Michaela Nagelschmidt verwandelt eigene Terrasse in Kunstwerk
Mit einem Hauch von Babylon

Coesfeld. Wer sich ein wenig in der Kunstgeschichte auskennt, der wird kurz stutzen und sich an das Ischtar-Tor im Berliner Pergamonmuseum erinnert fühlen. Nur dass die Künstlerin Michaela Nagelschmidt statt Wildstieren und schlangenleibigen Drachen eben etwas Typisches für die Stadt an ihre eigene Hausfassade gemalt hat – Kühe. „Das war eher ein spontaner Einfall nachdem ich in der Zeit des Lockdowns eine Vorlesungsreihe über Kunstgeschichte gesehen habe“, erinnert sich die Coesfelderin.

Montag, 26.10.2020, 05:00 Uhr
Michaela Nagelschmidt verwandelt eigene Terrasse in Kunstwerk: Mit einem Hauch von Babylon
Auf der Terrasse der Künstlerin Michaela Nagelschmidt weht jetzt ein Hauch von Babylon. Sie hat dort das Ischtar-Tor, eines der ehemaligen Tore der Stadt, das im Pergamonmuseum in Berlin zu sehen ist, an die Wand gebracht. Aber eben auf ihre ganze eigene Art und Weise. Foto: Jessica Demmer

Doch von Anfang an: Michaela Nagelschmidt, übrigens ihr Künstlername, hat ein Faible für Kühe. „Ich habe schon mein ganzes Leben gerne und viel gemalt. Doch als unsere vier Kinder kamen, hatte ich kaum Zeit.“ Jahrelang spielte die Malerei eher die zweite Geige. „Als wir dann in unser neues Haus gezogen sind, habe ich gedacht, dass die großen leeren Wände nichts für Drucke sind, sondern für Originale. Aber die sind teuer“, sagt sie mit einem Schmunzeln. Und plötzlich war er wieder da – der Gedanke an die Malerei. „Mein Mann hatte mich bis dahin gar nicht so als Künstlerin wahrgenommen und ich dachte, ich probiere es einfach mal wieder.“ Doch wie? „Ich wollte an alten Meistern üben, aber die haben immer nur nackte Frauen gemalt“, sagt Michaela Nagelschmidt mit einem Lachen. Etwas Lebendes, Organisches ging jedoch schon in die richtige Richtung. „Und was hätte sich für diese Stadt besser geeignet als eine Kuh?“ Sie malte Kühe – so wie sie Picasso, Warhol, Dalí oder Miró gemalt hätten. Rund 100 Bilder hat sie seitdem auf die Leinwand gebracht, viele davon hängen im Haus. Einige hat sie auch bereits vor zwei Jahren im Coesfelder Krankenhaus ausgestellt. „Wenn ich male, ist das eher ein Rausch, ein Ausbruch. Ich bin dann wie besessen, mit Erholung hat das nicht viel zu tun.“ 70 Bilder habe sie allein in sieben Wochen geschaffen. „Ich arbeite mit Acryl, Ölfarbe braucht zu lange zum Trocknen.“

Doch für ihr neuestes Kunstwerk hat sie auf Sprühdosen und Graffitifarbe gewechselt. Die überdachte Terrasse im Garten misst 2,50 Meter mal sieben Meter. „Ich habe lange überlegt, wo und wie ich es mache. Aber ich dachte, das wäre doch interessant.“ Das Ischtar-Tor ist eines von fünf Stadttoren der früheren Stadtmauer Babylons. „Ich hatte es auf Papier vorgezeichnet, wusste also ungefähr, wie es werden sollte und dann habe ich einfach losgelegt.“ Vier Tage hat Michaela Nagelschmidt dafür gebraucht und 40 Sprühdosen verbraucht. Jetzt ist an der Seite des Hauses nichts mehr vom ursprünglichen Klinker zu sehen. „Schicht für Schicht habe ich die Farbe aufgetragen, damit sie nicht verläuft. Mit der späteren Wirkung vor Augen war das leichter zu malen.“

Eine künstlerische Ausbildung hat sie nicht. Dafür jede Menge Talent. Das hat jetzt auch ihr Mann erkannt und direkt einen Deal ausgehandelt. „Er sagte, ich darf die Hauswand nutzen, wenn ich später einen Banksy auf das Garagentor male“, so die Künstlerin mit einem Lachen. Der wird dann im Wohnzimmer vorgemalt auf DIN A 2-Bögen und später auf das Garagentor übertragen. Für Michaela Nagelschmidt noch lange nicht das Ende der künstlerischen Fahnenstange. „Ich würde gerne noch ‘Die goldene Adele’ von Gustav Klimt malen oder die ‘Geburt der Venus’ von Sandro Botticelli.“ Und natürlich wie immer im Mittelpunkt – die Kuh. „Gerade bei Botticelli fragen sich viele, wie das gehen soll. Aber keine Sorge, das geht.“

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