Nach Amputation
Einbeinig über die Alpen

Münster -

Nicholas Perreth hat erst den Krebs bezwungen, dann die Alpen. Dass dabei sein rechtes Bein auf der Strecke blieb ist, hat er bewusst entschieden. Nach 16 Operationen, drei künstlichen Gelenken und einer Beinverlängerung schien ihm das die beste Lösung zu sein.

Samstag, 03.12.2016, 14:00 Uhr aktualisiert: 03.12.2016, 15:02 Uhr
Nach Amputation  : Einbeinig über die Alpen
Nicholas Perreth:„Mir kam der Gedanke, dass ich ohne das Bein wahrscheinlich besser dran bin als mit.“ Foto: Torben Gocke

 „Es war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe“, sagt Nicholas Perreth . „Ich kann endlich wieder all das machen, was ich will – außer joggen.“ Die Entscheidung, von der Nicholas Perreth spricht, war die, sich endgültig von seinem rechten Bein zu trennen. Die Amputation hat sein Leben verändert. Zum Positiven – wie er betont. Gerade hat er mit dem Fahrrad die Alpen überquert. Und er hat noch viele weitere sportliche Pläne.

Elf Jahre hatte der heute 32-Jährige überwiegend im Universitätsklinikum Münster (UKM) verbracht und mit seinen Ärzten um sein Bein gekämpft. Begonnen hatte alles 2004. Mit 19 wurde ein Tumor in der rechten Beckenschaufel entdeckt. Professor Arne Streitbürger, Sektionsleiter Tumororthopädie, Revisionschirurgie und Technische Orthopädie, hat dem Patienten damals die Gewebeprobe entnommen und ihn auf seinem langen Leidensweg und während der Operationen begleitet. Der Knochen rund um den Tumor musste weiträumig entfernt werden. Es folgte die Chemotherapie. Und dann gab es ein neues Hüftgelenk. Doch so richtig wollten die künstlichen Ersatzgelenke nicht mit dem Körper den jungen Mannes kooperieren. Immer wieder gab es Infektionen. „Das ist das größte Risiko bei solchen Operationen“, betont Streitbürger.

Es gibt nichts, was gegen die Amputation spricht. Ich war wirklich überzeugt, das Richtige zu tun.

Nicholas Perreth

Alles haben die Ärzte versucht, um das Bein zu erhalten. Den Krebs hatte Nicholas Perreth besiegt, aber wirklich gesund war er nicht. 16 Operationen in zehn Jahren, drei künstliche Gelenke, eine Beinverlängerung um sieben Zentimeter – alles vergebens. Immer wieder musste Perreth Rückschläge verkraften. „Das habe ich allerdings nicht so gesehen. Mein Ziel war nur, wieder gesund zu werden. Ich wollte irgendwann einfach nur mal wieder durch den Wald laufen können.“ Doch nach den vielen Operationen wäre das ohnehin schwierig geworden.

Wenn überhaupt, hätte sich Perreth mit Hilfe eines Rollators oder eines Rollstuhls fortbewegen können. Das Gehen wäre ihm schwer gefallen. Ein aktives Leben mit viel Sport – und das war Perreth immer wichtig – war nicht mehr möglich. „Mir kam der Gedanke, dass ich ohne das Bein wahrscheinlich besser dran bin als mit“, erklärt der Detmolder. „Ich wollte für mich im Kopf alle Pro- und Kontra-Argumente für die Amputation abwägen.“ Dann habe festgestanden: „Es gibt nichts, was gegen die Amputation spricht. Ich war wirklich überzeugt, das Richtige zu tun.“

Streitbürger erinnert sich an den Tag, als Perreth ihm diese Entscheidung mitteilte. „Natürlich haben wir lange um das Bein gekämpft, den Krebs besiegt, aber diese Entscheidung zur Amputation musste ich mittragen.“ Vielleicht hätte es noch andere Wege gegeben, aber aus heutiger Sicht hätte Perreth nicht mehr diese Lebensqualität gehabt, wie er sie nun wiedergewonnen hat. Perreth nahm Kontakt mit den Spezialisten von der UKM ProTec Orthopädische Werkstätten auf, die ihm eine Prothese anfertigen sollten.

Natürlich haben wir lange um das Bein gekämpft, den Krebs besiegt, aber diese Entscheidung zur Amputation musste ich mittragen.

