Vater eines Sohnes mit geistiger Behinderung wünscht sich anderen Fokus
„Die Impfreihenfolge überdenken“

Coesfeld. Die Coronazeit und die damit verbundenen Einschränkungen und Sorgen sind für niemanden leicht. Eine andere Dimension erhält die Situation, wenn man nicht genau versteht, was vor sich geht. Wie zum Beispiel der Sohn mit einer geistigen Behinderung eines Familienvaters, der seinen Namen nicht in der Zeitung nennen möchte.

Dienstag, 02.03.2021, 06:00 Uhr
Vater eines Sohnes mit geistiger Behinderung wünscht sich anderen Fokus: „Die Impfreihenfolge überdenken“
Zum Beispiel in der Marienburg, einer Einrichtung der Stiftung Haus Hall in Coesfeld, wurden die Bewohner noch nicht geimpft. In den Kreisen Steinfurt und Borken ist dies teils schon passiert. Der Grund: Die Kreise haben den Erlass zur Impfreihenfolge anfangs unterschiedlich interpretiert. Menschen mit Behinderung in Wohngruppen sind jedoch erst in der Priorisierungsgruppe 2 aufgeführt und somit erst später an der Reihe. Foto: Jessica Demmer

Thomas (Name von der Redaktion geändert) lebt und arbeitet in der Marienburg, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung der Stiftung Haus Hall. „Zwei Mitbewohner erkrankten vor Kurzem an Covid-19, hatten zum Glück nach meinen Informationen aber einen milden Verlauf. Alle Bewohner mussten für 14 Tage in eine Zimmerquarantäne und durften nur für die Toilette und Dusche vor die Tür. Wir konnten unseren Sohn auch nicht zu uns holen“, berichtet der 57-jährige Vater. Alles sei gut gegangen und doch: „Für uns wäre eine Zimmerquarantäne schon eine schlimme Situation, für viele Menschen mit Behinderung ist dies traumatisch, weil sie die Notwendigkeit nicht verstehen und sie wie einen Freiheitsentzug empfinden.“
Sein Anliegen an die Politik: „Die Impfreihenfolge für Menschen mit Behinderung und Mitarbeiter der Einrichtungen überdenken, denn wie in einem Altenheim, kann auch in einer Behinderteneinrichtung ein Covid-19-Ausbruch verheerende Folgen haben. In der Wohngruppe meines Sohnes gibt es zum Beispiel auch Menschen mit einer Herzerkrankung.“ Er betont, dass er es richtig finde, dass bald auch Lehrer und Kita-Personal geimpft werden sollen. „Doch bevor ein gesunder Lehrer eine Spritze erhält, muss auch der letzte Mensch mit Behinderung und der letzte Mitarbeiter einer Behinderteneinrichtung ein Impfangebot bekommen haben.“ Denn dort sei der Kontakt zueinander noch enger als in den Schulen. Die Betreuer helfen etwa beim Toilettengang oder auch beim Duschen. „Und sie schränken sich schon lange in ihrem Privatleben extrem ein“, betont er das Engagement.
Der Vater bemängelt zudem die unterschiedliche Vorgehensweise der Kreise. „Die Kreise Steinfurt und Borken handeln im Umgang mit den Behinderteneinrichtungen völlig anders als der Kreis Coesfeld. Alle Menschen mit Behinderung und das Personal etwa der Ledder Werkstätten sind bereits geimpft. Ebenso wie im Kreis Borken – interessanterweise auch in der Stiftung Haus Hall.“ Im Kreis Coesfeld sei dies nicht passiert. Für ihn nicht nachvollziehbar. „Menschen mit Behinderung haben keine große Lobby. Das muss sich ändern. Sie müssen stärker in den Blick genommen werden.“

Das sagt Haus Hall

Martin Nolte, Bereichsleiter Wohnen in der Stiftung Haus Hall, erklärt auf Nachfrage: „Wir haben für unsere Bewohnerinnen und Bewohner im Kreis Borken die Chance genutzt, die wir im Rahmen der Impfanmeldung dort hatten, sodass ein Teil von ihnen bereits geimpft ist. Menschen mit Behinderung sind bei der Impfpriorität der Gruppe zwei zugeordnet. Darum sind wir zuversichtlich, dass unsere Bewohnerinnen und Bewohner in beiden Kreisen bald planmäßig durchgeimpft werden können.“

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Das sagen die Kreise Borken, Steinfurt und Coesfeld

Auf AZ-Nachfrage erklären die Kreise die unterschiedliche Vorgehensweise. „Es ist grundsätzlich so, dass nicht wir als Kreis eine eigene Impfstrategie für die Menschen in der Eingliederungshilfe, also Menschen mit Behinderungen in Wohngruppen, haben, sondern dass dies durch die nationale Impfstrategie sowie die konkreten Vorgaben des Landes geregelt wird“, erklärt Ellen Bulten vom Kreis Borken. „Wir hatten bei uns im Kreis den Erlass des Ministeriums zunächst so interpretiert, dass wir auch mit Impfungen in der Eingliederungshilfe begonnen haben. Allerdings hat das NRW-Gesundheitsministerium kurz darauf klargestellt, dass diese Einrichtungen nicht mitgemeint waren, sondern es allein um vollstationäre Pflegeeinrichtungen ging.“ Es folgte ein Impfstopp. Mit dem jüngsten Erlass des Ministeriums sei angekündigt, dass auch Impfungen in Einrichtungen der Eingliederungshilfe erfolgen können. „Wir planen also, dort die Impfungen wieder aufzunehmen. Näheres wird aber das Ministerium noch festlegen. Zudem ist dies abhängig von der Verfügbarkeit des Impfstoffes.“ Ähnlich äußert sich auch der Kreis Steinfurt. „Wir haben den Erlass anfangs zunächst anders interpretiert als andere Kreise“, so Sprecherin Kirsten Weßling. Schnell wurde aber klar, dass die Einrichtungen für Menschen mit Behinderung erst in der Priorisierungsgruppe 2 an der Reihe sind. „Zudem wurde der Impfstoff knapp. Sobald aber die nächste Gruppe freigegeben wird, werden wir wieder impfen.“ Ein Sprecher des Kreises Coesfeld ergänzt: „Mit dem jüngsten Erlass vom 18. 2. ist die Tür für die Impfung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe geöffnet. Sobald genügend Serum verfügbar ist, werden die mobilen Impfteams auch diesen Personenkreis versorgen können. Gegenwärtig werden im Kreis Coesfeld die Menschen aus der ersten Priorisierungsgruppe geimpft.“

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