Deutsches Milchkontor
Molkerei verweigert Gespräch mit protestierenden Milchbauern

Everswinkel -

Jede Kuh im Stall verursacht 1000 Euro Verlust im Jahr. Kein Wunder, dass die Milchbauern die „Nothilfe“ des Bundes von 100 Millionen Euro als lächerlich einstufen. Aber knapp 100 Bauern, die am Dienstag vor den Türen des Deutschen Milchkontors (DMK) in Everswinkel demonstrierten, sind noch aus einem zweiten Grund sauer: Die Molkerei verweigert das Gespräch.

Dienstag, 31.05.2016, 17:26 Uhr

„Runter von der Menge“ das fordern die Landwirte, die im BDM organisiert sind. Sie demonstrierten am Dienstag bei der Molkerei in Everswinkel, die den Dialog verweigerte.
„Runter von der Menge“ das fordern die Landwirte, die im BDM organisiert sind. Sie demonstrierten am Dienstag bei der Molkerei in Everswinkel, die den Dialog verweigerte. Foto: Klaus Meyer

Der Bundesverband der deutschen Milchviehhalter hatte NRW-weit zur Kundgebung bei der DMK aufgerufen: Aber kein Vertreter von Deutschlands größter Molkerei ließ sich blicken. Stattdessen gab es eine schriftliche Stellungnahme – mit dem Hinweis, man stehe „jedem zielführenden Dialog“ gegenüber.

Anne Schild-Budde ( Coesfeld ) schüttelt den Kopf: „Die Molkereien wollen billige Milch und davon viel. Und dann machen sie sich noch gegenseitig die Preise kaputt.“ Auch Ansgar Stockhoff (Glandorf) kommentiert: „Wir sollen weiter melken. Das ist doch keine Lösung. Wir müssen runter von der Menge.“ Doch den Molkereien gehe es nur um die Auslastung ihrer Werke.

Milchbauern protestieren in Everswinkel

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  • Milch-Bauern aus dem Münsterland protestieren vor der DMK-Zentrale in Everswinkel.

    Foto: Klaus Meyer
  • Aus ihrer Sicht ist die beim Milchgipfel am Montag gefundene Lösung nicht ausreichend.

    Foto: Klaus Meyer
  • Die „Nothilfe“ des Bundes von 100 Millionen Euro stufen sie als „lächerlich“ ein.

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  • Ziel der Landwirte: ein Gespräch mit Deutschlands größter Molkerei, dem Deutschen Milchkontor.

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  • Doch von der Molkerei in Everswinkel wollte niemand mit den Demonstranten sprechen.

    Foto: Klaus Meyer
  • Stattdessen gab es eine schriftliche Stellungnahme – mit dem Hinweis, man stehe „jedem zielführenden Dialog“ gegenüber.

    Foto: Klaus Meyer
  • Dass das DMK in seiner Stellungnahme die Nothilfe des Bundes auch noch als „sinnvoll“ bezeichnet hatte, verursachte bei den Bauern nur Frust.

    Foto: Klaus Meyer

Dass das DMK in seiner Stellungnahme die Nothilfe des Bundes auch noch als „sinnvoll“ bezeichnet hatte, verursachte bei den Bauern nur Frust. Lambert Stöcker (Rösrath) verwies auf die Berge von Milchpulver, die bei den Molkereien lagern, weil sie keinen Absatz finden. „Wir müssen weiter melken, bis die in dem Zeug ersticken“, appelliert er an seine Kollegen. Aber keinem war zum Scherzen zumute. „Wir kämpfen hier für unsere Existenz“, sagte Albert Engbert (Tecklenburg) und ergänzt: „Wenn ich morgens im Stall stehe, frage ich mich, warum ich überhaupt anfange zu arbeiten.“

Das müssen Sie über den Milchgipfel wissen

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  • Halb voll oder halb leer?

    Milchbauern reagieren mit Skepsis auf Zusagen aus Berlin

    „100 Millionen Euro plus X“ und ein „Branchendialog“ über Milchmengen auf dem Markt – damit will Agrarminister Christian Schmidt deutschen Milchbauern unter die Arme greifen. Viele Details sind noch offen. Die organisierten Milchbauern regieren verhalten. Unsere Redaktionsmitglieder Beate Kopmann, Jürgen Stilling und Elmar Ries sowie dpa-Korrespondentin Teresa Dapp haben die wichtigsten Fragen und Antworten zum Milchgipfel zusammengestellt.

    Foto: Jens Wolf
  • Was sehen die vereinbarten Steuerhilfen vor?

    Den Bauern soll rückwirkend über drei Jahre die Möglichkeit einer „Gewinnglättung“ gegeben werden. Heißt: Sie können einen niedrigeren Gewinn ausweisen, damit sie weniger Steuern zahlen müssen. Der Minister geht von einem Umfang von 20 Millionen Euro pro Jahr aus. Wenn ein Bauer Land verkaufen muss oder will, soll es außerdem auf den Erlös einen Freibetrag von 150 000 Euro geben. Bedingung: Das Land wird vom neuen Besitzer für mindestens drei Jahre landwirtschaftlich genutzt und der Erlös zum Beispiel zur Schuldentilgung verwendet. Auch hier geht Schmidt von einem Umfang von mindestens 20 Millionen Euro aus.

    Foto: Oliver Berg
  • Gibt es Zuschüsse?

    Der Bund soll kommendes Jahr mindestens 78 Millionen Euro Beihilfe zahlen für die landwirtschaftliche Unfallversicherung. Solche Hilfen gibt es allerdings schon jetzt.

