Der Gescheraner Peter Heldt war jahrelang als selbstständiger Lkw-Fahrer auf Achse
Mit 400 PS durch ferne Länder

Gescher. Schon als kleiner Junge fuhr Peter mit seinem Vater auf dem Lkw mit. Die Begeisterung für Lkw hat bis zum heutigen Tag angehalten. Bis vor kurzem war Peter Heldt sogar noch als Aushilfs-Lkw-Fahrer in Velen tätig. Jetzt ist er in den wohlverdienten Ruhestand gegangen. Doch bis er die Reißleine endgültig zog, passierten noch so manche Abenteuer in seiner Lkw-Karriere.

Mittwoch, 12.08.2020, 06:27 Uhr aktualisiert: 12.08.2020, 06:30 Uhr
Der Gescheraner Peter Heldt war jahrelang als selbstständiger Lkw-Fahrer auf Achse: Mit 400 PS durch ferne Länder
Stundenlange Wartezeiten an Grenzen und viele gefährliche Situationen, aber auch berührende Begegnungen mit Menschen hat der Gescheraner Peter Heldt auf seinen vielen Fahrten mit dem Lkw erlebt. Foto: az

„Dieses Kribbeln in den Fingern, das Lenkrad eines 40-Tonners zu steuern und so ein riesiges Fahrzeug zu rangieren, ist einfach ein unbeschreiblich schönes Gefühl und macht unglaublichen Spaß“, so Heldt. Auch seine drei Söhne kamen in den Genuss, ihn bei seinen vielen Urlaubsvertretungen, neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Dreher, auf Fahrten in die ehemalige DDR auf dem Lkw zu begleiten. Erworben hatte er den Lkw-Führerschein während seiner Grundwehrdienstzeit bei der Bundeswehr.

Nach einem Schlüsselerlebnis, der Begegnung mit einem Georgier, den er über Freunde kennenlernte, ging alles schnell: Die Selbstständigkeit als Spediteur, in Zusammenarbeit mit seinem georgischen Geschäftspartner, war beschlossene Sache. Schon nach kurzer Zeit war die Auftragslage so gut, dass ein eigener Lkw her musste: Ein roter Volvo mit 400 PS. Mit reichlich Proviant für eine fünfwöchige Tour an Bord steuerte er zunächst von seinem Standort Vreden Länder wie die Niederlande, Belgien und Italien für den Wareneinkauf an, bevor er sich auf den Weg nach Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, zu seinem Geschäftspartner machte, welcher die Aufträge für den Verkauf der Ware auf Basaren in Ländern wie der Türkei, Iran, Armenien, Aserbaidschan, Russland und Ukraine arrangierte.

Als schwierig auf den langen Fahrten, die allein bis Tiflis sechs bis sieben Tage, rund 4600 km dauerten, erwiesen sich die Grenzübergänge. 20 bis 30 Stunden zu warten, bis man endlich die Grenze passieren durfte, waren, bei teilweise sehr heißen oder kalten Temperaturen, leider die Regel. „Vertrieben habe ich mir die Wartezeit mit Schlafen. Wenn es dann im Schneckentempo ein Stück vorwärts ging, weckten mich die hinter mir wartenden Lkw-Fahrer durch ein Klopfen an die Fensterscheibe“, erzählt Heldt. Neben den unendlich langen Wartezeiten war ein Passieren der Grenze ohne das Entrichten von Bakschisch (Trinkgeld) nicht möglich. „Eine Tour kostete mich etwa 1000 D-Mark Bakschisch und unzähliges deutsches Dosenbier. Wenn ich nicht bezahlte, wurde kurzerhand etwas von meiner Transportware weggenommen“, erzählt der ehemalige Lkw-Fahrer.

Unvergessliche Naturspektakel wie feuerrot leuchtende Berge geschmückt mit Mandarinenbäumen in der Türkei, der Genuss von exotischen Früchten wie Khakis in Georgien und Granatäpfel in Armenien waren die schönen Seiten auf den beeindruckenden Fahrten. So gab es aber auch furchteinflößende Erlebnisse und suspekte Momente. Angekommen in Georgien wurde er einmal von georgischen Soldaten gestoppt, damit diese Diesel aus dem Tank seines Lkw abzapfen konnten. Trotz Bedrohung weigerte sich Heldt, dies zuzulassen. Er setzte sich mutig auf den Tank des Lkw. Selbst mit dem Gewehr am Kopf ließ er das Vorhaben nicht zu. Glücklicherweise ließen die Soldaten von ihm ab und entließen ihn mit dem Gemurmel: „Du german, go“ zurück. Heldt atmete bis zum nächsten aufregenden Ereignis tief durch: Bei einem kurzen Zwischenstopp im Kaukasus kaufte er bei einem Händler ein Stück Schweinefleisch, das schlichtweg mit einer rostigen Axt auf einem primitiven Frühstücksbrettchen zerteilt wurde. Wider Erwarten schmeckte das aus dem Schweinefleisch zubereitete Schaschlik sehr schmackhaft und Heldt blieb trotz allem gesund und munter. Mit dem gastfreundlichen Koch „Opa Suliko“ trank er zur Krönung des Abends Wein aus Steinbockhörnern.

Auffällig zu beobachten waren auf der Fahrt auch viele Lkw und Busse im Straßengraben – sie waren wegen zu hoch gestapelter Ladungen umgekippt. Heldt schlief während seiner Touren grundsätzlich in seinem Lkw. Die Nächte waren äußerst gefährlich und unberechenbar. „Falsche“ Polizisten hatten es bei angeblichen Kontrollen auf Überfälle abgesehen oder wahlweise wurden Nagelbänder unter die Reifen des Fahrzeugs gelegt. Sich zu waschen, geschweige denn zu duschen, war leider aufgrund der fehlenden sanitären Anlagen eine Seltenheit. Das wohl ungewöhnlichste Mitbringsel für einen Freund am Heimatort in Deutschland war ein Lastenfallschirm für eine gewünschte Partyüberdachung im Garten. Für 200 US-Dollar ergattere Peter von einem russischen Helikopter-Piloten in Tiflis das erträumte Souvenir.

Leider wurde die Selbstständigkeit von Heldt durch den tragischen Unfalltod seines georgischen Geschäftskollegen jäh beendet. Rückblickend kann Peter aber trotzdem mit einem Lächeln im Gesicht sagen: „Es war eine spannende und lehrreiche Zeit, andere Kulturen kennenzulernen. Während die offiziellen Organe in den bereisten Ländern zumeist korrupt und unkalkulierbar waren, war die normale Bevölkerung durchweg sehr freundlich und immer hilfsbereit, so sehr, dass mir manchmal vor Rührung die Tränen kamen.“

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