Spurensicherung
Pinsel, Pulver, Präzision: Wie die Polizei am Tatort die Fährte aufnimmt

Tecklenburger Land -

Ein Montagmorgen, irgendwo im nördlichen Münsterland. Klaus Buddemeier öffnet den Kofferraum seines Opels und holt sein „Gepäck“ – eine kleine Tasche und einen großen Koffer – heraus. Verreisen will er aber nicht. Buddemeier ist Spurensicherer bei der Kripo. Diesmal hat es einen Lebensmitteldiscounter erwischt. Die Diebe kamen über Nacht.

Montag, 30.01.2017, 14:42 Uhr

Rußpulver und Pinsel sind klassische Utensilien eines Spurensicherers, um Fingerabdrücke sichtbar zu machen.
Rußpulver und Pinsel sind klassische Utensilien eines Spurensicherers, um Fingerabdrücke sichtbar zu machen. Foto: Henning Meyer-Veer

Klaus Buddemeier und sein Kollege Michael Poggemann (Tatortaufnahme) hingegen kommen erst am Morgen. Nachdem das Marktpersonal den Einbruch entdeckt und gemeldet hat. Buddemeiers Tasche enthält eine Kamera, sein Koffer alles, was man so zur Spurensicherung braucht: Fingerabdruckpulver, Lupe, Stäbchen für DNA-Material, Latex-Handschuhe...

Und das Duo macht sich sofort ans Werk. Am Anfang aber bleibt der Koffer zu. „Wir sichten zunächst einmal den Tatort“, erklärt Buddemeier. Man schaut sich um. Dass er und sein Kollege dabei mit gesenkten Köpfen umherlaufen, hat nichts mit schlechter Laune zu tun. „Der erste Blick geht immer nach unten“, so Buddemeier. Fußabdrücke.

„Wenn man da einmal drüber ist, dann ist die Spur zerstört.“ Das darf nicht sein. Und damit es nicht passiert, nimmt ein Spurensicherer seinen Tatort sehr gewissenhaft unter die Lupe, denn Spuren wie DNA oder Finger- und Sohlenabdrücke sind es, die er sucht.

Wie haben sich Einbrecher Eintritt verschafft?

Nur wo soll er suchen? Klaus Buddemeier läuft durch die Räume des Discounters und murmelt leise vor sich hin. Das macht er extra. „Ich versuche so, einen Ablauf hinzukriegen“, sagt er. Das heißt zu gucken, wo sind die Täter in den Markt gekommen, wie haben sie sich innen bewegt, wie sind sie wieder rausgekommen. „Das ist für mich wichtig, um zu wissen, wo ich nach Spuren suchen muss. Ich muss mich in die Lage des Täters hineinversetzen.“

Im konkreten Fall sind die Täter offenbar ein Regenrohr hochgeklettert, haben ein paar Dachpfannen hochgenommen, sind unter dem Dach in das Gebäude eingedrungen und haben sich dort am Tresor zu schaffen gemacht. Raus ging es durchs Fenster.

Erste Spuren entdeckt

Exakt diesen Weg nimmt Klaus Buddemeier jetzt auch, aber natürlich nur zum Sichern von vorhandenen Spuren. Deshalb ist er vorsichtig. Und er wird fündig. Schuhspuren an der Wand und auf dem Dach.

An der Dachrinne werden mittels sogenannter Bakterietten (Wattestäbchen) DNA-Spuren gesichert. Allerdings braucht die Polizei dazu Amtshilfe von der Feuerwehr. Der Löschzug Recke rückt an, um eine Steckleiter von ausreichender Höhe bereitzustellen.

Spurensicherung

Der kriminaltechnische Angestellte Klaus Buddemeier ist seit über fünf Jahren Spurensicherer, oder ganz korrekt: Erkennungsdienstler. Neun Stück gibt es von ihnen im Kreis Steinfurt, sieben Männer und zwei Frauen. Die Tatortaufnahme erfolgt immer gemeinsam von einem Spurensicherer und einem Kriminalbeamten des zuständigen Kommissariats.

