Gescher
Sie sollen es kuschelig haben

Gescher. Liebevoll nimmt Elisabeth Thiery ein weißes Kleidchen mit filigranen Applikationen in die Hand. „Der Stoff dafür stammt von einem Brautkleid“, erläutert die Gescheranerin. Auf dem Tisch neben der Nähmaschine stehen auch kleine rosa Schühchen, keine sechs Zentimeter lang. Daneben liegt ein winziges Mützchen. All das sind Kleidungsstücke, die die 73-Jährige für „Sternenkinder“ macht. Also für Menschen, die vor, während oder kurz nach der Geburt verstorben sind. Ihre Näharbeiten gehen an Krankenhäuser und helfen, dass betroffenen Eltern der Abschied von ihrem Kind ein kleines bisschen erträglicher gestaltet wird. „Das Nähen ist meine Therapie“, sagt Frau Thiery, die aufgrund gesundheitlicher Probleme seit zwei Wochen zur Kurzzeitpflege im Altenwohnheim St. Pankratius untergebracht ist. Hier rattert die Nähmaschine jeden Tag – und viele Mitbewohner und Mitarbeiter bewundern, was die 73-Jährige macht.

Samstag, 04.05.2019, 14:18 Uhr
Gescher: Sie sollen es kuschelig haben
Kleine Kostbarkeiten sind es, die Elisabeth Thiery an ihrer Nähmaschine gestaltet. Die Gescheranerin näht Anziehsachen und Einschlagdecken für Sternenkinder. Im Altenwohnheim, wo sie zurzeit untergebracht ist, findet ihre ehrenamtliche Tätigkeit große Wertschätzung. Foto: Jürgen Schroer

Viele in Gescher kennen Elisabeth Thiery, die aus Weseke stammt, vom Schuhhaus Tenbrock, wo die Schuhmacherin jahrzehntelang gearbeitet hat. Später hat sie zu Hause eine Reparaturwerkstatt betrieben und ihren Mann Hermann gepflegt, der 2013 verstorben ist. In der Folgezeit entdeckte sie beim Surfen eine Facebook-Gruppe, deren Mitglieder für Sternenkinder nähen. „Das hat mich sofort angesprochen. Und genäht habe ich von klein auf“, erzählt die Rentnerin. Seitdem sitzt sie in ihrer Freizeit stundenlang an der Maschine und näht Kleidchen, Strampler, Einschlagdecken und alles, was Fehlgeburten und früh verstorbene Säuglinge tragen können. Von innen werden die Teile mit Vlies ausgelegt, damit sich alles schön weich anfühlt. Sie schickt diese Sachen an die Krankenhäuser in Borken und Bocholt und an ein zentrales Lager in Brandenburg, wo sich Kliniken und Beerdigungsinstitute bedienen. Wenn Eltern in schwerer Stunde Abschied nehmen müssen, bekommt ihr Sternenkind diese Sachen angezogen. Oder auch bei der Bestattung.

„Früher sind Fehlgeburten totgeschwiegen worden. Betroffene Eltern hatten kaum eine Chance, dieses traumatische Erlebnis zu verarbeiten“, weiß Waltraud Pierk, Mitarbeitern im Sozialen Dienst des Altenwohnheims. Heute habe man die Eltern mehr im Blick und biete Hilfen an. Was Elisabeth Thiery ehrenamtlich leistet, findet Frau Pierk toll. „Wir haben hier viele Bewohner mit besonderen Hobbys. Aber was Frau Thiery macht, findet schon besondere Wertschätzung“, berichtet Pierk. Sie selber hat ihr über 40 Jahre altes Brautkleid aus dem Schrank geholt und der Nähexpertin übergeben, damit diese daraus kleine Kostbarkeiten gestaltet. Das sei die bestmögliche Verwendung.

Nach nur zwei Tagen im Altenwohnheim stand für Elisabeth Thiery fest: „Ich muss meine Nähmaschine hier haben.“ Seitdem läuft die Produktion wieder auf Hochtouren. Im Laufe eines Jahres stellt sie zwischen 500 und 700 Einzelteile für Sternenkinder her, schätzt die Seniorin. Über ihre Facebook-Gruppe bekommt sie viele positive Rückmeldungen, Anfragen und Kontakte. Kleidchen „made by Thiery“ sind auf diese Weise schon bis nach San Franzisco gelangt. Auch für Quadfahrer aus der Region, die benachteiligten Kindern Mitfahrten auf ihren Fahrzeugen anbieten, hat die Gescheranerin viele Kissen und „Leseknochen“ gestaltet und gespendet. „Ich helfe gerne. Und ich mache weiter, solange es die Gesundheit erlaubt“, sagt die 73-Jährige und greift zum nächsten Stück Stoff.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6586157?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F947616%2F
Nachrichten-Ticker