Fünf Jahre „Wir schaffen das“: Was bleibt in Coesfeld zu tun?
„Geflüchtete müssen eine Stimme haben“

Coesfeld. Es war im Juni 2015, als der erste Flüchtlingszustrom auch Coesfeld erreichte. Die Flüchtlingsinititive, die es schon seit vielen Jahren gibt, hat die Menschen, die in Coesfeld ankamen, in Empfang genommen, in die Unterkünfte gebracht, mit gespendeten Sachen ausgestattet und vor allem versucht, den Geflüchteten das Gefühl zu geben, dass sie hier willkommen sind. Seitdem sind mehr als fünf Jahre vergangen. Die Leitungsgruppe der Flüchtlingsinitiative – bestehend aus Ludger Schulte-Roling, Paul-Joachim Müller, Anne Eismann-Lichte und Norbert Lütkenhaus – berichten im Interview über das Erreichte und das, was noch zu tun bleibt.

Sonntag, 27.09.2020, 09:00 Uhr
Fünf Jahre „Wir schaffen das“: Was bleibt in Coesfeld zu tun?: „Geflüchtete müssen eine Stimme haben“
Bilden das Leitungsteam der Flüchtlingsinitiative Coesfeld (von links): Ludger Schulte-Roling, Paul-Joachim Müller, Anne Eismann-Lichte und Norbert Lütkenhaus. Foto: Leon Seyock

Vor etwa fünf Jahren sagte Angela Merkel „Wir haben so vieles geschafft: Wir schaffen das.“ Ein Satz mit Folgen, der polarisierte. Haben wir es geschafft?

Anne Eismann-Lichte: Wenn wir die Situation heute mit der vor fünf Jahren vergleichen, können wir sagen: Ja, wir haben es in vielen Punkten geschafft. Am Anfang waren die Flüchtlingsheime überbelegt und viele Behörden überfordert. Es war eine schwierige Situation, aber es hat sich vieles zum Guten geändert.

Wie sah die Situation vor fünf Jahren in Coesfeld aus?

Norbert Lütkenhaus: Die ersten Geflüchteten kamen schon ein Jahr früher, 2014, in Coesfeld an. Der erste großer Schwung erreichte uns dann im Juni 2015, insgesamt kamen in diesem Jahr 800 Geflüchtete nach Coesfeld. Die Hilfe und Unterstützung durch Coesfelder Bürger war enorm: mit persönlichem Einsatz als ehrenamtliche Helfer und mit Sach- und Geldspenden.
Ludger Schulte-Roling: Die Geflüchteten waren zunächst längere Zeit in großen Erstaufnahme-Zentren untergebracht, in Coesfeld in zwei Turnhallen und am Leisweg. Von diesen Landeseinrichtungen wurden sie dann auf die einzelnen Kommunen mit fester Wohnsitzauflage verteilt. So auch etliche definitiv nach Coesfeld. Um diese haben wir uns dann gekümmert, dass sie erst mal durchatmen und sich umschauen können, wo sie gelandet sind und bleiben werden.

Wie sah und wie sieht diese Arbeit aus?

Schulte-Roling: Wir haben nahezu jede Woche Geflüchtete in Empfang genommen und eine erste Tour mit ihnen gemacht: Wir waren in Supermärkten einkaufen und haben alles besorgt, was sie in dem Moment brauchten. Bettzeug, Handtücher, Töpfe und Essgeschirr gehörten zum Beispiel dazu.
Paul-Joachim Müller: Ich erinnere mich gut an drei junge Männer aus Bangladesch. Einer von ihnen wollte drei unterschiedlich große Töpfe haben. Die haben wir gemeinsam besorgt, und seitdem hat er über ein Jahr für sich und seine Freunde gekocht. Das ist schön und für ihn ganz selbstverständlich.

Wie haben Sie die sprachlichen Barrieren überwunden?

Schulte-Roling: Diese Barrieren gab es in der Tat, es war sehr schwierig, da es viele verschiedenen Sprachen gibt. Einige konnten Englisch, Französisch oder Italienisch.
Eismann-Lichte: Es gab aber eigentlich immer jemanden, der beispielsweise Arabisch und Englisch beherrschte und so vermitteln konnte.

Aktuell beherrschen immer wieder Schlagzeilen rund um griechische Flüchtlingslager die Nachrichten. Neben den verheerenden Bränden ist immer stärker und immer wieder die Rede davon, dass Lager überbelegt sind.

Eismann-Lichte: In Coesfeld war das am Anfang auch so. Natürlich nicht so dramatisch wie in den Flüchtlingslagern, aber häufig lebten hierzulande drei bis fünf Personen in einem Raum zusammen. Das ist heute glücklicherweise anders und jetzt hat jeder ausreichend Platz für seine Privatsphäre. Dennoch war zum Beispiel die Nutzung von Küche und Bad Dauerkonfliktthema. Die Geflüchteten sind schnell aneinander geraten.
Müller: Das liegt aber auch daran, dass der Verteilungsschlüssel des Sozialamtes nicht gut war. Verschiedene Ethnien und Religionen lebten unter einem Dach, was folglich zu Spannungen führt. Das war nicht schön, es war allerdings zu der Anfangszeit nicht anders machbar. Multikulti finden wir vielleicht spannend, die Geflüchteten aber nicht.

