Dr. Heiner Ehling über Covid-19 und die Situation in den örtlichen Hausarztpraxen
„Patienten zeigen großes Verständnis“

Gescher. Die Corona-Pandemie ist auch für die örtlichen Hausarztpraxen mit besonderen Herausforderungen verbunden. Dr. Heiner Ehling, Facharzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren und Chirotherapie und seit 1989 in eigener Praxis in Gescher tätig, äußert sich im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Jürgen Schroer zur aktuellen Situation.

Dienstag, 31.03.2020, 17:46 Uhr aktualisiert: 31.03.2020, 17:58 Uhr

Wie sehr bestimmt das Coronavirus-Thema den Alltag in Ihrer Praxis?

Dr. Ehling: Die Covid-19-Pandemie hat zu einem vollständig veränderten Praxisablauf geführt. Termin- und Akut-Sprechstunde können in der bisherigen Form bis auf Weiteres nicht angeboten werden. Patienten müssen sich telefonisch anmelden. So kann vorab geklärt werden, ob ein Aufsuchen der Praxis notwendig ist und zu welchem Zeitpunkt dieses erfolgen kann, oder welche Behandlungsmöglichkeiten selbstständig durchgeführt werden können (z.B. Schmerzmittel, Wärmeanwendung und Bewegungsübungen bei leichten Rückenschmerzen). In der Praxis werden zurzeit nur absolut dringliche Symptome abgeklärt und schwerwiegende Erkrankungen behandelt, um das Risiko einer möglichen Verbreitung des Virus auch durch symptomfreie Virusträger so gering wie möglich zu halten. Vorsorgeuntersuchungen, nicht absolut notwendige Laboruntersuchungen sind auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Ebenso können Hausbesuche aus Gründen des Infektionsschutzes nur bei absoluter Dringlichkeit durchgeführt werden. Diese Anpassung an die aktuelle Situation erfordert auch von meinen Mitarbeiterinnen viel Verständnis, Flexibilität und großen Einsatz.

Wie haben die Patienten die Einschränkung aufgenommen, die örtlichen Hausarztpraxen nur noch nach telefonischer Anmeldung aufsuchen zu dürfen?

Dr. Ehling: Bis auf wenige Ausnahmen zeigen die Patientinnen und Patienten großes Verständnis für die erforderlichen Maßnahmen, die ja letztlich nur dem Schutz aller dienen.

Wie gehen die Patienten mit der Gesamtsituation um? Ist die Panik groß?

Dr. Ehling: Nach meiner Beobachtung reagieren die meisten Patienten verständlicherweise besorgt, aber nicht hysterisch auf die Pandemie-Situation. Sie äußern ihre Ängste und Bedenken, aber auch übermäßige Ängste lassen sich meist in einem ruhigen, sachlichen Gespräch relativieren. Hierzu noch eine Bitte an alle: Meiden Sie zweifelhafte Informationsquellen in den „sozialen Netzwerken“, die neben Fake News mitunter auch die unbewusste (oder gar gezielte )Verbreitung von Horrorszenarien und das Auslösen von verbreiterter Panik bewirken (sollen). Seriöse Quellen sind z.B. das Robert-Koch-Institut (www.rki.de), die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (www. bzga.de) oder das Landesgesundheitsministerium (www.mags.de). Bitte halten Sie sich unbedingt an die vorgegebenen Maßnahmen wie die Kontaktsperre, um einer Ausbreitung des Virus entgegenzuwirken.

Durch welche Maßnahmen schützen Sie sich und Ihre Mitarbeiterinnen?

Dr. Ehling: Als Arbeitgeber habe ich einerseits eine Fürsorgepflicht gegenüber meinen Mitarbeiterinnen, andererseits auch die Verpflichtung, mich selbst vor einer Infektion zu schützen, um in meinem Beruf weiter gemeinsam mit meinen Mitarbeiterinnen für die Versorgung der Patienten zur Verfügung stehen zu können. Persönlich versuchen wir uns durch Beachten der Kontaktsperre, regelmäßiges Händewaschen und Eincremen, gesunde Ernährung, Bewegung an frischer Luft (auch zu Hause am geöffneten Fenster) und „Seelenhygiene“ gesund zu halten, indem wir bestrebt sind, trotz der belastenden Situation Freude auch in kleinen Dingen zu finden. Es ist nicht hilfreich, sich den ganzen Tag von Katastrophenmeldungen berieseln zu lassen. Auf eine ausreichende Trinkmenge ist zu achten und auf eine Pflege der Nasenschleimhaut, um diese vor dem Austrocknen zu schützen. Erreger können sich auf trockenen Schleimhäuten eher niederlassen. Für das Immunsystem ist ausreichender Schlaf von großer Bedeutung. Es bestehen zahlreiche Möglichkeiten, z.B. auf der Seite der „Aktionsgemeinschaft Gesunder Rücken“ (www.agr-ev.de) oder bei Online-Fitness-Studios, sich sein persönliches Trainingsprogramm für zu Hause zu erstellen.

Woran fehlt es?