Professor Arne Streitbürger

Im August 2014 amputierten ihm die Ärzte ein Bein. „Eigentlich wollte ich kein Ersatzbein, ich dachte, ich komme mit Gehhilfen ganz gut klar“, erzählt Perreth. Aber der Orthopädiemechaniker Michael Rolf hatte überzeugende Argumente für eine Prothese. „Mit zwei Beinen hat man die Hände frei und das Einkaufen im Supermarkt fällt leichter. „Das stimmt“, sagt Perreth, der jetzt froh ist, doch mit zwei Beinen durchs Leben gehen zu können.

Perreth hat eine Beckenkorbprothese erhalten. Der Korb ist maßangefertigt. Weihnachten mal etwas viel essen – dann kann der Korb schon eng werden. Dann verändern auch die vielen sportlichen Aktivitäten den Köper, das bedeutet für die Orthopädietechniker immer wieder Arbeit. „Arbeit, die wir gerne machen“, betont UKM-ProTec-Geschäftsführer Sebastian Pfister, „schließlich haben wir die Mobilität ermöglicht“.

Die Sensoren reagieren sehr fein, darauf muss sich der Körper einstellen. Laufen mit einer Prothese ist für den Menschen sehr aufwendig.

Orthopädiemechaniker Michael Rolf

Mit der Prothese musste Perreth erst einmal neu laufen lernen. Die Sensoren reagieren sehr fein, darauf muss sich der Körper einstellen. „Laufen mit einer Prothese ist sehr aufwendig“, erklärt Rolf. Rund 50 Prozent mehr Energie als üblich muss dabei aufgewendet werden. Der 32-Jährige läuft mit der Prothese wie ein nicht eingeschränkter Mensch.

Trotzdem versteckt er das künstliche Bein nicht. Er krempelt das Hosenbein immer hoch, damit jeder die Prothese sehen kann. Die Alpenüberquerung mit dem Rad – in zwölf Tagen von München nach Venedig – hat Perreth ohne Prothese auf sich genommen.

Doch den technischen Fortschritt in der Orthopädietechnik will er dennoch nutzen. „Ich träume von speziellen Sportprothesen, die mir Joggen, Bergsteigen oder Skifahren ermöglichen. „So ein Kletterhaken am Fuß fürs Bergsteigen, das wär’s.“ Einen 7000er in Tadschikistan hat Perreth schon im Blick, den er demnächst erklimmen will.

So ein Kletterhaken am Fuß fürs Bergsteigen, das wär’s.

Nicholas Perreth

Rudern steht auch auf dem Plan, ebenso Skifahren und am liebsten auch die Teilnahme an den Paralympics. Jeder, der Perreth kennt, glaubt ihm, dass er das schafft. „Das amputierte Bein hat mir viele Türen geöffnet“, sagt er.

Seine Lebensfreude und Energie, die er ausstrahlt, die gibt er weiter. Gelegentlich an Patienten im UKM, denen eine Amputation bevorsteht und denen Perreth Mut macht. „Ich will auch als Motivationstrainer arbeiten und anderen Menschen vermitteln, dass Aufgeben nie der richtige Weg ist.“

Knochenkrebs

„Knochenkrebs trifft vor allem junge Menschen“, sagt Dr. Arne Streitbürger, Sektionsleiter Tumororthopädie, Revisionschirurgie und Technische Orthopädie am Universitätsklinikum Münster. Erste Maßnahme bei diesen Patienten sei es, den Krebs zu bekämpfen – auch damit dieser sich im Körper nicht weiter ausbreitet. Dafür werden der Tumor und das umliegende Gewebe sowie der Knochen weiträumig entfernt. Erstes Ziel sei es nach überstandener Krebstherapie, betroffene Gliedmaßen zu erhalten, so Streitbürger. Doch nicht immer klappt das. Wenn es zu einer Amputation kommt, arbeitet das UKM eng mit erfahrenen Orthopädietechnikern, wie denen von der UKM Pro Tec Orthopädische Werkstätten GmbH, zusammen. Dort werden Patienten mit qualitativ hochwertigen orthopädischen Hilfsmitteln versorget, um ihnen eine eigenständige, mobile Lebensführung und eine erstrebenswerte Lebensqualität zu ermöglichen.

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