Ganz unterschiedlich sind ihre Geschichten und die daraus resultierenden Schwierigkeiten. „Jeder hier hat seine Baustelle“, weiß Ebbing. Klauen, Ordnung, Ehrlichkeit – nennt sie einige Punkte. „Manche behalten ihre Themen. Aber es gibt Erfolge“, antwortet sie auf die Frage, ob das pädagogische Konzept aufgeht. Eine 18-Jährige aus der Gruppe hat gerade ihren Führerschein gemacht, demnächst beginnt sie eine Ausbildung in der Landwirtschaft.

Die Aufenthaltsdauer ist unterschiedlich: Einige leben nur für relativ kurze Zeit (ein bis zwei Jahre) in der Gruppe. Zum Beispiel, wenn sie und ihre Eltern in der Pubertät mal eine „Auszeit“, ein Break“, brauchen. Bei ihnen, erklärt Ebbing, sei das Ziel die Reintegration in die Herkunftsfamilie, bei anderen, „ihnen eine neue Heimat zu geben“, sie zu selbstständigen Menschen zu erziehen.

Semino hat es nicht bereut, in die Wohngruppe gekommen zu sein. „Manchmal habe ich auch Momente, da möchte ich ausziehen“, sagt er unumwunden, während er schon wieder zur nächsten Trainingseinheit ins Trampolin klettert. Aber er fühle sich sehr wohl. Es sei „wie in einer großen Familie“. Demnächst fährt die übrigens sogar gemeinsam in Urlaub. Einmal im Jahr steht eine Freizeit in Holland an der See auf dem Programm.

| www.ev-jugendhilfe.de

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