    Foto: Carsten Rehder
  • Woher kommt das versprochene Geld?

    Was genau von den Bundesländern kommt, will Schmidt kommende Woche mit den Länder-Agrarministern klären. Deutschland verhandelt außerdem mit der EU über ein weiteres Liquiditätsprogramm. Vergangenes Jahr gab es 500 Millionen Euro für Europas Bauern, etwa 70 Millionen gingen an Deutschland.

    Foto: Michael Reichel
  • Was hat es mit den Bürgschaftsprogrammen auf sich?

    Sie sind noch nicht versprochen, aber es wird darüber nachgedacht. Es geht darum, dass der Bund für die Bauern bürgt, damit sie weiterhin Kredite aufnehmen können.

    Foto: Maurizio Gambarini
  • Wie konkret ist der Branchendialog?

    Molkereien und Handel wollen helfen. Das könne ein längerer Weg werden, sagt Schmidt. Wer sich wann und mit wem trifft oder wann Ergebnisse vorliegen, werde in den kommenden Tagen entschieden. Ziel ist, den Milchüberschuss auf dem Markt zu drosseln.

    Foto: Maurizio Gambarini
  • Wie beurteilen die organisierten Milchbauern die Ergebnisse des Gipfels?

    Gar nichts erwarten die Landwirte, die im BDM (Bundesverband deutscher Milchviehhalter) organisiert sind, vom Gipfel. „Jetzt rufen die Brandstifter die Feuerwehr. Und die Brandstifter sind der Deutsche Bauernverband, der Deutsche Milchindustrie-Verband und der Deutsche Raiffeisen-Verband“, schimpft Manfred Fockenbrock, Direktvermarkter aus Telgte. Er und seine Kollegen vom BDM warfen gestern zum Auftakt einer Milchwoche im Kreis Warendorf den „Brandstiftern“ vor, sie hätten sich schon vor Jahren jedem System einer Mengenbegrenzung entgegengestellt. „Das Ergebnis dieser Politik liegt uns jetzt vor den Füßen. Wir müssen runter von der Menge, alles andere hilft uns nicht weiter. Bloß auf Liquiditätshilfen zu setzen, würde bedeuten, einem ertrinkenden Seemann ein trockenes Handtuch hinterherzuschmeißen.“

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  • Wie beurteilt der Handel den Milchgipfel? 

    Der Präsident des Handelsverbands Deutschland, Josef Sanktjohanser, sagte: „Absprachen über einheitliche Mindestpreise im Handel darf und wird es aus kartellrechtlichen Gründen nicht geben.“ Der Handel nehme aber den Auftrag mit, sich auch weiterhin verstärkt dafür einzusetzen, dass deutsche Lebensmittel ihren Platz in den Supermarktregalen behalten.

    Foto: Maurizio Gambarini
  • Röring nicht ganz zufrieden 

    Nicht wirklich zufrieden mit den Ergebnissen des Milchgipfels zeigte sich der westfälisch-lippische Bauernpräsident Johannes Röring aus Vreden. Die zugesagte Soforthilfe reiche nicht, „um unserer notleidenden Branche schnell und wirksam zu helfen“ – auch wenn richtige Ansätze erkennbar seien. Röring hatte vor allem staatliche Bürgschaften als Nothilfe für die Milchbauern geforderte. Gestern legte er nach: „Wir fordern von der Bundesregierung, die angekündigten Liquiditätskredite unverzüglich umzusetzen.“ Danach sei es Aufgabe der Wirtschaft „nach Wegen zu suchen, die Milchmenge zu reduzieren“.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • Molkerei setzt auf den Markt

    Deutschlands größte Molkerei, das Deutsche Milchkontor (DMK), das in Everswinkel einen seiner wichtigsten Standorte hat, lässt sich nicht beirren: Das DMK setzt bei der Milch strikt auf den Markt. Firmensprecher Hermann Cordes verlangte, nicht in die Freiheit des Milchmarktes einzugreifen. „Die angelieferten Mengen sinken aus eigenem Antrieb der Landwirte“, so Cordes. Seit Anfang April schrumpfe die Milchmenge deutlich und liege bis zu vier Prozent unter den Vorjahreswerten. Alle anderen deutschen Molkereibetriebe schlossen sich am Montag in Berlin dieser liberalen Position an. 

    Foto: Klaus Meyer
  • Grüne: „Menge muss runter“

    Finanzielle Hilfen für Milchbauern? Dagegen hat Friedrich Os­ten­dorff, agrarpolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, nichts einzuwenden. Kein Ja ohne Aber: „Das bringt aber nur dann etwas, wenn gleichzeitig die Milchmenge reduziert wird.“ Drei bis vier Prozent weniger, so der Dülmener gestern, würden schon genügen, „damit sich der Preis positiv entwickelt“. Seine Forderung darum: Die Hilfszusagen an Bedingungen zur Mengenreduktion knüpfen. „Alles andere hilft nicht den Milchbauern, sondern am Ende nur den Banken.“ 

    Foto: Rupert Joemann

Felix Brocks-Sickling (Coesfeld) prognostizierte, dass bald viele Betriebe das Handtuch werfen würden. „Dann sollen Aldi, Edeka und die Molkereien doch selbst die Kühe melken.“

Dass die Milchbauern nichts mehr zu verlieren haben, machte auch Tobias Schwakenberg (Warendorf) deutlich. Er forderte: „Wir müssen runter von der Menge. Und dafür brauchen wir ein Gesetz – europaweit.“

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