Mittlerweile sind fünf Jahre vergangen. Wie ist der Kontakt zu den Geflüchteten heute?

Schulte-Roling: In den städtischen Unterkünften, wo vor allem alleinstehende und junge Männer, aber auch Familien wohnen, sind wir regelmäßig präsent und bieten unsere Unterstützung an. Zu Familien, die jetzt in eigenen Wohnungen leben, behalten wir Kontakt, wenn es gewünscht wird, und leisten entsprechende Hilfestellung. Es geht immer um Arbeit, um Einkommen, ohne staatliche Unterstützung zu beanspruchen, um die deutsche Sprache besser sprechen und verstehen zu können, um Aufenthaltsrechte und Sicherheit vor Abschiebung, um Kindergarten und Schule und viel mehr.
Lütkenhaus: Die Geflüchteten sind jetzt, fünf Jahre nach ihrer Flucht, in der Realität angekommen. Ihnen muss noch immer eine bessere Orientierung ermöglicht werden. Das beginnt beispielsweise schon bei behördlichen Unterlagen, die in einfacher deutscher Sprache formuliert sein müssen.

Was bleibt darüber hinaus noch zu tun?

Eismann-Lichte: Vor allem für Frauen brauchen wir nach wie vor Deutschkurse. Viele von ihnen haben Kinder und leben in dem typischen Rollenbild. Damit sind sie auch zufrieden – Deutsch beherrschen aber meist nur Männer und die alleinstehenden Frauen. Das wird noch Generationen dauern, bis das Rollenbild aufbricht.
Schulte-Roling: Die Frauen treffen sich meist unter sich. Zu den Coesfeldern wünschen sich die Geflüchteten aber mehr Kontakt. Einfach ein bisschen reden, Freundlichkeit spüren. Bis vor zwei Jahren war das Café Grenzenlos ein Treffpunkt, auch mit Musikveranstaltungen. Die Gruppen haben sich aber nicht gemischt und das Interesse der Geflüchteten und der Coesfelder hat nachgelassen, so hat sich eine Parallelgesellschaft gebildet. Wir wünschen uns neue Ideen und mehr Gelegenheiten für ein Kennenlernen.

Wie nehmen die Coesfelder diese Situation hin?

Lütkenhaus: Wir haben glücklicherweise noch nie Anfeindungen erlebt. Die Coesfelder akzeptieren die neuen Mitbürger.
Eismann-Lichte: Eine junge Frau aus Eritrea sagte mir eines Tages von sich aus, dass sie hier keinen Rassismus kennt. Das empfindet sie natürlich als sehr angenehm.
Schulte-Roling: Nichtsdestotrotz ist es zum Beispiel immer noch so, dass Afrikaner keine Wohnungen bekommen. Eine gewisse Vorsicht ist bei vielen Vermietern zu spüren. Wir als Flüchtlingsinitiative stehen als Begleitpersonen bereit und bieten für Mieter und Vermieter Unterstützung an.

Welche beruflichen Chancen sehen Sie für die Geflüchteten vor Ort?

Schulte-Roling: Es gibt viele Jobs und viel zu tun in Coesfeld und die Flüchtlinge suchen Arbeit, wollen auf eigenen Beinen stehen. Aber es ist nicht einfach, dass beide Seiten zusammenfinden. Berufserfahrungen und Schulleistungen aus den Heimatländern finden hier kaum eine Passung. Die meisten sind froh, wenn sie mit Helfertätigkeiten ihr Geld verdienen können. Auf die Dauer ist das aber nichts. Viele Firmen brauchen und suchen qualifizierte Mitarbeiter. Mittelwege und Lösungen zwischen Anlernjobs und Gesellenprüfung müssten gebahnt werden.

Mit welchem Gefühl blicken Sie in die Zukunft?

Müller: Im Rahmen der Werte unseres Grundgesetzes, der Rechtsnormen und der Gepflogenheiten des Umgangs miteinander sind viele Lebensweisen mittlerweile möglich und lebbar geworden. Die Flüchtlinge sind gerne bereit, sich auf dieses Angebot einzulassen und sich in unsere offene Gesellschaft zu integrieren, auch weil sie dabei ihre kulturellen Besonderheiten weiter leben können.
Schulte-Roling: Wir müssen den Geflüchteten weiterhin mit Respekt begegnen und Unterstützung anbieten. Genauso ist es nach fünf Jahren aber auch an der Zeit, dass sie sich selbst zu Wort melden, sich informieren und einbringen. Die Geflüchteten müssen eine Stimme haben.

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