Für Klaus Buddemeier ein Wunschberuf. „Das macht mir Spaß.“ Spuren sichert er an Tatorten aller Art - „von Einbruch bis Mord“. Die kriminaltechnischen Angestellten, hätten alle eine handwerkliche Ausbildung absolviert. „Bevor ich zur Polizei gegangen bin, habe ich KFZ-Mechaniker gelernt“, sagt Klaus Buddemeier.

...

Derweil kümmert sich sein Kollege Kriminalhauptkommissar Michael Poggemann um die Tatortaufnahme. Das heißt, er erhebt den objektiven und subjektiven Tatbefund. Er spricht mit den Marktangestellten, sammelt alle wichtigen Informationen, zum Beispiel, wann der Einbruch bemerkt wurde. Im zuständigen Kommissariat ist das ein wechselnder Dienst. Wochenweise. „Da machen wir dann die ganze Woche nichts anderes“, sagt Poggemann. Und zwar an allen möglichen Tatorten. „Egal, was kommt.“

Sicherung von DNA-Spuren

Im Marktinneren arbeitet sich Klaus Buddemeier entlang der Spuren allmählich dorthin vor, wo es spannend wird: zum Tresor. Die Tür zum Raum ist aufgehebelt, den Tresor selber mit der Flex (vergeblich) bearbeitet, ein paar Schließfächer sind aufgebrochen, und die Scheibe zum Verkaufsraum wurde eingeschlagen - zu sichernde Spuren gibt es hier eine Menge.

Ein - offenbar von den Tätern mitgebrachter - Schraubenzieher wird eingetütet. Ihn werde er, so Buddemeier, später noch einmal abreiben, das heißt, eventuelle DNA-Spuren sichern und auf andere Besonderheiten untersuchen. Vielleicht wurde er ja schon mal woanders verwendet.

Am Tresor selbst kommt dann das gute, alte Rußpulver zum Einsatz. Mit einem feinen Pinsel bringt Klaus Buddemeier das schwarze Pulver auf der Tresoroberfläche auf. Und wird fündig. Fingerabdrücke sind zu sehen. Und wieder kommen die DNA-Stäbchen zum Einsatz. Auch am Fenster, durch das die Täter den Lebensmittel-Discounter verlassen haben, verfährt er so.

Ausschluss von irreführenden Spuren 

Wenn es irgendwo einen Verdächtigen gibt, kann dessen DNA mit verschiedenen Tatortspuren abgeglichen werden, und ihm können so eventuell auch noch weitere Taten nachgewiesen werden.

Buddemeier ist bei seiner Arbeit vorsichtig. Spurensicherer wissen, wie sie es vermeiden können, ihre eigene DNA oder ihre Finderabdrücke am Tatort zu hinterlassen. Mit Sorgfalt. Und wenn doch mal ein Malheur passiert, sind ihre Datensätze hinterlegt, damit diese irreführenden Spuren gleich aussortiert werden können.

Im Falle des Lebensmitteldiscounters hat die Kripo ein paar Spuren gefunden, Schuhspuren, Fingerspuren,  ein Tatwerkzeug. Für Buddemeier eher unspektakulär. „Das hielt sich in Grenzen. Ein ganz normaler Tatort.“ Die Spuren werden jetzt in die entsprechenden Datenbanken eingepflegt. Vielleicht wird man ja fündig. Und selbst, wenn nicht: „Nach dem Datenabgleich mit der KTU (Kriminaltechnische Untersuchung, Anm. d. Red.) kann ich gucken, ob ein identischer Schuhabdruck bei anderen Einbrüchen aufgetaucht ist“, sagt Buddemeier.

LKA-Datenbank in Düsseldorf 

Als nächsten Schritt werde er einen Bildbericht erstellen, sagt der Spurensicherer. Die gemachten Fotos werden chronologisch geordnet, die gefundenen Spuren daraufhin archiviert. DNA-Spuren werden beim Landeskriminalamt (LKA) in Düsseldorf in die Datenbank eingepflegt, Schuhspuren hingegen bei der KTU in Münster.

Am Tatort hat der Spurensicherer seine Arbeit getan. Klaus Buddemeier verabschiedet sich von den Angestellten und verstaut Tasche sowie Koffer wieder in seinem Opel. Schnell noch einen Zigarillo. Dann geht es weiter. Der nächste Tatort wird nicht lange auf sich warten lassen.

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