Tischlerbetrieb Twents beschäftigt Wandergesellen Jonas Obst aus dem Sauerland / In Familienleben integriert
Vom Anhalter zur Arbeitskraft

Gescher. Michael Twents nimmt immer mal wieder Anhalter in seinem Auto mit. Anfang März entdeckt er am Straßenrand in Coesfeld den Wandergesellen Jonas Obst. „Im Gespräch stellte sich heraus, dass Jonas Tischler ist“, erzählt Michaela Twents. Ihr Ehemann habe dem 24-Jährigen daraufhin angeboten, auch in seinem gleichnamigen Tischlerbetrieb auszuhelfen.

Freitag, 25.04.2014, 17:40 Uhr

Nicht einmal vier Wochen später trampt der gebürtige Sauerländer von Polen nach Gescher – ohne Vorankündigung. Jonas hat Glück: Gerade zu diesem Zeitpunkt kann Michael Twents Unterstützung gut gebrauchen.

„Anfangs war von einer Nacht die Rede“, sagt Michaela Twents mit einem Lächeln. Daraus seien aber mittlerweile mehrere Wochen geworden – voraussichtlich bis Mitte Mai ist Jonas Obst in dem Betrieb tätig, der 50 Angestellte hat. „Es reizt mich, hier zu arbeiten, weil es ein größeres Unternehmen ist“, sagt Obst. Die Maschinen, die dort genutzt werden, gebe es kaum in kleineren Firmen. „Man lernt jede Menge Tricks und Kniffe. Es ist toll, zu sehen, was man noch verbessern oder anders machen kann.“

Maximal drei Monate am Stück darf Jonas Obst an einem Standort arbeiten, dann ist Reisen angesagt. Wo es ihn hinführen wird, weiß der Tischler jetzt noch nicht. Dann darf er nur das Geld verwenden, das er während der Arbeitszeit verdient hat. Den 50 Kilometer langen Radius rund um seine Heimat Menden darf der Wandergeselle in drei Jahren nicht betreten. Das sieht die Vereinigung ,Fremder Freiheitsschacht’ so vor. Für den 24-Jährigen kein Problem. „Mir gefällt die Kombi. Ich arbeite, um zu reisen. Und ich reise, um zu arbeiten.“ Innerhalb von Deutschland darf er für das Reisen aber kein Geld ausgeben. Also wird per Anhalter gefahren. Weil es zur aus dem Mittelalter stammenden Tradition gehört, dass die Gesellen möglichst mittellos leben, muss Jonas auf Dinge wie Handy, Portemonnaie und Armbanduhr verzichten. Kontrolliert wird das von anderen Wandergesellen, die sich an jedem Wochenende in Bielefeld treffen.

Momentan lebt Obst mit der fünfköpfigen Familie Twents und den Großeltern zusammen. „Jonas bekommt tariflichen Gesellenlohn“, sagt Michaela Twents. Für Verpflegung und Wohnen engagiert sich der gelernte Tischler in der Hausarbeit. „Für unsere drei Mädchen ist er schon wie ein großer Bruder“, sagt Michaela Twents. Den Feierabend verbringt die Familie gemeinsam – es werden Spiele gespielt, Vokabeln abgefragt oder gemeinsam Fernsehen geguckt. „Sein Verhalten wirkt sich positiv auf unsere Töchter aus“, freut sich die 43-Jährige.

Als Sauerländer hätte es Jonas Obst laut eigener Aussage nie in das Münsterland gezogen. Nun empfinde er die Gegend als sehr reizvoll. „Gescher ist ruhig, das Leben hier ist so entspannend.“ In Lokalen hat der Wandergeselle schon Bekanntschaft mit anderen Gescheranern gemacht. Insbesondere während des Zeltfestes Karpaten in Ahaus musste er vielen Rede und Antwort stehen – wegen seiner Kluft, die er in der Öffentlichkeit tragen muss. „Mit vielen bin ich ins Gespräch gekommen, weil sie dachten, dass die Kluft eine Verkleidung ist“, meint er mit einem Schmunzeln. „Manche denken sogar, dass ich Schornsteinfeger bin.“ Dem Abschied sieht Jonas mit gemischten Gefühlen entgegen: „Einerseits ist es schwer, sich zu trennen. Andererseits habe ich aber auch Hummeln im Hintern.“ Und auch für die Familie Twents markiert der Abschied von Jonas einen Neuanfang: Ab Anfang Juni haben sie eine Gastschülerin aus Frankreich zu Besuch.

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