Als „Notkirche“ ist Geschers evangelisches Gotteshaus eine Besonderheit / Seit 20 Jahren unter Denkmalschutz
Auf der Suche nach Heimat

Gescher. Heimat und Exodus. Vertrieben und angekommen: Für beide Erfahrungen steht sie. Vielleicht verleiht ihr gerade das solche Anziehungskraft und Besonderheit: Die evangelische Gnadenkirche in Gescher steht in diesen Tagen exakt zwanzig Jahre unter Denkmalschutz. Denn sie gilt als letzte verbliebene Notkirche in der Region, die diesen Aspekt auch überdeutlich zeigt.

Freitag, 18.04.2014, 09:10 Uhr

1952 nach Plänen des bekannten Architekten Otto Bartning erbaut, bietet die Gnadenkirche den evangelischen Christen bis heute Raum sowohl zur Feier ihrer Gottesdienste als auch „für kulturelle Angebote und Dinge, die anderswo keinen Platz finden“, wie Pfarrer Rüdiger Jung sagt. Gerade dieser „Geist der offenen Türen und der Erfahrung, dass Hände gereicht wurden“ mache die Gnadenkirche aus, meint der Pfarrer. Selbst Daniel Cord, Öffentlichkeitsreferent des Evangelischen Kirchenkreises Steinfurt, Coesfeld, Borken, bekennt sich hinter vorgehaltener Hand zu Geschers Kirchlein als „meiner Lieblingskirche“. Natürlich möge er auch die imposanten Steinbauten, „aber wohler fühle ich mich hier“, sagt Cord.

An Plänen für „Notkirchen“ solcher Art arbeitete Architekt Otto Bartning, dessen Mutter Tochter eines Landesbischofs war, schon Ende der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. „Gemeint war damals eine geistliche Not“, sagt Jung. Bartning sei es ein Anliegen gewesen, eine Kirche „so zu bauen, dass Wahrhaftigkeit und Bescheidenheit dort Platz hat.“ Das, findet Jung, sei mit dem Modell in Gescher – in Holz und auf Holz(fundament) erbaut – sehr gelungen. Errichtet mitten im katholischen Münsterland für Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten drückt sie für Jung in vielerlei Weise aus, „dass die Menschen einerseits Heimat suchten und andererseits auf gepackten Koffern saßen mit ihrer Hoffnung, in die verlorene alte Heimat zurückkehren zu können.“ Dabei zeigt der Pfarrer auf das Taufbecken, das so anders aussieht als die bekannten aus Stein gemeißelten und in Stein eingelassenen Taufbecken der katholischen Schwesterkirchen: In der evangelischen Gnadenkirche steht eine schlichte Schale auf einem Holzpodest. „Und es wirkt, als könne man sie jederzeit in den Koffer packen und mitnehmen“, sagt Jung, für den es inzwischen mehr als ein Zufall ist, dass er Pfarrer gerade dieser Gemeinde mit so vielen Flüchtlingsgeschichten- und erfahrungen wurde. Denn Jung selbst stammt „genetisch aus Pommern und Schlesien“, wie er sagt. Aber auch der jüngere Daniel Cord, für den „gerade die Bibel alles ist, nur kein Heimatbuch, sondern eins, das Geschichten erzählt über Vertreibung, Ankommen und Aufnahme“, findet: „Keine andere Kirche bringt das als sichtbares Zeichen so auf den Punkt wie die Kirche der evangelischen Christen in Gescher.“

So war es für den Öffentlichkeitsreferenten naheliegend, dass er gerade diesen Ort wählte, um eine Ausstellung vorzubereiten, die derzeit auf Wanderschaft durch das Münsterland geht und im Oktober in Gescher Station machen wird: „Aus Erinnerung wächst Verantwortung. Vom Ankommen evangelischer Christen im Westmünsterland.“

| Weiterer Bericht folgt

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