Alina Kuhlmann spricht im Rückblick offen über ein vermeintliches Tabu-Thema 
Angst und Depression mit Hilfe besiegt

„Willkommen auf der Station 1C! Aufregung zu Beginn ist ganz normal! Gib dir Zeit, dich einzugewöhnen!“ Nun ist es also offiziell: Ich bin verrückt. Anstatt wie normale Teenager meine Sommerferien auf Mallorca oder im Zeltlager zu verbringen, bestand mein Ferienprogramm aus Kunst-, Sport- und tiergestützter Therapie. Im Sommer 2018 wurde ich in die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Marl-Sinsen eingewiesen. Die Diagnose: Generalisierte Angststörung, mittelgradige depressive Episode und eine leichte Essstörung.

Freitag, 10.01.2020, 12:40 Uhr
Alina Kuhlmann spricht im Rückblick offen über ein vermeintliches Tabu-Thema : Angst und Depression mit Hilfe besiegt
Wer an einer Depression oder Angststörung leidet, scheut sich häufig, offen darüber zu sprechen und Hilfe in Anspruch zu nehmen, um das Leben wieder genießen zu können. So geht es auch manchen Jugendlichen. Foto: Pexels Foto: az

Für mich klang das alles total surreal. Ich hatte nicht das Gefühl, krank zu sein. Zugegeben, das letzte halbe Jahr habe ich mir viel mehr Sorgen gemacht als in den ganzen Jahren davor. Meine Gedanken kreisten ständig um meine Fehler und Schwächen. Aber für mich war das alles Teil meiner Pubertät. Ich dachte, das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Glücklicherweise ist meiner Familie aufgefallen, dass bei mir irgendwas überhaupt nicht gesund abläuft. Deshalb hat sich meine Mutter darum gekümmert, dass ich einen Therapieplatz in einer Klinik bekomme. Um als Therapiepatientin aufgenommen zu werden, brauchte ich erstmal einen Termin zur Stationsbesichtigung. Mir wurde die Station gezeigt, die einer Jugendherberge glich, und ich hatte ein Gespräch mit der Stationsärztin.

Einen Monat später wurde ein Platz für mich frei. Mein erster Tag in der Psychiatrie beginnt. Ich hatte ein Aufnahmegespräch, dann wurde ich auf mein Zimmer gebracht. Ich bin in ein Zimmer mit zwei weiteren Betten gekommen. Während meine Mutter und ich meinen Koffer auspackten, kam einer der Betreuer in mein Zimmer. Er ging mit uns die Stationsregeln durch und versuchte, mir die Angst vor der kommenden Zeit und diesem Ort zu nehmen. Natürlich gelang ihm das nicht, aber trotzdem half es mir, mich zumindest ein klein wenig wohler zu fühlen. Zusätzlich erklärte er mir, dass auf der Station jeder Patient einen Bezugsbetreuer hat, der sich intensiv mit dem Patienten auseinandersetzt. Das bedeutet, dieser Betreuer unterstützt den Patienten besonders seine Therapieziele zu erreichen. Er war mein Bezugsbetreuer.

Dann war es an der Zeit, mich von meiner Mutter zu verabschieden. In diesem Moment fühlte ich mich wieder wie drei Jahre alt und zurückgesetzt in die Situation, als meine Mutter mich das erste Mal in den Kindergarten brachte. Dabei wusste ich, dass ich nach dem ersten Wochenende jeden Samstag abgeholt werden durfte, um zwei Tage zu Hause zu verbringen. Trotzdem fühlte ich mich in diesem Moment komplett hilflos. Die Tür fiel ins Schloss und meine Mutter war weg. Erst in diesem Moment realisierte ich, dass ich hier war und auch hier erstmal bleiben würde.

Mein Bezugsbetreuer stellte mir die anderen Patienten vor, die sich überraschenderweise nicht als Vollpsychos herausstellten. Ganz im Gegenteil: Rückblickend betrachtet habe ich hier die wertvollsten Freundschaften geschlossen. Nach vielen Unterhaltungen über Hobbies, Musik oder Filme begann das Abendprogramm auf der Station. Um 17.45 Uhr startete die Abendrunde. Hier reflektierte jeder kurz seinen Tag. Was lief gut, was nicht? Auch Konflikte innerhalb der Gruppe können hier besprochen werden. Ein Betreuer teilte die Therapietagebücher aus. Jeder Patient musste ein Tagebuch führen. Morgens wurde dieses abgegeben, damit die Therapeutin sich dein Gefühlschaos durchlesen kann. Um 18 Uhr gab es Abendessen. Eigentlich keine große Sache. Für Menschen mit einer Essstörung allerdings die wohl größte Sache der Welt. Anschließend hatte jeder Patient Freizeit bis 22 Uhr, dann war Bettruhe angesagt. Schwuppdiwupp lag ich in einem zugegebenermaßen unbequemen Bett und unterhielt mich mit meiner Zimmermitbewohnerin über den Sinn des Lebens. Wir beide hatten Schwierigkeiten, einzuschlafen und redeten deshalb oft noch stundenlang über unsere Weltsicht. Und das, obwohl wir uns gerade erst kennengelernt hatten. Vielleicht waren wir doch ein bisschen verrückt.

Mein erster Tag in der Psychiatrie ging zu Ende. Genauso wie die erste Woche, der erste Monat, der zweite Monat, der dritte Monat. Nach vier Monaten Vollzeittherapie wurde ich entlassen. Ich blickte auf eine sehr emotionale, aber auch sehr schöne Zeit zurück. Die Psychiatrie war für mich kein Gruselort aus Horrorfilmen mehr, sondern ein zweites Zuhause. Ich habe hier mehr gelernt, als während meiner ganzen Schullaufbahn und das mit mehr Spaß als an jedem Wandertag. Ich habe hier eine Chance bekommen, mein Leben wieder leben zu können. Traurig zu sein, wenn ich traurig sein will. Wütend zu sein, wenn ich wütend sein will. Angst zu haben, wenn ich nun mal Angst habe. Lachen, wenn ich lachen muss. Weinen, wenn ich weinen muss. Glücklich zu sein, wenn ich glücklich sein will. Und das Allerwichtigste: zu leben. Alina Kuhlmann

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