Ehemaliger Coesfelder hat ein besonderes Buch über die Folgen der Pandemie herausgegeben
Was die Corona-Krise mit den Armen macht

Coesfeld. Zur Corona-Krise sind mittlerweile schon einige Bücher veröffentlicht worden. So mancher Autor hat die Pandemie als literarisches Gewinner-Thema für sich entdeckt. Ganz anders verhält sich das bei dem Buch „Solidarität in Zeiten von Corona und darüber hinaus“, das der aus Coesfeld stammende Soziologe und Pädagoge Uwe Kemmesies gemeinsam mit Gerhard Trabert, einem weltweit engagierten Notfallmediziner und Aktivisten in der Armutsbekämpfung, herausgegeben hat und das die sozialen und kulturellen Folgen von Covid-19 beleuchtet. Dafür war, wie Kemmesies in der Einleitung berichtet, gar nicht so leicht ein Verlag zu begeistern. „Das Thema Armut verkauft sich nicht gut“, bekam er zu hören. Nach zahlreichen Absagen griff schließlich mit Oekom doch noch ein Verlag zu. Ein Glücksfall. Denn herausgekommen ist nicht nur „Ein Plädoyer für nachhaltige Armutsbekämpfung“, wie der Untertitel verheißt, sondern ein facettenreiches Kaleidoskop der Krise, das sich nicht an den gängigen Klischees und Alltagsfragen (Wie hoch ist der Inzidenzwert heute?) orientiert, sondern an den Auswirkungen der Infektion auf diejenigen, die am Rande der Gesellschaft leben. Die 28 Autoren zeigen auf teils ganz persönliche Weise auf, was Corona mit den Armen macht und was nötig wäre, um solche Krisen für sie künftig besser abfedern zu können.

Montag, 04.01.2021, 19:44 Uhr aktualisiert: 04.01.2021, 20:53 Uhr
Ehemaliger Coesfelder hat ein besonderes Buch über die Folgen der Pandemie herausgegeben: Was die Corona-Krise mit den Armen macht
Vögel bauen ihr Nest in einem Mund-Nasenschutz: Die Illustration des Buches kommt bisweilen satirisch daher. Foto: Detlef Scherle

Die Corona-Betroffenen, die in dem Buch zu Wort kommen, könnten unterschiedlicher nicht sein: Da schreiben u. a. ein Millionär und zwei Obdachlose, eine Ärztin und ein Musik-Kabarettist, ein Designer und ein Clubbetreiber. Es gibt prominente Autoren wie die frühere Entwicklungshilfe-Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul und den renommierten Armutsforscher Christoph Butterwegge, aber auch ganz Unbekannte wie Dominik (Pseudonym), der mitten in der Pandemie aus der Haft entlassen wird, oder Kevin Craig Dolan als gerade genesener Corona-Patient. Herausgeber Kemmesies selbst würzt seinen autobiografischen Beitrag mit lokalen Bezügen, die für den Coesfelder Leser besonders interessant sind – vom hiesigen Krankenhaus, in dem in den 60er Jahren sein Vater behandelt wurde, über ein international agierendes mittelständisches Coesfelder Unternehmen bis hin zur Schulzeit am St.-Pius-Gymnasium.

Der ebenfalls in Coesfeld aufgewachsene Musikkabarettist Benedikt Eichhorn, Autor des Kapitels „Die wollen nur spielen“, bringt Leichtigkeit in die Ernsthaftigkeit des Themas. Leseprobe gefällig? „Vor Corona habe ich über das Bedürfnis nach körperlicher Nähe zu Fremden die Nase gerümpft. Jetzt möchte ich als Mensch anderen Menschen nahe sein. Gut, es gibt Ausnahmen.“

Das Beste an dem Buch ist, dass es den Leser nicht in Wolkenkuckucksheime entführt, sondern an sehr vielen Stellen konkret und bodenständig aufführt, wo Veränderungen hin zu mehr Gerechtigkeit möglich wären, wenn wir wirklich wollten. Solidarität üben schon einmal die Autoren, die auf ihre Honorare zugunsten von drei anerkannten Hilfsorganisationen verzichten: Armut und Gesundheit in Deutschland e. V., Friedensdorf International und medico international e. V.

7 „Solidarität in Zeiten von Corona und darüber hinaus“, 315 Seiten, Oekom-Verlag, München, ISBN: 978-3-96238-264-3, 24 Euro

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