Ordnungsamt greift nicht ein – Künstler begrüßt Auseinandersetzung
Kunst an der Kunst erhitzt die Gemüter

Coesfeld. In Coesfeld wird wieder über Kunst diskutiert. Nach dem Streit um das Dita-von-Teese-Portrait in der VHS im vergangenen Jahr steht aktuell die „Konferenz der Elemente“ von Jürgen Goertz auf dem Marktplatz im Blickpunkt. Genauer: eine „Erweiterung um den Aspekt Klimaschutz“, die Aktivisten der „Coesfeld-for-Future“-Gruppe am Sonntag vorgenommen hatten, um für die Klimaschutz-Demo zu werben, die gestern in Dülmen stattfand. Da wurden aus den Brunnen-Kugeln unter dem Motto „Uns steht das Wasser bis zum Hals“ Gesichter (wir berichteten).

Sonntag, 27.09.2020, 16:00 Uhr
Ordnungsamt greift nicht ein – Künstler begrüßt Auseinandersetzung: Kunst an der Kunst erhitzt die Gemüter
Aktivisten von „Coesfeld for Future“ gestalteten das Goertz-Kunstwerk „Konferenz der Elemente“ auf dem Marktplatz temporär um. Foto: Detlef Scherle

Besonders bei Facebook schlugen die Wogen hoch. „Darf jetzt jeder stadteigene Kunstwerke als Plakatfläche benutzen?“ fragte die FDP-Politikerin Ulrike Holters. Besonders im Fokus: Benedikt Öhmann, Sohn des noch amtierenden Bürgermeisters Heinz Öhmann und neuer direkt gewählter Grünen-Ratsherr, der als Mitglied von „Coesfeld for Future“ an der Aktion beteiligt war. Einige mutmaßten, ob wohl das Ordnungsamt wegen der familiären Verbindung nicht gen den „Frevel“ einschritt. Dies wies die Stadt auf AZ-Anfrage zurück. „Das Ordnungsamt hat die Aktion am Marktbrunnen geduldet, weil sie keine Gefährdung oder Einschränkung für die Öffentlichkeit darstellte und keinen Schaden angerichtet hat“, erklärte Sprecherin Andrea Zirkel. Der Brunnen als Kunstwerk sei „mit dem nötigen Respekt behandelt“ worden. Bürgermeister Heinz Öhmann ergänzte persönlich noch: „Als ich in der Zeitung von der Aktion auf dem Marktplatz erfuhr, fand ich die Idee ohne inhaltliche Wertung grundsätzlich pfiffig. Sie nimmt die Intention des Goertz-Kunstwerkes auf, das uns Mahnung zum aktiven Umweltschutz sein soll.“ Er habe seinen Sohn aber gebeten, die Installation zu beenden, nachdem die Botschaft ausreichend öffentlich zur Kenntnis genommen werden konnte. Das sei Mittwochmittag auch geschehen.
Was denkt der Künstler Prof. h. c. Jürgen Goertz über die temporäre „Erweiterung“ seines Werks? Wir haben den mittlerweile 82-Jährigen, der die „Konferenz der Elemente“ vor 30 Jahren geschaffen hat, telefonisch in seinem Atelier, einer profanierten Kirche in Eichtersheim (Baden-Württemberg), erreicht. Er finde die Aktion, den respektvollen Umgang mit seinem Werk, „sehr in Ordnung“: „Wenn man gegen diese Aktion wäre, wäre man eng in seiner Einstellung“, hob er hervor. Der Aspekt des Klimaschutzes sei in der Tat eine sinnvolle Ergänzung zu seinem Anliegen, darauf aufmerksam zu machen, wie der Mensch Umwelt und Natur zerstört und letztlich sich selbst.
„Das Ganze stimmt mich sehr froh“, sagte er zur Coesfelder Debatte, zeige sie doch, dass auch nach 30 Jahren noch eine Auseinandersetzung mit seinem damals schon umstrittenen Werk stattfinde. Genau das sei der Sinn von Kunst im öffentlichen Raum – „sie muss widersprüchlich sein“. Und er hat gerade deshalb durchaus auch Sympathien für diejenigen, die die Aktion nicht gut fanden und das Werk schützen wollten: „Beide Seiten leben hier Demokratie.“
„Ich habe Coesfeld nicht vergessen“, erinnert sich Goertz an die Diskussionen, die es seinerzeit um den Auftrag für die Ausführung des Kunstwerkes gab. Mit Stimmen von CDU und Grünen sei das am Ende ermöglicht worden. Er habe, als der Corona-Ausbruch bei Westfleisch bundesweit öffentlich wurde, noch an Coesfeld und sein „Schwein“ auf dem Marktplatz gedacht. Ursprünglich habe er, als er 1989 den Auftrag erhielt, etwas in Anlehnung an die vier Jahreszeiten machen wollen, habe sich dann aber für die vier Elemente als „stärkere Position“ entschieden: „Das hat etwas Überzeitliches.“ Ganz aktuell kommt Coesfeld, genauer die Allegorie für das Luftwesen, in einer Variante auch in einer großen Ausstellung seiner Skulpturen vor, die noch bis zum 25. Oktober 2020 im Heidelberger Schlosspark zu sehen ist.
Goertz ist auch im hohen Alter noch künstlerisch aktiv. Jüngst hat er eine Büste John F. Kennedys geschaffen. Er verändert und ergänzt auch mal selbst seine Kunst: So erhielt der „Guardian Angel“ im Heidelberger Schlosspark dieses Jahr einen neuen Kopf mit stilisiertem Mund-Nasen-Schutz.

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