Dr. Ehling: Es fehlt konkret an Schutzkitteln, FFP 2/3-Masken, Mundschutz, Schutzbrillen und auch an Desinfektionsmitteln. Trotz vollmundiger Ankündigungen seitens des Bundesgesundheitsministers steht bislang noch keine Schutzausrüstung in nennenswerter Zahl zur Verfügung. Wenn aus dem Bundesgesundheitsministerium Worte wie „Zwangsrekrutierung“ und „Beschlagnahmung“ ertönen, wirkt das nur hilflos und lächerlich: Wo und was will Herr Spahn denn „beschlagnahmen“, wenn es nichts zu beschlagnahmen gibt? Seitens der Kassenärztlichen Vereinigung wurde angekündigt, in Kürze kleinere Kontingente von Schutzbekleidung an die Praxen zu verteilen. In welchem Umfang bleibt abzuwarten. Mindesten so gravierend ist der Mangel an Desinfektionsmitteln für alle im Gesundheitswesen tätigen. Wir bemühen uns, in Eigenregie Mundschutz-Tücher herzustellen und ein befreundeter Tierarzt hat mich mit einigen Overall-Anzügen aus seinem Bestand versorgt.

Was raten Sie Patienten, die sich mit typischen Grippesymptomen bei Ihnen melden?

Dr. Ehling: Patienten mit typischen Grippe-Symptomen sollten sich telefonisch in der Praxis melden. So kann vorab geklärt werden, ob ein begründeter Verdacht auf eine Covid-19-Infektion besteht oder nicht und ob die Durchführung eines Rachenabstrichs angeraten ist. Unabhängig davon sollte jeder, der an einer potenziell ansteckenden Erkrankung leidet, bis zur Symptomfreiheit zu Hause bleiben und den Kontakt mit anderen Personen auf das Nötigste reduzieren, egal ob es sich um einen Magen-Darm-Infekt, einen grippalen Infekt oder eben eine Corona-Virus-Infektion handelt. Die Isolierung stellt in jedem Fall die hygienische Basismaßnahme zur Vermeidung einer Infektionsübertragung dar.

Wie ist die Vorgehensweise, wenn Sie einen „echten“ Corona-Verdachtsfall haben?

Dr. Ehling: Bei einem „echten“ Verdachtsfall wird abgeklärt, ob ein Rachenabstrich erforderlich ist. Dieser Abstrich sollte vom Patienten selbst (keine Schutzkleidung, siehe oben) durchgeführt werden, nachdem ein/e gesunde/r Bekannte/r das Probenröhrchen in der Praxis abgeholt hat und nach erfolgtem Abstrich wieder in die Praxis zurückbringt. Im begründeten Verdachtsfall erfolgt eine Meldung an das Gesundheitsamt. Alternativ besteht demnächst die Möglichkeit, sich mit einer Überweisung in zurzeit im Aufbau befindlichen Zentren vorzustellen, falls die Hausarztpraxis die Untersuchung nicht durchführen kann. In Abhängigkeit der Schwere der Symptome wird entschieden, ob die/der Erkrankte ambulant zu Hause unter Quarantänebedingungen oder stationär behandelt wird.

Nach welchen Kriterien wird überhaupt getestet? Müssen diese Tests in Deutschland ausgeweitet werden?

Dr. Ehling: Getestet werden soll auf Empfehlung des Robert-Koch-Instituts nur, wer Symptome aufweist und ausreichend engen Kontakt zu einer positiv getesteten Person hatte oder Symptome aufweist und in medizinischen Berufen tätig ist oder Symptome aufweist und zu einer Risikogruppe gehört. Das mag manchen Menschen unzureichend erscheinen und immer wieder einmal besteht der Wunsch, sich testen zu lassen, obwohl kein Kontakt bestand oder Symptome vorliegen. Zum einen ändert bei entsprechender Symptomatik ein positiver oder negativer Test weder etwas an der in diesem Fall erforderlichen Quarantäne noch an der Therapie. Außerdem sind eben auch die Menge der Probenröhrchen und die Laborkapazitäten nicht endlos verfügbar.

Was raten Sie den Menschen für die nächste Zeit? Was kann man tun, um sich bestmöglich gegen eine Corona-Infektion zu schützen?

Dr. Ehling: Im Netz kursieren die absurdesten Empfehlungen, sich vor einer Virus-Infektion zu schützen. Die besten Prophylaxe besteht darin, Abstand zu anderen Menschen zu halten und regelmäßig die Hände zu waschen.

Wenn Sie einen Wunsch an den Bundesgesundheitsminister frei hätten, was wäre das in der aktuellen Situation?

Dr. Ehling: Mein Wunsch: Verzicht auf markige Ankündigungen und Versprechungen, deren Umsetzungen und Ergebnisse von vornherein irreal sind; Lernfähigkeit: wir können aus dieser Pandemie lernen, dass es Aufgabe des Staates und der Gesellschaft ist, Vorsorge zu betreiben, apparative und personelle Ressourcen für Krisen vorzuhalten, Krisenpläne zu entwickeln, Unabhängigkeit in der Produktion zu erreichen, ohne in Nationalismus zu verfallen, und das Gesundheitswesen nicht den Kräften des Wettbewerbs auszuliefern. Jede Krise ist endlich, und die große Chance besteht darin, zu lernen, unser bisheriges Verhalten zu überdenken und die Weichen für die Zukunft neu zu stellen. Die Frage, ob „Geiz geil ist“, dürfte inzwischen für jeden erkennbar beantwortet sein.

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