„New Model Army“ spielt in Coesfeld / Alle Karten bereits ausverkauft / Ab 23 Uhr freie Aftershowparty
„Veränderung ist nichts Schlechtes“

coesfeld. Schon seit 36 Jahren begeistert „New Model Army“ aus dem englischen Bradford die hiesige Fangemeinde mit sowohl kraftvollen und treibenden als auch dunklen Rocksongs mit oft hymnenhaftem Refrain. Passend zum Erscheinen seines neuen Albums „Winter“ tritt das Quintett am Sonntag (2.10.) in Coesfeld in der Fabrik auf. Über das neue Album hinaus wollte André de Vos von dem politisch interessierten Engländer, Hauptkomponisten der Band und Sänger Justin Sullivan wissen, wie er den Brexit verkraftet hat.

Dienstag, 04.10.2016, 16:33 Uhr

„New Model Army“ spielt in Coesfeld / Alle Karten bereits ausverkauft / Ab 23 Uhr freie Aftershowparty : „Veränderung ist nichts Schlechtes“
„New Model Army“: Am 2. Oktober treten sie mit ihrem neuen Album „Winter“ in der Fabrik Coesfeld auf. Das Konzert ist bereits ausverkauft. Foto: Oktoberpromotion

Sie nennen Ihre Platte ‚Winter‘ und bringen sie im Sommer heraus. Spielen Sie damit auf den Zustand der Gesellschaft an oder wollten Sie nur eine Jahreszeit beschreiben ohne jeglichen Hintergedanken?

Justin Sullivan: Der Titelsong da drauf ist von Anfang 2015 und entstand in den letzten Ausläufern der Winterzeit. Es geht darin um Zukunftsangst. Und es geht darum, trotzdem einen Blick über das Jetzt hinaus zu werfen, gemäß dem Spruch: ‚Vielleicht können wir hinter den schwärzesten Stürmen die entferntesten Sterne sehen.’ Als ich das Lied schrieb, hatte ich diesbezüglich verschiedene Ideen, und zwar: voller Furcht auf etwas zu schauen, was kommt, und dazu noch den Hintergedanken zu haben, ob das Danach überhaupt besser ist! Wir mochten den Gedanken, das Album deshalb ‚Winter’ zu nennen. Und in der Rückschau war es jetzt sogar besser, es im August herauszubringen.

Man könnte meinen, das Album sei ein wenig ‚dunkel‘ geraten, es umweht eine gewisse depressive Stimmung?

Justin Sullivan: Nur ein bisschen ‚dunkel’? Nein, es ist total finster! (lacht) Das Interessante dabei ist, dass es 2015 geschrieben und im Februar, März dieses Jahres fertig gestellt wurde. Danach hatte ich es mir kein einziges Mal mehr durchgehört. Als ich es mir dann nach dem ‚Brexit-Referendum’ am 23. Juni noch einmal angehört habe, stellte ich fest, dass es jetzt perfekt in die Zeit passt.

Welchen Gesichtspunkt meinen Sie dabei?

Justin Sullivan: Und zwar den Aspekt, dass, wenn jemand dachte, das Abstimmungsergebnis in England wäre eine Überraschung, er der ganzen Geschichte einfach nicht genügend Aufmerksamkeit gewidmet hatte.

Können Sie das noch einmal genauer ausführen?

Justin Sullivan: Wenn man die Zeit von Premierministern von Margaret Thatcher über Tony Blair bis David Cameron erlebt hat, konnte man über 35 Jahre lang mitbekommen, wie die große Masse Briten fühlt, eben, dass man ihnen einfach nie zuhört. Diesbezüglich gibt es noch eine Zeile in dem neuen Lied ‚Eyes Get Used To The Dark-ness’, die zwar nicht genau für diese Situation geschrieben wurde, die aber genau passt und heißt: ‚Wenn dir niemand richtig zuhört, dann sag’ einfach ‚Nein’!’ Und dieses Mal war es für die Leute seit 40 Jahren die erste Gelegenheit, über den Verbleib in der EU abzustimmen und etwas Relevantes zu sagen. Und das war einfach nur ‚Nein!’ Mehr war das nicht.

Dass diese Volksabstimmung für die Engländer von Vorteil ist, scheint Ihnen nicht ausgemacht zu sein?

Justin Sullivan: Hier in England haben wir ein geflügeltes Wort für diese Situation: ‚Die Truthähne dürfen über Weihnachten abstimmen.‘ Aber den Engländern war das dieses Mal völlig egal. Sie wollten einfach etwas kaputtschlagen, weil sie seit dem Anfang der 80er immer nur eines gehört haben: nämlich, wenn sie wollen, dass die Reichen immer reicher werden, würden sie auch davon profitieren. Und das ist nun einmal eine verdammte Lüge!

Diese Situation erinnert mich an unser Gespräch vor drei Jahren zu Ihrer Platte ‚Between Dog And Wolf’, wo die Menschen im ‚Arabischen Frühling´ auch Veränderungen wollten und ein komplettes Desaster erlebten. Und jetzt kommt für die Menschen in England eine ähnliche Situation zustande?

Justin Sullivan: Ich glaube, das stimmt. Wenn man über das Referendum etwas erfahren wollte, dann wäre jetzt auf der neuen Platte Lied 2: ‚Burn The Castle’, die richtige Antwort. Es war nur ein Wutausbruch, eine Reaktion auf eine total billige politische Idee der Tories, der Konservativen hier, um mit einer Ankündigung eines Referendums die letzten Wahlen zu gewinnen. Ich bin über das jetzige Ergebnis total niedergeschlagen, voller Verzweiflung und Furcht, was da noch kommt, aber nicht überrascht, weil ich das so kommen gesehen habe.

Aber vielleicht muss man gar nicht so depressiv verstimmt sein, denn der US-Außenminister Kerry war gleich angekommen und sprach, dass man diese unverbindliche Volksabstimmung wieder umkehren könne?

Justin Sullivan: Niemand kann sagen, was passieren wird, aber es wird etwas passieren. Nur hat die Regierung für den Brexit politisch absolut nichts anzubieten. Es ist schwer für die nächsten fünf oder zehn Jahre etwas vorherzusagen. Aber ich bin schwer verängstigt, was uns wieder zum Lied ‚Winter’ zurückbringt. Veränderung ist eigentlich nichts Schlechtes, aber die Richtung, die diese Sache eingeschlagen hat, ist total verrückt. Punkt, aus!

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