Auf den Spuren der Geschichte rund um das Torhaus
„Das war die Keimzelle von Holtwick“

Holtwick. „Hier“, sagt Markus Stroot und deutet mit seinen Fingern auf den Bodenbelag, „lässt sich gut erkennen, wie das Torhaus damals aufgeteilt war und wie es genutzt wurde.“ Wo heute Tische und Stühle beisammen geschoben werden, wo sich Nachbarschaften und Vereine versammeln und wo regelmäßig ein reger Austausch stattfindet, waren damals Tiere untergebracht. „Mit den Steinen auf dem Boden haben wir die damaligen Ställe nachempfunden“, erläutert Stroot. Schweine, Schafe oder auch Hühner, vermutet er, hätten damals in dem mehrere Jahrhunderte alten Torhaus gelebt. Doch ein langer Weg sei es gewesen, bis das Gebäude – das damals Teil eines Gräftehofes war – seine heutige Nutzung erfuhr. „Rückblickend hat sich aber der Einsatz für das Torhaus gelohnt“, sagt Stroot als Vorsitzender des Heimat- und Kulturvereins Holtwick

Freitag, 19.02.2021, 06:00 Uhr
Auf den Spuren der Geschichte rund um das Torhaus: „Das war die Keimzelle von Holtwick“
Als „Keimzelle von Holtwick“ bezeichnet Markus Stroot, Vorsitzender des Heimat- und Kulturvereins, das Torhaus. Der historische Fachwerkbau gilt als das letzte Relikt von dem damaligen adeligen Gräftehof „Haus Holtwick“. Foto: Leon Seyock

Der Gräftehof „Haus Holtwick“, zu dem neben dem Torhaus ein Haupthaus, eine Scheune und eine Stallung gehörte, sei zuletzt im Besitz des Grafen Droste zu Vischering gewesen. „Mehr als das Haus Holtwick mit Ländereien drum herum war hier damals nicht“, schildert Stroot. Aus welchem Jahr das Torhaus stammt, wisse man zwar nicht ganz genau, eine Kerbe am Holzbogen über der Brücke verrät aber, dass der Fachwerkbau um 1670 entstanden sein muss. „Es wird vermutet, dass in diesem Jahr eine Hochzeit auf dem Hof gefeiert wurde, was gleichzeitig die Einweihung des Torhauses gewesen sein könnte“, sagt Stroot.
Noch heute kann man sich auf eine geschichtliche Reise begeben und das Leben rund um das Haus Holtwick nachempfinden. Steht man im Tor selbst – das damals übrigens nicht rund, sondern eckig war – und schaut nach oben, lässt sich eine Luke entdecken. Mit einem langen Holzstab öffnet Stroot diese Luke. „Damals fuhren Wagen mit ihren Waren durch das Tor und mithilfe eines Lastenhebers wurden die Waren direkt auf den Speicher des Torhauses gehoben“, weiß Stroot. Der Lastenheber ist bis heute erhalten und auf dem Dachboden zu finden, wie der Vereinsvorsitzende später noch zeigen wird. Auch die Gräften lassen sich noch erahnen – auf Nordostseite dienen sie heute als Regenrückhaltebecken der umliegenden Bebauung, auf Südseite markiert die Holzbrücke und der Graben direkt am Torhaus den Verlauf. Auch in der heutigen Küche lässt sich erahnen, wie diese Räumlichkeiten genutzt wurden: „Die Wände waren komplett verrußt. Das lässt vermuten, dass sich hier damals ein Backhaus oder etwas ähnliches, jedenfalls mit einem Ofen, befunden haben muss“, sagt Stroot und deutet auf eine Aussparung in der Wand, in der die Schwärze deutlich wird.
Das Torhaus ist zwar ein kleines Bauwerk, dennoch musste es, wie es in einer Publikation rund um die Restaurierung geschrieben ist, „als landwirtschaftliches und zugleich herrschaftliches Nebengebäude multifunktionalen Ansprüchen genügen“. So war es als Festungsbau nicht nur Schnittstelle zwischen innen und außen, es diente auch als Werkstatt, als Remise, als Stall, Lager und eben auch als Backhaus.
Bewohnt sei das gesamte Haus Holtwick von der Familie Droste zu Vischering bis zum Jahre 1680 – als sie das repräsentativere Haus in Darfeld erwarb. Wie es in der Publikation weiter heißt, war das Haus Holtwick seitdem „ausschließlich Pachthof, ein Status, der in Kontinuität bis in das Jahr 1985 reichte, als der letzte Pächter den Hof aufgab“. 1996 erwarb schließlich die Gemeinde Rosendahl den Hof mit dem dazugehörigen Areal und erschloss in den Folgejahren das Neubaugebiet „Haus Holtwick.“
Schon früh sei dem damaligen Heimatverein klar gewesen, dass das Torhaus etwas Besonderes ist. „Es muss damals die Keimzelle des Dorfes gewesen sein“, sagt Stroot. Direkt nach dem Erwerb – das Torhaus steht seitdem unter Denkmalschutz – wurden Überlegungen angestellt, wie das Torhaus erhalten und genutzt werden sollte. Der Zugang für die Öffentlichkeit und eine Fläche zum Austausch und zur Kommunikation hätten bei der Erstellung eines Nutzungskonzeptes immer im Vordergrund gestanden (siehe Infobox). Nach politischen Auseinandersetzungen ist Markus Stroot heute dankbar dafür, „dass die Entwicklung einen so guten Verlauf genommen und sich das gesamte Gelände zusammengefügt hat.“

