Verkehrswissenschaftler über Möglichkeiten der Unfallvermeidung
Bus- und Bahnfahren um ein Vielfaches sicherer

Münster - Mehr Sicherheit geht immer, sagt der Leiter des Instituts für Verkehrswissenschaft der Universität Münster nach dem schweren Unfall am Mittwochmorgen auf der B 54 mit Todesfolge. Doch um welchen Preis? Professor Gernot Sieg im Interview.

Mittwoch, 07.09.2016, 20:23 Uhr

Verkehrswissenschaftler über Möglichkeiten der Unfallvermeidung : Bus- und Bahnfahren um ein Vielfaches sicherer
Prof. Dr. Gernot Sieg leitet das Institut für Verkehrswissenschaften der WWU Münster. Foto: privat

Ist die B 54 gefährlich?

Ja, dort finden oft Unfälle satt. Ich kenne die Straße aus eigener Erfahrung.

Überrascht Sie ein Unfall wie der auf der B 54?

Nein, Unfälle passieren immer und überall. Die kommen dann zwar überraschend, sind aber auch normal. Zudem ist die B 54 an der Stelle, wo der Unfall passierte, hochfrequentiert und in den Ausbauplänen vorgesehen.

Alles das, was man vernünftigerweise machen konnte, wurde auf der Strecke bereits gemacht.

Gernot Sieg

Was könnte man anders machen?

Man kann die Sicherheit immer erhöhen: Fahrbahntrennung, Geschwindigkeitsbegrenzung. Alles das, was man vernünftigerweise machen konnte, wurde auf der Strecke bereits gemacht. Irgendwelche Maßnahmen zu fordern, wegen eines Unfalls, von dem wir die Ursache noch nicht kennen, ist nicht die richtige Lösung.

Aber Sie sagten, die Strecke ist gefährlich und man kann die Sicherheit immer erhöhen.

Man könnte theoretisch überall Tempo 30 einführen, aber dann erhöht man die Pendlerkosten, weil die Verkehrsteilnehmer länger fahren müssen. Das muss man gegeneinander abwägen. Das wurde auf der B 54 sicherlich schon richtig gemacht. Dass dann so ein schreckliches Unglück passiert, gehört zum Straßenverkehrssystem. Straßenverkehr ist nun einmal gefährlich.

Was sind Pendlerkosten?

Durch den Unfall haben die Autofahrer längere Fahrtzeiten und dann gibt es eine ganze Reihe von Folgenkosten, dadurch, dass man seine Termine nicht schafft. Wenn zum Beispiel jemand zur Schule muss und kann seine Klassenarbeit nicht mitschreiben, dann muss der Lehrer eine neue Klassenarbeit erstellen oder nochmal später hin. Oder wenn ich einen Geschäftstermin verpasse, eine Deadline nicht einhalten kann. In der Regel werden die Leute zu spät kommen und müssen das nacharbeiten.

Kann man die Folgenkosten greifen?

Theoretisch könnte man versuchen, es im Nachhinein auszurechnen. Da hat man aber nichts davon. Deswegen macht es auch keiner. Das ist ein Unglück und was nützt es, zu wissen, ob da zehn oder Hundert Millionen Euro Schaden entstanden sind? Man würde sich eher fragen: Kann man das Verhalten ändern? Im ökonomischen Idealfall würde der Unfallverursacher die Leute entschädigen. Wenn ich z.B. zehn Minuten im Stau stehe, kriege ich drei Euro überwiesen. Das geht heutzutage noch nicht, weil die ganzen Daten dafür nicht gesammelt werden. Man könnte dem Unfallverursacher auch den Schaden auferlegen. Dann würde die Polizei ihm eine Strafe in Höhe des Schadens von bspw. einer Million Euro auferlegen. Das würde heißen, dass er sich dagegen versichert, dann steigen für alle die Haftpflichtprämien, würde das Verhalten der Leute aber auch nicht verändern. Das Einzige, was Versicherungen schon machen, ist, die Prämien der Fahrweise anpassen. Aber das sind alles so theoretische Überlegen, die vielleicht in 30 Jahren umgesetzt werden. Heutzutage bezahlt der Unfallverursacher zwar die direkten Schäden über seine Haftpflichtversicherung, aber die Verkehrsteilnehmer stehen einfach im Stau. Das gehört mit dazu, das wissen wir vorher.

Wir müssen somit einfach mit den gesellschaftlichen Folgekosten leben?

Ich würde differenzieren zwischen der Gesellschaft und den Verkehrsteilnehmern. Die wesentlichen Folgekosten entstehen bei den Verkehrsteilnehmern. Sie beteiligen sich freiwillig an dem System, bei dem man jederzeit damit rechnen muss, im Stau zu stehen.

Wir müssen also mit allen Nachteilen, die Verkehr mit sich bringt, leben?

Man muss natürlich dafür sorgen, dass Leute sicher fahren und man möglichst Unfälle vermeidet: Fahrzeuge technisch überprüfen, Alkoholverbot und gut ausgebildete Lkw-Fahrer sind solche Maßnahmen. Aber mit dem Rest muss man leben - oder man sucht sich ein sichereres Verkehrsmittel wie Bus oder Bahn.

Busse fahren aber auch auf den Straßen.

Busfahren ist trotzdem sehr viel sicherer, vor allem weil es professionelle Fahrer sind und weil sie nicht so schnell fahren. Die Bahn ist 60 Mal, Busfahren 15 Mal sicherer als Autofahren.

 

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