Bei Erdarbeiten für Gasleitung Fundamente einer alten Leibzucht in Tungerloh-Capellen entdeckt
Erinnerungen an ein früheres Leben

Gescher. Eine breite Schneise zieht sich durch Tungerloh. Dort, wo die Trasse der Erdgasleitung Zeelink auf die Alte Coesfelder Straße trifft, befindet sich inmitten der Riesenbaustelle unweit des Hofes Nienhaus ein zusätzlicher Anlaufpunkt, wo Menschen tätig sind. Mitarbeiter der Firma Archaeonet aus Bonn bearbeiten den Boden mit Kratzern, Handfegern und Schüppen und legen frei, was dort seit vielen Jahrzehnten im Boden schlummert. Der Grundriss eines Hauses ist erkennbar, wenige Meter weiter befindet sich ein gemauerter Brunnen. „Das muss die Leibzucht von Nienhaus sein“, wusste Alfons Haar sofort, als er über den Fund informiert wurde. Der 79-jährige Heimatfreund stammt selber gebürtig aus Capellen und hat eine Dokumentation über sämtliche Höfe der Bauerschaft erstellt.

Donnerstag, 16.07.2020, 06:30 Uhr aktualisiert: 16.07.2020, 06:38 Uhr
Bei Erdarbeiten für Gasleitung Fundamente einer alten Leibzucht in Tungerloh-Capellen entdeckt: Erinnerungen an ein früheres Leben
Mitarbeiter der Firma Archaeonet (Bonn) legen die Überreste der früheren Leibzucht auf dem Hof Nienhaus in Tungerloh-Capellen frei. Fotos: js Foto: az

Anfang vergangener Woche wurde der Mutterboden auf der Fläche abgeschoben, die heute zum Hof Stipping gehört. Werner Nienhaus vom benachbarten Hof bekam mit, dass die Arbeiter etwas entdeckt hatten – Fundamente eines Gebäudes und wenige Meter daneben ein Loch, das sich als Brunnen entpuppte. „Wir wussten, dass es hier auf dem Hof im 19. Jahrhundert eine Leibzucht gegeben hat, kannten aber nicht den genauen Standort“, berichtet Klara Nienhaus. Gespannt erlebte sie mit, wie die Firma Archaeonet tätig wurde. Die ist seit 2004 mit archäologische Dienstleistungen für öffentliche und private Investoren am Markt und begleitet den Bau der Zeelink-Leitung im Abschnitt zwischen Raesfeld/Erle und Legden. Immer wieder kommt es zu Funden, die nicht unbedingt erhaltenswert sind, aber zumindest fachmännisch dokumentiert werden müssen. „Wir halten den Ist-Zustand fest“, erläutert Christian Schacht von Archaeonet.

Das ist auch die Aufgabenstellung in Tungerloh-Capellen: Der Bodenfund ist nicht so spektakulär, dass er erhalten werden müsste oder gar die Trassenführung der Zeelink beeinflussen könnte. Die Fachleute legen die Fundamente frei, vermessen und fotografieren alles und machen per Drohne Luftbildaufnahmen. Das war’s. Die Unterlagen gehen dann an den Landschaftsverband Westfalen-Lippe und werden dort archiviert. Nach dem Bau der über 200 Kilometer langen Erdgasfernleitung wird von den Haus-Überresten nichts mehr zu sehen sein. Die Fläche wird rekultiviert und kann wieder als Weide genutzt werden. Gelbe Schilderpfähle weisen dann auf den Trassenverlauf der Pipeline hin, die den alten Haus-Standort endgültig verschwinden lässt. Alfons Haar ist dennoch begeistert, interessiert er sich doch von Kindesbeinen an für die Höfe der Bauerschaft und die Menschen, die hier gelebt haben. „Hier war die Feuerstelle“, deutet er auf eine größere Steinfläche mitten im Hauptraum, den die Fundamente im Grundriss erkennen lassen. Wo Schlafzimmer, Nebenräume und kleine Stallungen waren, lässt sich nur spekulieren. Gehling heißt die Familie, die dort gelebt hat. „Leibzüchter Gehling hat eine Kuh“, lautet eine Notiz aus dem Jahr 1810. Nähere Informationen über das Objekt sind dem „Feuersozialkataster“ von 1836 zu entnehmen. Demnach war das Gebäude „von Fachwerk mit Lehmwänden“, einen Stock hoch, hatte einen „Giebel mit Bretterbekleidung“ und ein Strohdach. Drinnen befand sich eine offene Feuerstelle ohne Schornstein. Der Zustand des Gebäudes wird schon bei dieser Begutachtung als „abgängig“ und „alt“ eingestuft.

Dennoch lebten hier noch etliche Jahre Menschen unter einfachsten Bedingungen. „1858: Gehling verzieht nach Tungerloh-Capellen Nr. 18“, heißt es in den alten Aufzeichnungen. 1867 war das Haus endgültig nicht mehr bewohnt. Wann es abgerissen wurde, ist nicht bekannt. Und bald erinnern nur noch Fotos und Katasterunterlagen an diese Wohnstätte Tungerloher Vorfahren.

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