Kontaktsperre bringt für Haus Haller Wohngruppen spezielle Herausforderungen mit sich
Den Alltag neu erfinden

Gescher. Wie klappt in Corona-Zeiten das Leben auf engem Raum – mit Menschen, die ganz individuelle Bedürfnisse und Einschränkungen mitbringen und zum Teil dringend auf die gewohnte Tagesstruktur angewiesen sind? Denn die fehlt jetzt. Werkstätten und Förderschule Haus Hall sind geschlossen, Besuche von Angehörigen nur mit starken Einschränkungen möglich. Das Leben ist fast gänzlich auf die Räumlichkeiten der Wohngruppen beschränkt. „Im Moment sind die Betreuer die einzigen persönlichen Bezugspersonen, die unsere Bewohner im Alltag haben“, berichtet Sebastian Klöpper, Abteilungsleiter für den Bereich Kinder- und Jugendwohnen in der Stiftung Haus Hall.

Montag, 30.03.2020, 07:00 Uhr aktualisiert: 30.03.2020, 12:29 Uhr
Kontaktsperre bringt für Haus Haller Wohngruppen spezielle Herausforderungen mit sich: Den Alltag neu erfinden
Auch in Corona-Zeiten sind viele Bewohner der Haus Haller Wohngruppen auf stabile Tagesstrukturen angewiesen. Foto: Haus Hall

Wann darf ich nach Hause? Warum gibt es das Virus denn überhaupt? Können wir noch in die Ferien fahren? Und: Wann ist das zu Ende? Auf viele Fragen der ihr anvertrauten Kinder weiß Mechtild Uhlenbrock-Fleige derzeit auch keine Antwort. Sie ist Betreuerin in der Helena-Gruppe im Haus am Wasser auf dem Zentralgelände der Stiftung in Gescher. Sieben Kinder wohnen dort zusammen. Sie betont: „Sicherheit ist für Kinder wichtig, für unsere ganz besonders. Das fällt unseren Kindern schwer: Unsicherheiten aushalten. Das aber müssen sie jetzt.“ Da könne einem schon mal die Decke auf den Kopf fallen, ganz normal.

Es gilt, den Alltag völlig neu zu erfinden. Mit Einsatz und Ideenreichtum improvisieren die Betreuer in den Wohngruppen. Backen, Kochen, Spielen und Malen, aber auch Rollfietsfahrten, Filmegucken oder Diskoabende mit der Hitparadenbox von Dieter Thomas Heck stehen auf dem Programm. In der zur Stiftung Haus Hall gehörenden Marienburg in Coesfeld wurde für ein gemeinsames Konzert kurzerhand Balkone und Fenster zur Bühne umfunktioniert. Hits wie „Ein Bett im Kornfeld“ oder „I sing a Liad für Di“ sorgten für Stimmung. Auch gemeinsame Spaziergänge gehören dazu. Manchmal ernten die Gruppen dabei fragende Blicke. Der Grund: die strengen Kontaktregeln. „Unsere Wohngruppen sind eigene Wohngemeinschaften, die in einem Hausstand leben und gemeinsam spazieren gehen dürfen. Das bestätigt auch das Ordnungsamt“, klärt Sebastian Klöpper auf.

Kathi Gärtner arbeitet in der Anna-Katharina Gruppe in der Marienburg. Dort betreut sie Menschen mit schweren Mehrfach-Behinderungen. Zwei Mitarbeiter der Werkstätten packen derzeit mit an. Eine große Erleichterung für einige der Bewohner, wie Gärtner erzählt: „Die beiden haben etwas Arbeitsmaterial aus der Werkstatt mitgebracht, damit ein paar der Bewohner ihre gewohnte Beschäftigung haben, zum Beispiel einen Ring auf eine Schraube setzen. Einigen hilft das sehr dabei, die ungewohnte Situation zu meistern.“

Gespräche über das Corona-Virus, Hygiene und Schutzmaßnahmen begleiten den Alltag, sagt Mechtild Uhlenbrock-Fleige: „Die Kinder wissen, dass sie auf Abstand gehen müssen, dass sie zum Beispiel die Straßenseite wechseln, wenn uns jemand entgegenkommt.“

Eine ungewöhnliche Begrüßung erlebte Betreuerin Heike Frondziak in der Haus Haller Außenwohngruppe Anne Frank in Coesfeld nach einigen freien Tagen. „Normalerweise kuscheln wir und nehmen uns in den Arm. Dieses Mal haben wir uns den Ellenbogen gegeben. Da haben die Bewohner drauf bestanden“, lächelt sie.

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