Die Restaurierung des Torhauses

Zur Umnutzung des Denkmals „Torhaus Holtwick“ zu einer kulturellen Begegnungsstätte wurde ein Konzept entwickelt, das eine nachhaltige Belebung des Gebäudes und denkmalpflegerische Aspekte miteinander verbinden sollte. Frühere Überlegungen, so geschrieben in der Publikation rund um die Historie des Torhauses, hätten auch die ehemaligen Wohn- und Wirtschaftsgebäude miteinbezogen. Diese musste aber aufgrund der maroden Bausubstanz abgerissen werden. Die Restaurierung um Umsetzung des Konzeptes sollte damals insgesamt 834 000 DM kosten, wovon 134 000 DM auf die Gemeinde entfallen sollten. Im Jahr 2000 lehnt der Rat die Durchführung des Konzeptes ab. Nachdem am 8. Februar 2001 erneut die Umnutzungsmaßnahme zurückgestellt wurde, bildete sich eine Bürgerinitiative. „Unser Argument war, dass das Torhaus wegen des Denkmalschutzes ohnehin erhalten werden muss“, sagt Markus Stroot. Im Sommer habe sich daher der „Förderverein Torhaus Holtwick“ gegründet, der es sich zur Aufgabe machte, den historischen Fachwerkbau nach Restaurierung mit Leben zu füllen. Daraufhin reagierte der Rat und stimmte dem Bürgerbegehren zu, sodass im Jahr 2002 mit den Umbaumaßnahmen begonnen wurde. „Mit dem flachten dann auch die politischen Diskussionen ab“, erinnert sich Stroot. In den folgenden zwei Jahren wurde das Torhaus rundum saniert: Mauern und Giebel wurden erneuert, Balken sowie Fenster und Türen ersetzt, das Dach neu gedeckt und das Tor wieder hergerichtet. „Das Torhaus war in einem wirklich schlechten Zustand“, so Markus Stroot. Dennoch – 2004 wurde mit einer Feier das frisch restaurierte Gebäude eingeweiht. Seitdem wird das historisch wertvolle Torhaus von der Holtwicker Bevölkerung regelmäßig genutzt. Aus dem Heimatverein und dem Förderverein wurde im Laufe der Zeit der Heimat- und Kulturverein Holtwick. Ergänzt wurde das Areal des damaligen Hauses Holtwick mehrere Jahre später um den Generationenpark und das Backhaus.     -lsy-

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