Die Stadt Coesfeld bekommt die jüngste Bürgermeisterin ihrer Geschichte
Erdrutsch-Sieg für Eliza Diekmann

Coesfeld. Das ist vielleicht der emotionalste Moment des Abends. Um 21.33 Uhr bricht draußen lauter Jubel aus. „Eliza, Eliza!“ rufen etwa 20 Mitglieder von „Coesfeld for Future“ unten vom Parkplatz hinauf zum weit geöffneten Fenster des Ratssaals. „Ich kriege eine Gänsehaut“, flüstert Hildegard Lamping-Cloppenburg, Eliza Diekmanns Mutter. Sie hat Tränen in den Augen. Ihr Schwiegersohn Marcus nimmt sie in den Arm. Eliza Diekmann steht erst am Fenster, geht dann spontan herunter. Mit Jubelgesängen wird sie empfangen. „Ich weiß gar nicht, was hier passiert“, sagt sie. Mit so einem Ergebnis habe sie überhaupt nicht gerechnet, sondern eher, „dass es knapp wird.“ Es ist ein Erdrutschsieg. 66,9 Prozent kann sie am Ende auf dem Haben-Konto verbuchen. Das ist sogar besser als das letzte Ergebnis von ihrem langjährigen Amtsvorgänger Heinz Öhmann (64,5 Prozent). Gleich mehrfach wird Geschichte geschrieben: Diekmann wird die jüngste Bürgermeisterin in der Geschichte der Stadt, sie ist die erste Frau als Hauptamtliche und sie ist die erste Rathaus-Chefin ohne CDU-Parteibuch.

Sonntag, 13.09.2020, 23:46 Uhr
Die Stadt Coesfeld bekommt die jüngste Bürgermeisterin ihrer Geschichte: Erdrutsch-Sieg für Eliza Diekmann
Zu später Stunde gratulieren der scheidende Bürgermeister Heinz Öhmann (r.) und der deutlich unterlegene CDU-Kandidat Gerrit Tranel (l.) der parteilosen Kandidatin Eliza Diekmann zu ihrem Erfolg. Foto: Detlef Scherle

Die CDU und ihr unterlegener Kandidat Gerrit Tranel müssen das Ganze, was sich schon früh am Abend mit den ersten Ergebnissen aus ländlichen Wahlbezirken abzeichnet, offenbar erst einmal verdauen. Während Anhänger von Pro Coesfeld, Grünen und SPD schon seit 18.30 Uhr im Ratssaal auf die Ergebnisse warten, ist von der Union lange noch gar nichts zu sehen – ihre Mitglieder haben sich auf der Freilichtbühne getroffen. Als erster kommt Sprecher Norbert Hagemann. „Das Ergebnis deutete sich an“, meint er. In der Höhe sei es aber „schon überraschend“. Woran hat es gelegen? „Frau Diekmann hat einen hervorragenden Sympathieträger-Wahlkampf hingelegt.“ Das erkennt am späteren Abend auch Tranel an, der mit seiner Frau Rabea und dem Stadtverbandsvorsitzenden Wilhelm Korth erst um kurz vor 22 Uhr ins Rathaus kommt. Da sind die Sektkorken schon längst durch den Saal geflogen, auch wenn auf die letzten beiden Wahlbezirksergebnisse noch gewartet wird. Dass das derart deutlich ausfällt, damit habe er nicht gerechnet, erklärt Tranel. Eliza Diekmann habe „einen ambitionierten Wahlkampf geführt, auf den man so nicht eingestellt gewesen sei, versucht er erste Erklärungen für die Niederlage zu finden. „Uns ist auch als CDU nicht gelungen, die Erfolge, an denen wir beteiligt waren, zu vermitteln.“ Das werde man sich aber noch genau anschauen. Tranel hat selbst wieder ein Ratsmandat geholt und will es auch annehmen. „Ich bleibe kommunalpolitisch aktiv“, betont er. Ob er den Fraktionsvorsitz übernimmt, lässt er aber noch offen: „Das entscheidet die Fraktion.“

Bei Eliza Diekmann herrscht den ganzen Abend ungläubiges Staunen über die eintrudelnden hohen Wahlergebnisse vor. „Ich freue mich so, dass die Menschen mir ihr Vertrauen geschenkt haben und auch verstanden haben, was ich für sie erreichen will“, sagt sie. „Das gibt mir nun ganz viel Rückenwind.“

Der offizielle Akt ist dann relativ kurz. Von Öhmann gibt es einen Blumenstrauß. Im persönlichen Gespräch sagt er ihr jegliche Unterstützung zu. Bei anstehenden politischen Entscheidungen will er sie bis zur Amtsübergabe am 1. November regelmäßig schon konsultieren, bei wichtigen Verwaltungsvorgängen informieren.

Die Kleeblatt-Fraktionen jubeln mit Ausnahme der Grünen angesichts ihrer eigenen nicht so guten Ergebnisse nicht ganz so laut mit. „Alle haben an einem Strang gezogen“, macht Grünen-Fraktionschef Erich Prinz neben der „Top-Kandidatin“ als Ursache für den Erfolg aus. „Das war eine Gemeinschaftsleistung als Kleeblatt“, meint auch SPD-Fraktionschef Ralf Nielsen. „Es liegt nicht an uns, es liegt an ihr“, kommentiert Eberhard Ernsting, Chef der Freien Wählergemeinschaft Pro Coesfeld, den Erfolg. Und darüber sei er auch „einfach nur happy“.

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