Zeitzeuge Ludger Ewelt erinnert sich
Ein „letzter Gruß“ auf der „Soldatenbuche“

Darfeld. Ihr Geheimnis gibt die Buche nicht auf den ersten Blick preis. Man muss schon um den Baum herum gehen, um zu entdecken, was ein deutscher Wachsoldat vor 75 Jahren dort eingeritzt hat. „Ein letzter Gruß“ sollte es sein. Entstanden kurz bevor die deutschen Wachsoldaten das Lager im Kurfürstenbusch zwischen Darfeld und Billerbeck räumten. „Die Inschrift ist ziemlich verwachsen. Deutlich zu sehen ist noch das Wehrmachtskreuz und ein Datum. Es könnte sich um ein Datum im März 1945 handeln. Etwa zu dieser Zeit haben die Soldaten das Lager hier im Wald verlassen“, erklärt Ludger Ewelt, der damals sieben Jahre alt war und sich noch sehr gut an diese Zeit erinnert. „Was genau die gemacht haben, das haben wir erst sehr viel später erfahren. Damals kam man dort nicht hin, da waren überall Wachen und wir Kinder hätten uns niemals dort hingewagt“ so Ewelt weiter.

Montag, 23.11.2020, 09:02 Uhr
Zeitzeuge Ludger Ewelt erinnert sich: Ein „letzter Gruß“ auf der „Soldatenbuche“
Eine Gedenktafel, die sich im Besitz von Josef Börsting befindet, zeigt über 90 gefallene Männer aus Darfeld von 1935 bis 1945. Foto: az

Was sie aber ganz deutlich mitbekommen haben, waren die Starts der insgesamt 19 V2-Raketen, die aus dem benachbarten Wäldchen von insgesamt drei Abschussrampen abgeschossen wurden. „Etwa ein bis zwei Stunden vor dem nächsten Abschuss kamen immer Soldaten vorbei und sagten uns Bescheid, dass wir die Türen und Fenster öffnen sollten, damit sie nicht durch die Druckwelle zerspringen“, erinnert sich Ewelt. „An einem Samstag kamen sie gegen 14 Uhr. Aber bei diesem Abschuss fiel die Rakete zurück auf die Abschussrampe und explodierte.“ Die Wucht der Druckwelle sei dabei so groß gewesen, dass die Fenster trotzdem zersprangen.

Die circa 16 Meter langen Raketenkörper wurden vom Bahnhof aus in den Wald transportiert. Die Kartuschen wurden dort unter strengster Bewachung für den Abschuss vorbereitet und mit Sprengstoff befüllt. Dann wurden sie zu den Abschussrampen befördert. Hierzu hatten zuvor polnische Zwangsarbeiter Fichten aus dem angrenzenden Wald schlagen müssen und daraus einen Knüppeldamm gebaut, stets unter Aufsicht deutscher Soldaten. „Eines Tages kam ein Nachbar mit seinem Pferdewagen vorbei. Kurz zuvor hatten uns die Soldaten gesagt, dass wieder eine Rakete abgeschossen wird. Darum rieten wir unserem Nachbarn, die Pferde auszuspannen und bei uns in den Stall zu stellen. Er dachte das sei nicht nötig“, berichtet der Zeitzeuge. „Als dann der Knall kam, fiel er von seinem Wagen. Er hat sich nicht verletzt, aber der Schreck war groß.“

Die Soldaten, die im Kurfürstenbusch stationiert waren, lebten dort in Zelten. Sie sahen sich der ständigen Angst gegenüber, von einer 500-Kilo-Bombe getroffen zu werden, wussten die alliierten Kräfte doch zumindest grob um die Abschussstelle der V2-Raketen, die in Antwerpen landeten und dort größte Zerstörung anrichteten. „Etwa zu Karfreitag 1945 trafen die ersten englischen Soldaten in Billerbeck ein“, erzählt Ewelt. „Kurz darauf zogen hunderte deutsche Soldaten an unserem Hof vorbei. Sie hatten alles stehen und liegen gelassen – ihre Waffen, Handgranaten, Kanonen, Hauptsache weg.“

Während diese deutschen Soldaten sich auf den Weg über die „grüne Grenze“ machten, schafften viele junge Männer aus Darfeld den Weg nach Hause nicht mehr. Sie waren längst im Krieg gefallen. Eine Gedenktafel mit über 90 Fotos und Namen erinnert an die Verstorbenen, denen der Weg zurück in die Heimat verwehrt blieb. Die Tafel ist heute im Besitz von Josef Börsting, der sie als mahnende Erinnerung aufbewahrt hat. Viele der jungen Männer die auf der Tafel verewigt sind, kannte Ludger Ewelt aus der Schule. Warum die Freunde und Schulkollegen plötzlich nicht mehr kamen, überstieg damals mit sieben Jahren seine Vorstellungskraft.

In der Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag wurde seine Familie von sieben deutschen Soldaten geweckt. Sie waren hungrig und räumten den Vorratskeller leer. „Am nächsten Tag saßen wir gerade am Tisch und aßen die Reste, die noch übrig waren. Als zwei Offiziere an die Tür klopften, rief mein Vater, dass wir nichts mehr hätten. Aber sie verschafften sich Zutritt und ließen uns nichts übrig“, schildert Ewelt. „Als mein Vater ihnen alte Kleidung anbot und ihnen den Fluchtweg zeigen wollte, nahmen sie ihn mit nach draußen und zogen ihre Pistolen.“ Dann sei jedoch ein holländischer Melker aus dem Gebüsch gesprungen. „Die Soldaten erkannten ihren Verräter und schossen auf ihn statt auf meinen Vater. Das rettete ihm das Leben“, so Ewelt. Am Nachmittag desselben Tages hängten seine Eltern ein weißes Bettlaken an die Tür, als Zeichen der Kapitulation. Wenig später kamen die ersten englischen Soldaten. „Wir hatten große Angst, daran kann ich mich gut erinnern. Aber die englischen Soldaten waren sehr nett und hatten uns sogar Schokolade mitgebracht, die kannten wir bis dahin gar nicht“, erzählt Ewelt.

Wenn man bedenkt in welcher Eile die deutschen Wachsoldaten ihren Posten im Kurfürstenbusch verließen, ist es umso erstaunlicher, dass einer von ihnen die Zeit fand, sich mit dem „letzten Gruß“ in der alten Buche zu verewigen, und ein noch heute sichtbares Zeugnis hinterlassen hat.

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