Im Gespräch mit Kriminalhauptkommissar Jürgen Kolks
„Starke Tendenz zu Betrugsdelikten“

BORKEN. 2020 war kein Jahr wie jedes andere. In der Reihe „Mein Corona-Jahr“ stellen wir Menschen vor, die in besonderer Weise mit der Pandemie zu tun haben. Für die heutige Folge sprach unser Redaktionsmitglied Peter Berger mit Kriminalhauptkommissar Jürgen Kolks (56). Er leitet das für Borken und Umgebung zuständige Regionalkommissariat (KK 22) der Polizei.

Freitag, 01.01.2021, 20:08 Uhr
Im Gespräch mit Kriminalhauptkommissar Jürgen Kolks: „Starke Tendenz zu Betrugsdelikten“
„Die Wahrscheinlichkeit für einen Einbrecher, ein leeres Haus vorzufinden, ist während eines Lockdowns deutlich geringer“, sagt Kriminalhauptkommissar Jürgen Kolks. Foto: az

Was läuft bei der Kriminalpolizei nun anders?

Kolks: Bezogen auf unsere Ermittlungsarbeit gibt es eine starke Tendenz zu Betrugsdelikten rund ums Internet. Die Menschen sind viel mehr zu Hause und bestellen mehr online. Betrogen wird sowohl auf der Käufer- als auch auf der Verkäuferseite. Es wurde etwas bezahlt, was nicht geliefert wurde oder umgekehrt: nicht bezahlt, was geliefert wurde. Solche Warenkreditbetrugssachen kommen jetzt häufig auf unsere Tische. Wir bearbeiten dann Anzeigen aus ganz Deutschland, sofern der Verdächtige in unserem Zuständigkeitsbereich wohnt. Die prozentuale Steigerung der Betrugssachen kann ich noch nicht angeben, das wird die polizeiliche Kriminalitätsstatistik Anfang des Jahres dann zeigen.

Es gab zu Beginn des ersten Lockdowns Befürchtungen, dass die häusliche Gewalt zunehmen könnte...

Kolks: Das Gegenteil war zunächst der Fall – mittlerweile liegen die Zahlen kreisweit aber wieder auf dem Niveau des Vorjahres.

Und Wohnungseinbrüche?

Kolks: Das sind Wellenbewegungen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Einbrecher, ein leeres Haus vorzufinden, ist während eines Lockdowns deutlich geringer. Die Zahl der Einbrüche in Wohnhäuser und Wohnungen ist insgesamt rückläufig. In den ersten Monaten des Lockdowns wurden besonders wenig dieser Taten angezeigt.

Wie haben Sie sich in Ihrer Polizeiarbeit auf die Coronabedingungen eingestellt?

Kolks: Wir haben seit dem ersten Lockdown den Besucherverkehr umgestellt. Wer einen relativ alltäglichen Sachverhalt wie beispielsweise einen Fahrraddiebstahl anzeigen will, kann im Foyer mit Mundschutz kurz mit einem Beamten sprechen. Der händigt dann ein Blanko-Formular aus, das ausgefüllt zurückgeschickt werden kann. Wir erlegen den Bürgern eine gewisse Selbstverpflichtung auf und ermutigen die Bürgerinnen und Bürger auch dazu, online Anzeige zu erstatten, wenn der Fall dies zulässt. Wir können uns da nur bedanken: Die Bürger haben das Procedere akzeptiert, kritische Anmerkungen gibt es so gut wie gar nicht. Bei sensibel zu behandelnden Anzeigen wie Vermisstenmeldungen oder Vergewaltigungen bleiben wir natürlich nicht im Foyer stehen. Die Gespräche werden dann mit FFP1-Masken, die wir hier immer vorrätig haben, und Spuckschutzwänden in unserem Vernehmungszimmer fortgeführt. Bei Vernehmungen unter Beteiligung von Dolmetschern haben wir dann schon mal drei, vier Leute im Raum. Das ist suboptimal, aber unumgänglich.

Das ist der Innendienst. Wie aber laufen Durchsuchungen oder Festnahmen in Zeiten von Corona ab?

Kolks: Wir hatten schon Situationen, in denen Polizeibeamte angespuckt oder sogar gebissen wurden. Das kommt leider häufiger vor. Auch Situationen, in denen aggressive Verdächtige die Corona-Situation bewusst ausnutzen, gab es schon. Wir können so etwas natürlich nicht durchgehen lassen, sondern setzen die polizeilichen Maßnahmen konsequent durch. Ungeachtet dessen, ob der Verdächtige ohne Mundschutz Widerstand leistet, muss zugegriffen werden. Einen Stillstand der Rechtspflege gibt es nicht.

Sorgen sich die Kollegen nach solchen robusten Einsätzen, dass sie sich angesteckt haben?

Kolks: Ja, das tun sie ganz sicher. Sie können sich unmittelbar nach solchen Vorkommnissen testen lassen. Wir versuchen, die Gefährdungspotenziale zu minimieren. Die Kollegen arbeiten gegebenenfalls isoliert weiter. Homeoffice ist auch bei uns Standard. Wir legen höchsten Wert darauf, dass die Funktionsfähigkeit der Polizei trotz Pandemie erhalten bleibt.

Wie gehen Sie privat mit der Pandemie um?

Kolks: Wenig Kontakte, viel Bewegung draußen, wann immer es trotz Winter möglich ist. Meine Mutter ist 82 Jahre alt. Da vermeide ich natürlich tunlichst, dass ich Überträger des Virus bin.

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