Zwei große Pestwellen erfassten Coesfeld 1350 und 1666
Quarantäne schon immer entscheidend

Coesfeld. Quarantäne – ein Stichwort, das nicht nur während der aktuellen Corona-Pandemie immer wieder fällt, sondern auch schon zur Bekämpfung der Pest ein wesentlicher Faktor gewesen ist. Große Pestwellen überrollten Coesfeld sowohl um 1350 als auch um 1660. Auch dazwischen, zum Beispiel 1557 oder 1626, gab es Ausbrüche.

Sonntag, 18.10.2020, 11:34 Uhr
Zwei große Pestwellen erfassten Coesfeld 1350 und 1666: Quarantäne schon immer entscheidend
1666, genau zum Höhepunkt einer Pestwelle in Coesfeld, wurde die Große Kapelle errichtet. Der Grundstein wurde 1659 gelegt. Sie war ursprünglich mit drei Arkaden nach Westen und Süden hin geöffnet. Stadtarchivar Norbert Damberg mutmaßt, dass so mit Abstand und Frischluft Gottesdienste auch für die Erkrankten ermöglicht werden sollten. Foto: Jessica Demmer

Die erste Welle war sehr groß, es starben, je nach Lesart der Aufzeichnungen, ein Viertel bzw. Dreiviertel der Bevölkerung. „Für die ärmere Bevölkerung wurde eigens ein Spital eingerichtet durch eine Stiftung. Es stand an der Ecke Kuchenstraße und Letter Straße. Dort wurde aber nicht nur die Pest behandelt, sondern auch andere Krankheiten“, berichtet Stadtarchivar Norbert Damberg. Bemerkenswert sei, dass um 1350 eine große gesellschaftliche Gruppe komplett verschwand: die jüdischen Bewohner. „In der Geschichte sind sie plötzlich nicht mehr nachweisbar, tauchen erst gut 50 Jahre später wieder auf. Was genau mit ihnen geschehen ist, weiß man nicht, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass sie auch in Coesfeld wie andernorts für den Pestausbruch verantwortlich gemacht wurden und im besten Fall fliehen konnten“, zeigt er ein Rätsel dieser Zeit auf. Es gab aber auch „Profiteure“ der Krise, denn mangels Bürgern in der Stadt erhielten die Frauen endlich Bürgerrechte. „Das liegt natürlich daran, dass durch die Pest die Anzahl der steuerzahlenden Bürger sich stark verringert hatte und die Stadt neue Einnahmequellen – jetzt bei den überlebenden (Neu-)Bürgerinnen – suchen musste.“

Im Oktober 1666 musste Coesfeld den Höhepunkt einer neuen Pestwelle beklagen. „Der Landesherr Christoph Bernhard von Galen erließ eine Pestordnung und kritisierte, dass die Krankheit nicht gleich beim ersten Auftreten gemeldet wurde, sondern schon lange in Coesfeld wüten konnte“, berichtet Norbert Damberg. „Dabei waren es vermutlich seine Soldaten, die die Pest von Holland aus in die Stadt gebracht haben.“ Von Galen befahl, dass Pestkranke in Pesthütten, die vor der Stadt lagen, und in die Kemnadinckmühle an der Berkel vor dem Süringtor (der genaue Standort ist nicht bekannt) gebracht werden sollten. Jede Nachbarschaft im Außenbereich sollte zwei bis drei Hütten zur Verfügung stellen, die, sobald darin jemand verstarb, verbrannt werden konnten. Es wurden ein Chirurg und diverse Handlanger zur Betreuung der Kranken in der Mühle abgestellt. Letztere sollten die Toten auf einem Friedhof außerhalb der Stadt begraben. „Wo genau dieser Pestfriedhof gewesen sein soll, wissen wir nicht. Wir sind noch auf der Suche“, so der Stadtarchivar, der sich über Hinweise freuen würde. „Meines Erachtens muss dieser vor dem Süringtor Richtung Reiningmühle gelegen haben.“

Natürlich erlagen die Menschen nicht immer isoliert in der Mühle oder den Hütten ihrer Krankheit, die durch Nagetierflöhe auf den Menschen sowie von Mensch zu Mensch übertragen wurde, wie man später herausfand. Wenn sie in ihrem eigenen Haus starben, wurden die übrigen Bewohner gebeten, das Haus zu verlassen und sich vier Wochen in Quarantäne zu begeben – entweder in das Siechenhaus an der Bischofsmühle oder in auf dem Stadthagen gelegene Hütten. Nach ihrer Genesung sollten sich die Erkrankten sechs Wochen von allen anderen fern halten – ebenfalls in den Häusern am Stadthagen. „Neben diesen Quarantänemaßnahmen wurden die Stadttore geschlossen, wer rein oder raus wollte, dessen Gesundheit wurde zunächst kontrolliert“, so Norbert Damberg.

Der Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen ließ 1666 die Große Kapelle am Kreuzweg errichten. „Vielleicht war sie aus seiner Sicht eine Sühneleistung, vielleicht galt sie aber auch direkt vor den Toren der Stadt als geweihter Ort, um dort an Gottesdiensten mit Abstand und Frischluft teilnehmen zu können, denn die Betreuenden und die Infizierten konnten ja nicht mehr zurück in die Stadt.“ Die Kapelle war ursprünglich mit drei Arkaden nach Westen und Süden hin geöffnet. Die Pest begleitete die Bevölkerung noch lange Zeit. „Zuletzt wies der Landesherr 1770 auf eine bevorstehende Pestwelle hin, wie sich in städtischen Akten zeigt. Allerdings wissen wir nicht, ob das vorbeugend war, sodass Coesfeld nicht betroffen wurde.“

Auch heute gibt es die Pest noch in einigen Teilen der Welt, allerdings besteht bei einer frühzeitigen Diagnose und einer Behandlung mit Antibiotika gute Chancen auf eine Heilung.

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