Nitrat im Grundwasser
„Zu viel Gülle auf zu wenig Fläche“

Lienen/Tecklenburger Land -

Die Nitratbelastung des Grundwassers infolge von Düngung ist zu hoch – das besagt der Nitratbericht 2016. Eine Ursache: Landwirte bringen Gülle aus, weil die Lager voll sind, nicht weil die Pflanzen es brauchen, meint Landschaftsökologe Dr. Klaus-Holger Knorr. Im Interview spricht er über die Situation im Münsterland und Lösungsansätze.

Mittwoch, 11.01.2017, 11:29 Uhr

Ausbringen von Gülle mit Schleppschläuchen. Dr. Klaus-Holger Knorr beschäftigt sich beruflich an der Uni Münster mit dem Themenkomplex Dünger-Nitrat-Grundwasser.
Ausbringen von Gülle mit Schleppschläuchen. Dr. Klaus-Holger Knorr beschäftigt sich beruflich an der Uni Münster mit dem Themenkomplex Dünger-Nitrat-Grundwasser. Foto: Wilfried Gerharz

Im Gespräch mit Redakteurin Sabine Plake nennt Dr. Klaus-Holger Knorr , akademischer Rat für die Arbeitsgruppe Ökohydrologie am Institut für Landschaftsökologie der Universität Münster , Ursachen und Lösungsansätze.

Es gibt zu viel Nitrat im Grundwasser, warum?

Klaus-Holger Knorr: Es wird zu viel Dünger auf die Felder gebracht und das zum Teil zu den falschen Zeiten, wenn die Wetterbedingungen nicht so gut sind. Nitrat ist mobil. Gibt es viel Niederschlag, wird es aus dem Boden ausgewaschen. Daher muss man darüber nachdenken, ob das Zeitfenster zur Ausbringung von Gülle , von Frühjahr bis Herbst, richtig terminiert ist. Oder ob man da an den Stellschrauben dreht. Da müssen die Regularien, die Übergangszeiten, zum Beispiel zum Winter, überprüft werden.

Es gibt aber auch ein Zuviel an Dünger?

Klaus-Holger Knorr: Ja, auch das muss überprüft werden. Wenn die Landwirte im Winter keine Gülle ausbringen dürfen, dann entsteht bei ihnen wegen der Tierhaltung ein gewisser Druck, das zu Beginn des Frühjahrs zu tun – egal wie das Wetter ist. Die Lager sind voll. Dann kann man eher von einer Abfallbeseitigung ausgehen anstelle einer gezielten Düngung. Da muss man hinschauen, ob das genug reguliert wird.

Nitrat

Nitrat ist eine chemische Verbindung aus Stickstoff und Sauerstoff. In Gewässern fördert sie das Algenwachstum, was anderen Pflanzen schadet. Für Menschen ist der Stoff selber nicht gefährlich. Nitrat kann aber zu Nitrit werden, das wiederum den Sauerstofftransport im Blut blockiert. Außerdem besteht der Verdacht, dass Nitrit indirekt krebserregend ist. Beim Trinkwasser werden diese Stoffe deshalb herausgefiltert, was teuer ist und den Wasserpreis nach oben treibt. 

Wegen anhaltend hoher Nitratwerte im Grundwasser pocht Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) auf ein strengeres Düngerecht. Auch NRW-Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) fordert eine Verschärfung der Düngeverordnung.

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Sie glauben also, da geht es nicht um das Düngen der Pflanzen, sondern um das Loswerden der Gülle?

Klaus-Holger Knorr: Genau. Ich halte das für ein Verteilungsproblem. Wie viel Gülle wird auf wie viel Fläche ausgebracht. Ich glaube, dass es hier ein Missverhältnis gibt. Die Gülle wird auf zu wenig Fläche verteilt. Es sind zu viele Tiere. Das ist ein Dilemma. Der Landwirt muss die Gülle loswerden, hat aber eigentlich nicht genügend Fläche. Aber die Gülle ist da. Er muss sie nicht extra kaufen, wie manch anderer Landwirt. Der, der den mineralischen Dünger kaufen muss, wird wesentlich sparsamer damit umgehen und genau schauen, wann er ihn aufbringt, ob das Wetter passt, um so einen optimalen Ertrag zu bekommen und so wenig wie möglich für den Dünger zu bezahlen. Er wird das Ganze genau planen. Wenn er nämlich zu viel Dünger ausbringt, dann schießt das Getreide in die Höhe und es knickt um. Dann muss er wieder Halmverkürzer einsetzen oder der Schädlingsdruck steigt. Er wird also genau darauf achten, was der Pflanze guttut. Bei einem Schweine- oder Rinderzüchter gibt es mehr Druck, er wird weniger darauf achten, weil er die Gülle loswerden muss. Generell habe ich aber viel Vertrauen in die Landwirte. Sie sind gut ausgebildet und stehen unter einem gewissen Preisdruck. Sie werden gezielt und wirtschaftlich arbeiten.

Gibt es denn keine Alternativen, wo die Gülle bleiben könnte?

Klaus Holger Knorr: Für die Gülle gibt es keinen Markt. Zudem sprechen wir hier von riesigen Volumina und einem schwierigen Transport.

Im Münsterland gibt es sehr viele Betriebe mit Tierhaltung. Können Sie sich das erklären?

Klaus-Holger Knorr: Gründe dafür kann ich nicht nennen. Es ist aber auch so, dass die Gegend hier, auch wegen der Tierzucht, stark Mais dominiert ist. Das liegt auch an den Biogasanlagen. Mais verträgt sehr viel Gülle und kann daher häufig gedüngt werden. Der Nebeneffekt: Stillgelegte Flächen dürfen wegen der nachhaltigen Energiegewinnung wieder reaktiviert werden. Diese stillgelegten Flächen sind ja oft die nicht so ertragreichen Flächen, sie können gedüngt werden. Das ist auch ein Problem für Biolandwirte. Denn die Preise für Land steigen, auch für weniger rentable Flächen, die oft im Biolandbau genutzt werden.

Es gibt zahlreiche Projekte, mit Zwischenfrüchten zu experimentieren, die dazu beitragen, dass Nitrat im Boden zu halten. Was halten sie davon?

Klaus-Holger Knorr: Das ist ein guter Ansatz, dass der Boden immer bedeckt ist und der Stickstoff aus dem Nitrat aufgenommen wird. Das ist eine gute Möglichkeit, die Nährstoffe im Boden zu halten. Sie werden so nicht ausgewaschen. Das kenne ich aus dem Süden, wo ich herkomme, beispielsweise in den Weinbergen, es verhindert auch Bodenerosion. Im Biolandbau ist diese Technik ebenfalls sehr verbreitet.

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