Schwimmfähigkeit von Kindern und Nachfrage zum Rettungsschwimmer nimmt ab
Ohne weitere Vertiefung geht es nicht

Coesfeld. Abgesehen von der gesundheitsfördernden und sportlichen Aktivität ist das Beherrschen des Schwimmens vor allem auch eine Frage der Sicherheit. Allerdings, so lautet das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes, traue sich nicht einmal jeder zweite Befragte (44,8 Prozent) zu, jemanden aus einer Notsituation aus dem Wasser zu retten. „Wir sehen das als sehr dramatisch an“, schätzt Stephan Hovestadt, Vorsitzender der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) der Ortsgruppe Coesfeld, die Situation ein.

Dienstag, 08.09.2020, 06:00 Uhr
Schwimmfähigkeit von Kindern und Nachfrage zum Rettungsschwimmer nimmt ab: Ohne weitere Vertiefung geht es nicht
Laut einer Studie im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes nimmt die Schwimmfähigkeit von Kindern immer weiter ab. Diesen Trend kann auch die DLRG Ortsgruppe Coesfeld beobachten. Auch die Nachfrage nach der Ausbildung zum Rettungsschwimmer stagniere. Foto: Pixabay

Zum einen, so schildert er, stagniere die Nachfrage zur Ausbildung zum Rettungsschwimmer. „Aber auch die Schwimmfähigkeit der Kinder lässt nach“, betont Hovestadt. Besonders wenn er auf die vergangenen 20 Jahre blicke, habe sich diese Situation stark verändert. Vor allem die verschiedenen Schwimmtechniken würden den Kindern fehlen.
Einer der Gründe dafür könne etwa die Finanzierung einer Mitgliedschaft im Verein sein oder auch der Fakt, dass der Unterricht zunehmend am Nachmittag stattfindet und es ohnehin ein großes Angebot für die Freizeitgestaltung der Kinder gebe. „Als Familienvater stelle ich mir natürlich die Frage, wie viel ich meinem Kind zumute.“ Auch die Trainer, die ehrenamtlich im Einsatz sind, orientierten sich um, „sodass es schwierig ist, Nachwuchs zu finden“. In anderen Regionen komme außerdem noch hinzu, dass sich die Bädersituation in den vergangenen Jahren drastisch verschlechtert habe und immer mehr Bäder ihre Türen schlossen. In Coesfeld sei dies glücklicherweise nicht der Fall. Das bestätigt auch Andrea Zirkel, Pressesprecherin der Stadt: „Kapazitätsveränderungen und der Rückgang im Schwimmunterricht sind uns nicht bekannt“, schildert Zirkel auf Nachfrage.
Grundsätzlich befürworte Stephan Hovestadt für die DLRG, dass das Schwimmenlernen auch im Schulunterricht eine Rolle spiele, allerdings: „Die Schule kann ein wichtiges Element sein. Aber das ist meiner Meinung nach zu eng gedacht, denn es ist ein Erziehungsauftrag der Eltern. Dort ist der Dreh- und Angelpunkt“, bekräftigt Stephan Hovestadt. Denn auch wenn in der Schule oder im Verein das Schwimmen erlernt werde: „Das kann nur mit den Eltern gemeinsam funktionieren, um die Schwimmfertigkeiten zu vertiefen und nicht wieder zu vergessen.“ Daher müssten Eltern Initiative zeigen und auch in der Freizeit, etwa am Wochenende, mit Kindern Schwimmbäder besuchen. „Den Kindern muss in einem ersten Schritt die Angst genommen werden“, so Hovestadt, bevor eine gewissen Routine nötig sei, um „am Ball zu bleiben.“
Genau an diesem Punkt müsse weiterhin angesetzt werden: „Wir müssen ein attraktives Bad-Angebot mit guter Ausstattung und fairen Preisen erhalten“, so der Vorsitzende der Ortsgruppe. Das Zusammenspiel zwischen Bad und Verein, das gut funktioniere, müsse weiterhin ausgebaut werden und erhalten bleiben. Nur so könnten attraktive Angebote für jede Zielgruppe zum Schwimmen erlernen, vertiefen und später auch zum Ablegen der Leistungsabzeichen gewährt werden.
Für einen Einschnitt habe in den vergangenen Monaten die Corona-Pandemie gesorgt, wie Ulla Peters-Stahl von der DJK Eintracht Coesfeld VBRS schildert. „Einige Hundert Kinder befinden sich aktuell in der Schwebe, das ist sehr bedenklich“, sagt Peters-Stahl, die für den Bereich Freizeit im „mobile“ zuständig ist. Kurse seien abgebrochen oder nicht fortgeführt worden (siehe Info-Box).

Pandemie unterbricht „komplexen Prozess“

Das Schwimmen zu erlernen und zu vertiefen sei „ein komplexer Prozess“, wie es Ulla Peters-Stahl von der DJK Eintracht Coesfeld VBRS beschreibt. Das richtige Alter, um damit zu beginnen, sei zwischen dem ersten und dritten Schuljahr. Ihrer Meinung nach müsse das Schwimmen stärker in den Schulunterricht eingebunden werden, „denn nicht jeder hat die Möglichkeit, Kurse zu besuchen“. Hinzu komme, dass im eigenen Zuhause oft das Bewusstsein für die Wichtigkeit des Schwimmens nicht gegeben sei. „Um Kindern einen guten Zugang zum Wasser zu bieten, müsste man konsequent jede Woche das Schwimmbad besuchen“, so Ulla Peters-Stahl. Die Corona-Pandemie habe aber hier für einen großen Einschnitt gesorgt: Bäder waren geschlossen und Kurse sind ausgefallen, auch aktuell dürften sich im Bewegungsbad des „mobile“ nicht mehr als zehn Personen aufhalten. So würden noch immer hunderte Kinder auf Fortführung oder Neubeginn der Schwimmkurse warten. „Und das Gelernte verschwindet zunehmend“, so Peters-Stahl.    -lsy-

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