Betreuung von Jugendlichen läuft wieder im Zwei-Schicht-System
Sehnsucht nach Kontakten ist groß

Coesfeld. Der Tischkicker steht verwaist im Eingangsbereich. Der Snoezel-Raum ist leer, die Playstation aus. Sonst sind von den 27 Jugendlichen, die vom Gleis B betreut werden, gerne mal 20 gleichzeitig im Haupthaus an der Hansestraße. „Das fehlt mir schon“, gibt Ulrich Krechting unumwunden zu. Zu Beginn der Corona-Pandemie hat der Geschäftsführer mit seinem Team, zu dem auch Melissa Habibovic zählt, „schnell die Bremse gezogen“. Zu groß war die Sorge, dass sich jemand von den Jugendlichen infizierte und daraufhin das ganze Team in Quarantäne müsste. „Wir können nicht einfach aufhören. Dann würden die Jugendlichen ja alleine leben und einige müssen intensiv begleitet werden“, erklärt Krechting. Die Lösung war damals ein Zwei-Schicht-System, das nach zwischenzeitlichem Re-Start im Juli seit diesem Monat wieder das Mittel der Wahl ist.

Mittwoch, 16.09.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 16.09.2020, 06:03 Uhr
Betreuung von Jugendlichen läuft wieder im Zwei-Schicht-System: Sehnsucht nach Kontakten ist groß
Hoffen, dass die Pandemie spätestens mit dem Frühjahr 2021 endet und die Arbeit im Gleis B wieder in geregelten Bahnen verlauft: Sozialpädagogin und Prokuristin Melissa Habibovic und Geschäftsführer Ulrich Krechting. Foto: Gleis B

„Die Sorge ist jetzt noch größer, dass sich jemand infiziert“, begründet Krechting diesen Rückschritt, der für alle zwar hart, aber mit der Öffnung der Schulen und vermehrten sozialen Kontakten in der Freizeit nötig war. Die 16 Betreuer arbeiten dabei in zwei Teams mit 14-tägigem Rhythmus. Corona habe viele Strukturen, die für die Jugendlichen, die aus schweren familiären Verhältnissen kommen, wegbrechen lassen. Einiges konnte das Gleis B kompensieren. „Wir haben zum Beispiel hier gekocht und das Essen dann zum Mitnehmen herausgegeben“, nennt Krechting ein Beispiel. Hervorgestochen habe in der Krise die intensive Nutzung der Hilfen während des Homeschoolings, wie der Coesfelder beobachtet hat.

„Im Normalfall ist das Gebäude die erste Anlaufstelle und hat einen hohen emotionalen Wert“, weiß Melissa Habibovic. Wenn das wegfalle, müsse man die Jugendlichen umso mehr auffangen, betont die Sozialpädagogin: „Durch viele Wohnungsbesuche, Spaziergänge und Gespräche.“

Dennoch gebe es, sagt Krechting, auch drei Jugendliche, denen die Situation während der Pandemie so sehr zugesetzt hat, dass sie sich in stationäre psychiatrische Behandlung begeben mussten.

Eine Betreuung über Zoom oder andere digitale Medien war übrigens nie eine Option. Und wie sehr sich die jungen Menschen nach realen sozialen Kontakten sehnen, zeigt auch ein weiterer unseliger Umstand: „14 unserer Jugendlichen mussten jeweils 230 Euro Strafe zahlen, weil sie das Kontaktverbot nicht eingehalten hatten“, berichtet Krechting. „Dabei haben sie in der Regel nicht mal ein Gehalt, wovon sie das bezahlen können“, fügt Habibovic hinzu. Ulrich Krechting, selbst fünffacher Vater, hätte sich hier seitens der Ordnungsbehörden mehr Augenmaß gewünscht. „Den jungen Leuten hätten auch schon 20 Euro wehgetan und vielleicht wäre eine erzieherische Maßnahme auch besser gewesen“, meint er.

Doch nicht nur die Jugendlichen vermissen das Miteinander. Auch den Mitarbeitern fehlen die Gespräche untereinander. „Da fühlt man sich schon ein bisschen allein“, gibt Melissa Habibovic zu. Alle hoffen nun auf einen baldigen Impfstoff und dass spätestens im Frühjahr 2021 das Gleis B seine gewohnten Strukturen wieder aufbauen kann – damit am Tischkicker, im Snoezel-Raum oder an der Playstation wieder Leben einkehrt.

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