Dr. Heiner Ehling über Corona und die aktuellen Herausforderungen in den Arztpraxen
„Kontaktvermeidung ist das A und O“

Gescher. Kontaktvermeidung ist weiterhin das A und O bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie, sagt Dr. Heiner Ehling. Der Facharzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren und Chirotherapie ist seit Januar 1989 in eigener Praxis in Gescher tätig und äußert sich im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Jürgen Schroer zur aktuellen Situation.

Mittwoch, 18.11.2020, 06:34 Uhr
Dr. Heiner Ehling über Corona und die aktuellen Herausforderungen in den Arztpraxen: „Kontaktvermeidung ist das A und O“
Die allermeisten Patienten, so hat Dr. med. Heiner Ehling beobachtet, haben Verständnis für die besonderen Schutzmaßnahmen in der Corona-Pandemie und halten sich an die Empfehlungen. Foto: Jürgen Schroer

Die zweite Corona-Welle läuft. Wie sieht der Alltag in Ihrer Praxis aus? Haben sich die Abläufe seit Beginn der Pandemie im Frühjahr nochmals verändert?

Dr. Ehling: Ja, da sind tatsächlich Unterschiede festzustellen, denn zusätzlich zur Covid-Problematik haben wir jetzt jahreszeitlich bedingt eine Vielzahl an Atemwegserkrankungen und Erkältungskrankheiten. Das war im März nicht so der Fall. Auch müssen derzeit viele Patienten geimpft werden, etwa gegen Grippe, und das unter den geltenden Hygienevorgaben. Das ist eine immense Herausforderung für unser Praxisteam. Eine weitere Erschwernis ist, dass einige Impfstoffe seit Monaten für spezifische Formen von Lungenentzündung und für Gürtelrose nur sporadisch und nur in kleinen Mengen verfügbar sind.

Wie reagieren die Patienten? Führt die Angst vor Corona auch zu psychischen Problemen?

Dr. Ehling: Die allermeisten Patienten haben sehr viel Verständnis für die aktuellen Maßnahmen und begrüßen sie sogar. Zum Beispiel sind Praxisbesuche nur nach telefonischer Anmeldung möglich, um Patienten und Personal zu schützen. Wir bieten verstärkt Telefon- und Videosprechstunden an, das wird auch von Älteren angenommen. Panikreaktionen habe ich bei meinen Patienten nicht festgestellt. Es sind aber nicht wenige, die sich um ihre wirtschaftliche Situation und um ihren Arbeitsplatz sorgen.

Wie ist die Vorgehensweise bei Patienten mit Symptomen? Ist eine Grippeschutzimpfung noch ratsam?

Dr. Ehling: Wir klären in der Regel telefonisch ab, ob ein Besuch in der Praxis erforderlich ist oder nicht. Ob dann ein Corona-Test veranlasst wird, hängt vom Einzelfall ab. Wir testen hier nur symptomatische Patienten aus unserem eigenen Patientenstamm – alles andere würde unsere Kapazitäten und die des Labors übersteigen. Die Grippeimpfung ist noch bis Anfang 2021 sinnvoll und ist für Risikogruppen und für alle, die beruflich viele Kontakte haben, zu empfehlen. Eine Isolierung ist bei jeder Art von Infektionskrankheit angebracht, nicht nur bei Covid-19. Das ist eine Grundmaßnahme der Epidemiologie.

Was halten Sie von den neuen Antigen-Schnelltests?

Dr. Ehling: Die sind nicht so zuverlässig wie PCR-Tests. Daher setzen wir in unserer Praxis weiter auf PCR-Tests. Schnelltests kommen bevorzugt zur Testung von Besuchern in z.B. Krankenhäusern zum Einsatz, so sie denn zertifiziert und in ausreichender Zahl verfügbar sind.

Bei Atemwegserkrankungen ist eine Krankschreibung per Telefon möglich, ohne Arztbesuch. Ist das eine gute Regelung? Gibt es Missbrauch?

Dr. Ehling: Das ist eine sehr sinnvolle Maßnahme, die die Arztpraxen enorm entlastet. Einen nennenswerten Missbrauch kann ich nicht feststellen.

Halten Sie den aktuellen „Lockdown light“ für richtig? Müssen die Maßnahmen verlängert oder gar verschärft werden?

Dr. Ehling: Einzelne Maßnahmen sind sicher diskussionswürdig. Es ist zum Beispiel kaum nachvollziehbar, dass Restaurants, Kinos und Museen geschlossen sind, sich die Kunden in großen Möbelhäusern aber eng an eng durch die Gänge schieben. Im Großen und Ganzen ist das beschlossene Paket, das der Reduzierung von Kontakten dient, aber richtig. Die Maßnahmen müssen natürlich zeitlich begrenzt sein und einer parlamentarischen Überprüfung standhalten. Bei der Frage, ob Auflagen wie Maske tragen oder Kontaktbeschränkungen zumutbar sind, kommt von mir ein klares Ja. Da haben Menschen zu anderen Zeiten oder heute an anderen Orten schon ganz andere Dinge hinnehmen und ertragen müssen.

Die AHA-Regeln sind einzuhalten, das weiß mittlerweile jeder und die allermeisten halten sich dran. Gibt es darüber hinaus Tipps, wie man sich verhalten soll, um einer Corona-Infektion vorzubeugen?

Dr. Ehling: Das A und O in der Pandemiebekämpfung ist die Kontaktreduzierung oder -vermeidung. Hände waschen ist klar, aber auch Hände pflegen, damit sie nicht trocken und rissig werden. Und die Vorsichtsmaßnahmen erstrecken sich in unserem Fall auch auf den privaten Bereich – wir haben unsere Kontakte auf annähernd null heruntergefahren, um nicht das Risiko einzugehen, durch eine Covid-Infektion oder Quarantäne die Praxis hier schließen zu müssen.

Bei der Entwicklung von Impfstoffen gibt es positive Zwischenergebnisse, die große Hoffnung geweckt haben. Teilen Sie diesen Optimismus? Gehen Sie davon aus, dass demnächst auch in den Hausarztpraxen geimpft wird?

Dr. Ehling: Da bin ich nur verhalten optimistisch. Von dem favorisierten Impfstoff der Fima Biontech wissen wir viele Dinge noch nicht, etwa für welche Personengruppen er geeignet ist, wie oft er verabreicht werden muss, ob ein ausreichender Impfschutz aufgebaut wird und wie lange er anhält. Außerdem kann dieser Impfstoff nicht in großem Stil in den Praxen verimpft werden, weil er bei minus 70 Grad gelagert und transportiert werden muss. Das führt zu immensen logistischen Problemen. Deshalb ist der Aufbau von Impfzentren geplant. Die anderen Impfstoffe auf konventioneller Basis sind offenbar noch nicht so weit, könnten aber nach ihrer Zulassung möglicherweise auch in den örtlichen Praxen verabreicht werden. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es also Hoffnungsschimmer, aber auch sehr viele Fragezeichen. Die Menschen werden Geduld brauchen.

Wie schlimm werden die Wintermonate?

Dr. Ehling: Da darf man sich nichts vormachen: Der Winter wird schwierig und nicht so sein, wie man sich das letztendlich wünscht.

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