Zu Besuch auf dem Lebenshof Kleyer in Holtwick
„Ich lebe hier meinen eigenen Traum“

Holtwick. Mit einem kräftigen Ruck zieht Isabell Kleyer einen Büschel Gras aus der Erde. Sie kniet sich vor einen Zaun und hält das frische Grün durch die Spalten. Nicht lange dauert es, bis drei Schweine den angebotenen Leckerbissen bemerken und sofort an den Zaun stürmen. „Das hier“, erklärt Isabell Kleyer, „ist eine kleine Familie. Papa Stulle haben wir eines Tages aus schlechter Haltung auf unseren Hof geholt.“ Als Mini-schwein war er unterernährt und lebte alles andere als artgerecht. Heute genießt er ein entspanntes Leben mit seiner Familie in Holtwick.

Freitag, 14.08.2020, 18:10 Uhr
Zu Besuch auf dem Lebenshof Kleyer in Holtwick: „Ich lebe hier meinen eigenen Traum“
Einen Lebenshof führt Isabell Kleyer in Holtwick. Damit hat sie sich einen Lebenstraum erfüllt und wohnt heute mit ihrem Mann Markus, drei Kindern und jeder Menge Tiere auf dem Hof. Unter anderem leben 25 Pferde in einer gemischten Gruppe auf der Weide. Fotos: Leon Seyock Foto: az

Einen Lebenshof führt Isbell Kleyer in der Holtwicker Bauerschaft Brock. „Vor vier Jahren erst haben wir diesen Hof gekauft“, berichtet die Reitpädagogin. Dabei lebten sie gerade erst wenige Jahre in einem frisch renovierten Haus in Coesfeld, „und dann habe ich diesen Hof gesehen“, sagt sie, während sie auf das viele Grün um die Gebäude herum blickt. „Und die Entscheidung, ihn zu kaufen und hierher zu ziehen, war auf jeden Fall richtig“, lächelt sie.

Mit einem Hund und zwei Pferden im Gepäck zog sie mit ihrem Mann Markus und den drei Kindern nach Holtwick. „Ich war immer schon im Tierschutz aktiv und es war immer mein Traum, einen eigenen Lebenshof zu führen“, berichtet sie. Diesen Traum hat sich Isabell Kleyer erfüllt. „Natürlich ist es viel Arbeit. Und oft werde ich gefragt, ob es mir gut geht. Aber ich lebe meinen eigenen Traum, was gibt es Schöneres?“, lächelt sie. Auf ihrem Hof finden Tiere Platz, die nicht artgerecht gehalten wurden, die für die Fleisch- oder Eierindustrie benutzt oder kurz vor dem Schlachter gerettet wurden. „Bei uns können die Tiere bis an ihr Lebensende wohnen, so wie sie es möchten“, fasst die 40-Jährige zusammen. Heute leben auf dem Hof Katzen, Hunde, Schafe, Hühner, Pfauen, Pferde, Enten, Kaninchen, Meerschweinchen sowie die Schweine-Familie.

Auch den Eber Stulle hat Isabell Kleyer kurz nach ihrem eigenen Einzug zu sich auf den Hof geholt. Allerdings wusste sie nicht, dass Stulle schon geschlechtsreif war. Nicht lange dauert es also, bis Thea – die bereits auf dem Hof lebte – sechs kleine Ferkelchen warf. „Das war schon toll. Wir haben für fünf von ihnen ein schönes, neues Zuhause gefunden. Nur Tochter Candy ist bei uns geblieben.“ Ihren eigenen Bereich zum Spielen, Schnüffeln, Fressen und Suhlen hat die kleine Familie seitdem auf dem Hof. Etwas skeptisch schaut Oma Babe herüber. „Sie ist ein Hängebauchschwein. Als wir sie auf unseren Hof geholt haben, war davon allerdings nichts zu sehen“, berichtet Isabell Kleyer. Abgemagert und mit Arthrose in den Hinterbeinen kam sie auf den Hof. „Noch heute ist sie sehr schreckhaft und läuft kreischend weg, wenn wir ihr zu nahe kommen. Nicht auszumalen, welches Schicksal sie erlitten hat.“ Daher trennt Oma Babe auch ein Zaun von der aktiven Schweine-Familie nebenan. „Sie genießt lieber ihre Ruhe und schaut zu“, freut sich Isabell Kleyer.

Geschichten über Tierleid, aber auch über schöne Momente kann Isabell Kleyer viele erzählen. Grausige Anblicke würden sich bieten, wenn gerettete Hühner – ohne Federn und mit kaputten Schnäbeln – Einzug bei Familie Kleyer hielten. „Aber es ist wundervoll zu sehen, wie sie das erste Mal die Sonne genießen, ein Sandbad nehmen und frei über den Hof rennen.“

Besonders am Herzen liegen ihr die Pferde. „Anders als auf Reithöfen werden die Pferde nicht in Boxen in Ställen gehalten, sondern sie leben in gemischten Gruppen draußen auf der Weide.“ Die Pferde können fressen, gemeinsam toben und über fast den gesamten Hof spazieren. „Pferde sind stille Leider. In Boxen gehalten zu werden, passt nicht zu Lauftieren“, merkt Kleyer an. Auf der fünf Hektar großen Wiese haben 25 Pferde ordentlich Platz. Wenn sie Hunger haben, wissen sie genau, wo die „Mineral-Bar“, das Heu oder Hafer steht. „Sie können immer fressen, wann sie wollen.“ Auch eine kleine „Apotheke“ mit verschiedensten Kräutern steht bereit, dann könnten sich die Pferde das nehmen, was sie brauchen. Unter anderem um die Pferde kümmert sich auch Paula Grevelhörster, die durch ein Praktikum eine Außenarbeitsstelle über Haus Hall erhalten hat. „Auf unserem Hof kann Pferden ganz anders begegnet werden“, sagt sie. Es sei viel Arbeit, Turnier- oder Vereinspferde an ein Leben auf dem Hof zu gewöhnen. „Oft macht man einen Schritt vor und dann zwei wieder zurück, aber die Arbeit ist es wert. Es ist einfach toll zu sehen, wie sich die Tiere erholen und es ihnen zunehmend besser geht“, sagt Isabell Kleyer auf der Pferdewiese, während sie Merlin über die Schulter streichelt. Denn mit ihm hat alles angefangen. „Er war in einem schlechten Zustand und ich wollte ihm ein schönes Leben bereiten. Damit fing alles an.“

0 Isabell Kleyer nimmt Futterspenden gern entgegen. Kontakt über Mail an hof-kleyer@gmx.de

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7535397?categorypath=%2F2%2F798623%2F798631%2F7095333%2F947623%2F
Nachrichten-Ticker